Von Syrien nach Otterndorf: Mahmoud Hawa ist angekommen - und hat nur noch einen Wunsch
OTTERNDORF. Der gebürtige Syrer Mahmoud Hawa hat‘s geschafft - er ist seit kurzem deutscher Bundesbürger. Einen großen Wunsch hat er aber noch.
Er arbeitet im Kindergarten, steht als Fußballschiedsrichter auf dem Platz und spricht besser Deutsch als so mancher Deutsche: Mahmoud Hawa ist angekommen in Deutschland. Vor sechs Jahren floh er aus Syrien, heute lebt er in Otterndorf. Sein größter Wunsch ist es, wieder in seinem studierten Beruf zu arbeiten - als Lehrer. Doch dieser Weg blieb dem 29-Jährigen bislang verwehrt.
Das Schlauchboot ist viel zu klein für die 60 Männer, Frauen und Kinder. Mahmoud Hawa und die anderen quetschen sich trotzdem hinein. Am Strand der türkischen Küstenstadt Izmir ist die Nervosität deutlich zu spüren. Werden wir die Fahrt sicher überstehen? Was erwartet uns in Europa? Und: Wer wird das Boot nach Griechenland lenken? Ein völlig unerfahrener Mann aus der Flüchtlingsgruppe wird ausgewählt, das Wasserfahrzeug zur Insel Samos zu fahren. Mahmouds Hände zittern. 1500 Euro hat er für die Überfahrt an eine Schlepperbande bezahlt. Er ist auf der Flucht, um der Einberufung in die syrische Armee zu entgehen. In seinem vom Bürgerkrieg geschüttelten Heimatland sieht er keine Zukunft mehr. Dann schaukelt das Schlauchboot durch die Nacht. Mehrere Stunden sind sie auf dem Wasser, bis die Lichter der Insel Samos am Horizont auftauchen...
Ein ruhiger und sportlicher Mann
Sechs Jahre später sitzt Mahmoud in den Redaktionsräumen in Otterndorf. Er ist mittlerweile 29 Jahre alt, ein ruhiger, sportlicher, höflicher und gepflegt aussehender Mann mit Brille und Bart. Er erzählt seine Geschichte mit leiser, aber klarer Stimme. "Vor dem Krieg war Syrien ein schönes Land, heute ist es so, als wäre dort der dritte Weltkrieg ausgebrochen", sagt der aus der Stadt Hama stammende Lehrer. Was vor elf Jahren während des arabischen Frühlings als Protestbewegung gegen die autoritäre Assad-Regierung begonnen hatte, sei heute weit mehr als ein Bürgerkrieg. "Es sind mehrere Kriege auf dem Gebiet eines einzigen Staates."
Hawas Deutsch ist nach nur wenigen Jahren in Deutschland exzellent. Aber dafür hat er auch viel getan. Schon kurz nach seiner Ankunft in Deutschland brachte er sich in einem Flüchtlingslager in Lüneburg mit Unterstützung eines deutschen Helfers die ersten deutschen Wörter bei. Stolz zeigt er seine Notizbücher, mit deren Hilfe er die Vokabeln gepaukt hat. In Otterndorf, wo er Mitte 2016 ankam, half die VHS beim Deutschlernen. An der Uni Vechta perfektionierte Mahmoud schließlich seine Deutsch-Kenntnisse "Ich liebe Lernen", sagt der wissbegierige Syrer, der derzeit in einer Kita in Wanna arbeitet. Im August startet er an den BBS eine Ausbildung zum Erzieher.
Viel Energie und Ehrgeiz
Dass er es so weit geschafft hat, ist nicht selbstverständlich. Viele Geflüchtete, die in Deutschland ankommen, haben niemanden, sind komplett auf sich allein gestellt und fühlen sich verloren. Auch Mahmoud Hawa hatte schon solche traurigen Momente. Wenn mal wieder eine Absage kam. Oder wenn es finanziell eng wurde. Aber er kämpft sich immer wieder mit viel Energie und Ehrgeiz ins Leben zurück.
Geholfen hat ihm dabei auch der Sport. Seit 2016 spielt Hawa beim TSV Otterndorf Fußball. Im vergangenen Jahr schloss er seine Schiedsrichter-Ausbildung erfolgreich ab. Seitdem ist er auf den Sportplätzen mit seiner ruhigen und besonnenen Art ein gern gesehener Spielleiter.
Vom Flüchtling zum Bundesbürger - am 7. Juli wurde Hama die Einbürgerungsurkunde überreicht. Wobei: Mahmoud mag das Wort "Flüchtling" nicht, auch wenn es natürlich stimmt, dass er und viele andere Syrer aus ihrem Land geflohen sind. Aber in erster Linie sind sie doch alle Menschen, jeder mit einer ganz eigenen Geschichte. Und als Mensch ist er froh und stolz, dass er die Einbürgerung ohne irgendwelche Tricks, sondern als Anerkennung für seine gelungene Integration geschafft hat.
Mahmoud lässt nicht locker
Also alles gut bei Mahmoud Hawa? Nicht ganz. Seit seiner Ankunft in Europa kämpft der gebürtige Syrer dafür, dass seine universitäre Ausbildung zum Lehrer in Deutschland anerkannt wird. Bislang ohne Erfolg. Er wäre sogar bereit, noch einmal die Uni zu besuchen, "aber das ist für mich finanziell derzeit nicht machbar", sagt der 29-Jährige. Aber wer Mahmoud einmal kennengelernt hat, weiß, dass er nicht locker lassen wird, bis er sein Ziel erreicht hat.