Swantje Starke konnte sich nicht gegen ihren Mörder wehren
STADE/NEUENKIRCHEN. Sitzt hier der Mörder ihrer besten Freundin nur zwei Armlängen von ihr entfernt? Die 49-jährige Zeugin fixiert am zweiten Prozesstag vor der 2. Großen Strafkammer des Landgerichtes Stade den 50-jährigen Angeklagten Ferdinand H. immer wieder ganz bewusst. Aber der Neuenkirchener lässt auch gestern keine Reaktion zu, er meidet jeglichen Blickkontakt, seine Augen bleiben gesenkt und die Körperhaltung verschränkt.
Ferdinand H. ist angeklagt, am 23. August 1981 - also vor 29 Jahren - die damals 21-jährige Neuenkirchenerin Swantje Starke überfallen und mit mindestens 63 Messerstichen ermordet zu haben, als die junge Frau - wie so oft - auf einem ihrer nächtlichen Spaziergänge unterwegs war. Ihre unbekleidete Leiche wurde drei Tage später an einem Graben eines Feldweges in Brüninghemm gefunden. Nach einem Hinweis 2008 war der Neuenkirchener zunächst als Zeuge polizeilich vernommen worden. Eine freiwillig gegebene Speichelprobe soll laut Anklage ergeben haben, dass beim Opfer gefundene DNA-Spuren von ihm stammen. Der Angeklagte räumt zwar ein, am Tatort gewesen zu sein, doch sei Swantje Starke zu diesem Zeitpunkt schon tot gewesen. Staatsanwalt Dr. Arne Wieben will dem Angeklagten in dem Indizienprozess einen fast drei Jahrzehnte zurückliegenden Mord nachweisen.
Dass die Tat mit unglaublicher Brutalität ausgeführt wurde, lassen die Ausführungen von Dr. Eberhard Hildebrandt, Gerichtsarzt a.D., ahnen. Er obduzierte damals mit einem Kollegen die Leiche. "Gestorben ist sie durch zahlreiche Stichwunden und Schnittverletzungen. Wir haben mindestens 63 Verletzungen festgestellt." Als tödliche Verletzungen bezeichnete er einen Stich von vorn - "vom Rippenwinkel durch das Herz hindurch" - sowie einen weiteren Stich im Rücken, der die Brustschlagader durchtrennt hatte. Überhaupt gab es die meisten Verletzungen im Rückenbereich: 44 Einstiche, davon 20 in die rechte Brusthöhle, ließen auf einen Rechtshänder schließen. Als Tatwerkzeug vermutet der Mediziner ein einschneidiges Werkzeug mit 1,8 bis 2 Zentimeter breiter Klinge.
Auch auf Spermaspuren wurde untersucht, allerdings mit negativen Ergebnis. "Es gab keine Hinweise auf sexuelle Attacken." Swantje war ein wehrloses Opfer. Die Mediziner entdeckten nicht den geringsten Hinweis auf Abwehrverletzungen und untersuchten besonders, ob Würgegriffe angewendet wurden. Tatsächlich gab es "eindeutige Hinweise, dass mindestens einmal kräftig zugegriffen worden ist".
Kriminalpolizist a.D. Fritz John (Stade) war damals Sonderkommissionsleiter. Er gab einen Augenzeugenbericht vom Tatort und beschrieb die Ermittlungen, vor allem nachdem feststand, dass der 1,67 Meter lange Kälberstrick und der graue Kinderschal nicht dem Opfer gehört hatten. Er ging er auch auf die vergebliche Suche nach dem passenden Kleinwagen zu den am Tatort gesicherten Reifenspuren ein.
Wie war Swantje Starke? Was können ihre damaligen Freunde berichten? Fragen, die das Gericht in diesem Indizienprozess fast 30 Jahre später beschäftigen. Ihre schon seit der ersten Klasse eng vertraute Freundin - als Zeugin geladen - schildert Swantje als "sehr interessiert, belesen und gebildet". Die heute 49-jährige hielt auch regelmäßig Briefkontakt , als Swantje ein Jahr in einer Gastfamilie in den USA lebte. Vor Gericht spielte eine hässliche Episode aus dieser Zeit gestern eine Rolle. In einem Brief, der auszugsweise verlesen wurde, hatte Swantje offenbart, dass sie vergewaltigt worden war. Ohne in schmerzliche Details über die Tat zu gehen, beschrieb sie, dass sie sich dabei ganz bewusst vernünftig verhalten, sich nicht nicht gewehrt habe und es über sich hat ergehen lassen. Aus Rücksicht auf ihre Eltern bat sie um Stillschweigen. "Swantje war sehr reflektiert. Zwar nicht kopfgesteuert, aber in der Lage, Dinge distanziert zu betrachten", so die Freundin gestern vor Gericht. Den Angeklagten, dem sie immer wieder vergeblich versucht, Reaktion per Blickkontakt zu entlocken, kennt sie nicht, auch wenn beide aus dem gleichen Dorf kommen.
Befragt wurden auch weitere Freunde des Opfers. Ein heute 55-Jähriger, der Swantje aus der kirchlichen Jugendarbeit kannte hatte sie noch am Sonntag, 23. August, besucht und bis 23 Uhr mit ihr den Tag verbracht. Weil er zu seiner Tante zurück wollte, die allein in Spieka war, hatte er das Angebot ausgeschlagen, in Neuenkirchen zu übernachten. Präsent ist ihm das Gespräch über Swantjes bevorstehenden nächtlichen Spaziergang und seine Bedenken darüber. "Manchmal bedauere ich, nicht dort geblieben zu sein", sagt der Mann leise im Zeugenstand.
Der Prozess ist noch bis November terminiert. Licht ins Dunkel des weit zurückliegenden Tathergangs soll im Zuge der Beweisaufnahme auch ein nächtlicher Ortstermin im nächsten Monat mit realitätsnahem Szenario am Tatort bringen.
Von Wiebke Kramp
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