"Tschüss Cassen!" Reeder Cassen Eils ist gestorben

09.01.2010

CUXHAVEN. Es gibt - weit weniger, als es selber von sich glauben - einige Menschen, die immer "da sind". Ohne die man sich beispielsweise die deutsche Nordseeküste nicht vorstellen kann. Cassen Eils ist einer von ihnen, und doch muss es künftig ohne ihn weitergehen. Am Mittwoch erlag er einer schweren Krankheit, die ihn in den vergangenen Monaten bereits zeichnete, von der er sich aber nie unterkriegen ließ.

Nicht unterkriegen lassen - das ist ein Wesenszug von Cassen Eils gewesen. Der Insel-Ostfriese, 1923 geboren auf Norderney, verinnerlichte ein Motto seiner Heimat: "Ordentlich anpacken und sück röögen" (sich regen). Als junger Kapitän, das Patent erwarb er 1948, sieht er das Potenzial des Tourismus und beginnt mit Gästefahrten, lernt dabei auch seine spätere Ehefrau Christa kennen, die Liebe seines Lebens.

Ein Wendepunkt war das Jahr 1952. Die Reederei Cassen Eils wurde gegründet und nahm den Liniendienst zwischen Cuxhaven und der gerade freigegebenen Hochseeinsel Helgoland auf. Seitdem stellt das Unternehmen als einziges die ganzjährige Anbindung der Insel sicher.

Cassen Eils und die Helgoländer - Insulaner traf auf Insulaner. Man liebte sich nicht, aber man schätzte und respektierte sich, auch wenn statt Namen die mit hoher Treffsicherheit von Cassen Eils verliehenen Spitznamen in Gebrauch waren. Schlimmer als Furzi, König von Tonga oder Ahab zu heißen war es, so unbedeutend zu sein, ohne diesen "Adelsschlag" leben zu müssen.

Man ärgerte und stritt sich, aber man wusste auch, was man aneinander hat. Und für Cassen Eils war immer klar, dass er "seine Helgoländer" nie hängen lässt. Auch wenn er es aus geschäftlichem Kalkül nicht formulierte, die Taten sprachen für sich.

Zu den Eigenarten des Norderneyer "Schüfkes" (mehr schlecht als recht übersetzt mit "Schlaumeier") gehörte neben einer kräftigen Portion Humors eine heute selten gewordene Direktheit. So verweigerte er sich auch in den letzten Jahren der angeblich unumgänglichen Terminkalender-Diktatur. Statt dessen pflegte der Kapitän und Reeder ein offenes Büro.

Wer was wollte, schaute einfach rein. Zwischen einer Tasse Tee und einem unverblümten Rauswurf ist alles möglich gewesen, konnte am nächsten Tag aber auch schon wieder ganz anders aussehen.

Seit 1952 haben die Reederei und ihr Chef Höhen und Tiefen mitgemacht, wobei dem Reeder und seinen Schiffen voller Ehrfurcht immer das Wörtchen "glücklich" anhing. Die letzten in Cuxhaven gebauten Passagierschiffe liefen bei Mützelfeldt für Cassen Eils vom Stapel, die "Funny Girl" aus dieser Baureihe ist derzeit zwischen Cuxhaven und Helgoland im Einsatz.

Zu den Hoch-Zeiten der Butterfahrten waren Eils-Schiffe in Nord- und Ostsee unterwegs. Heute fährt die "Flipper" im Neuwerk-Dienst, die "Funny Girl" und die "Atlantis" nehmen von Büsum und Cuxhaven aus Kurs Helgoland. Im Juli vergangenen Jahres hat Cassen Eils zum letzten Mal das Steuer selbst in die Hand und seinen geliebten "Sommerurlaub" genommen: Als Kapitän seiner "Funny Girl" zwischen Büsum und Helgoland. Auf See blühte er auf, an Land musste er in den vergangenen Jahren noch ungeliebte Kämpfe bestehen. Die seetüchtigen Eils-Schiffe waren der EU nicht seetüchtig genug und mussten umgebaut werden. Cassen Eils nahm die Herausforderung an und machte seine Schiffe fit für die Zukunft, derzeit laufen auf der "Atlantis" die Restarbeiten.

Fit für die Zukunft - das sei auch seine Reederei, wurde er nicht müde zu betonen. Das Wichtigste war ihm immer, die Familie versorgt zu wissen. Nur in seltenen Momenten wurde der Familienmensch Cassen Eils für Außenstehende "sichtbar", und so werden nur wenige ermessen können, was Ehefrau Christa, die Töchter und Enkelsöhne verloren haben.

Das vergangene Jahr sah Cassen Eils im März ungewohnt verlegen. Im Beisein der Familie und unter anderem von Cuxhavens OB Arno Stabbert überreichte Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Peter Harry Carstensen dem Reeder das Bundesverdienstkreuz. Eine Auszeichnung dafür, dass er die Verbundenheit zur Insel über die Betriebswirtschaft gestellt hat. Wer dabei war, hat es gesehen: Es hat den alten Seebären gerührt - und mit Stolz erfüllt.

Mit Cassen Eils wird wohl eine Helgoländer Eigenart wieder aus Cuxhaven verschwinden. Die, jedem nur einmal im Jahr die Hand zu schütteln. So gibt es einige wenige Leute, die die Dauer ihrer Freundschaft mit dem Kapitän in der Zahl der Händedrücke messen. Für den 2010er-Händedruck mit meinem Freund und Gefährten hat es leider nicht mehr gelangt. Tschüss, Cassen!

KAI-CHRISTIAN KRIESCHEN

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