Streamingportal:

"YouNow" verbieten oder Aufklärung leisten?

29.04.2015

KREIS CUXHAVEN. Das Portal „YouNow“ erfreut sich immer größerer Popularität unter Kindern und Jugendlichen. Viele Kinder kennen und erkennen aber nicht die Risiken, die sich hinter ihrer Selbstdarstellung auf dieser Seite verbergen. In wenigen Sekunden ist eine Anmeldung auf dem Portal möglich. Die Tatsache, dass sich dort vor allem Minderjährige bewegen, zieht auch viele Kriminelle an. Johannes Schmidt aus Hemmoor, Vorsitzender des Kinderschutzbundes (DKSB) Niedersachsen, sieht „YouNow“ kritisch und spricht sich für eine frühzeitige medienspezifische Erziehung aus.

Innerhalb kürzester Zeit hat „YouNow“ viele Nutzer in Deutschland gewonnen. Warum haben solche Portale eine so große Anziehungskraft für Kinder und Jugendliche?

Schmidt: Das Portal spricht die alterstypischen Bedürfnisse der Kinder und Jugendlichen an. Es ermöglicht, sich innerhalb weniger Sekunden selbst darzustellen und übt daher eine solche Faszination aus.

Worin liegt ihres Erachtens die größte Gefahr bei Portalen wie „YouNow“?

Schmidt: Die Live-Situation ist entscheidend, da sie nicht rückholbar ist. Wenn die Kinder und Jugendlichen andere an ihrem Stream teilhaben lassen, können sie da nichts steuern. Beim Fernsehen ist das anders. Dort ist jede Live-Schalte kontrolliert und kann gegebenenfalls abgebrochen werden. So wird den Kindern auch ein Stück experimentelle Freiheit genommen. Sie können Konflikte nicht mehr so einfach lösen, wie es früher außerhalb des Internets möglich gewesen ist.

Der einzige „Filter für den Zugang zu „YouNow“ ist ein Button, bei den der Nutzer gefragt wird, ob er bereits 13 Jahre alt ist oder nicht. Wenn diese Frage mit „Ja“ beantwortet wird, kann sich jeder kinderleicht einloggen. Öffnet das nicht Mobbing und Pädophilie Tür und Tor?

Schmidt: Ja, das ist so. Die anderen Nutzer können ganz einfach in die naive Offenheit von Kindern einsteigen. Diese merken gar nicht, wie sie allmählich ihre Selbstbestimmung verlieren. Dann sind sie fremdgesteuert, haben aber immer noch das Gefühl, dass sie selbst die Kontrolle haben. In Sachen Mobbing kann es tatsächlich lebensgefährlich sein, wenn die Kinder am medialen Pranger stehen. Mobbing will Persönlichkeiten vernichten und die Freigiebigkeit der Jugendlichen vereinfacht dies um ein Vielfaches.

Wie können Eltern ihre Kinder über die Gefahr von solchen Portalen aufklären?

Schmidt: Viele Eltern sind heute bereits im Medienzeitalter groß geworden, sind auch ständig online unterwegs und haben das Handy bei sich. Dennoch fehlt ihnen das Verständnis für die Folgen des Handelns im Internet.

Das heißt, dass Eltern machtlos sind?

Schmidt: Nein. Es kollidieren die Bedürfnisebenen der Eltern- und Kindesinteressen. Wollen Eltern den Kindern die Nutzung von bestimmten Internetdiensten verbieten, kontern diese meist damit, dass die Eltern selbst online unterwegs sind. Dennoch gibt es aus Sicht des DKSB ein Regelwerk der Privatsphäre im Elternhaus, an das sich die Kinder halten müssen. Dieses Bild haben viele Eltern allerdings verloren und haben bestimmte Regeln des Zulassens von Medien bereits aus der Hand gegeben.

Wie können Eltern wieder Zugang zu den eigenen Kindern finden?

Schmidt: Nur wenn die Eltern wissen, was mit ihren Kindern passiert, geht es diesen auch gut. Es sollte als ein gewisses inneres Glaubenssystem in jedem Kind vorhanden sein. Viele Kinder finden aber im Netz neue Glaubenssysteme, die dann mit dem der Eltern konkurrieren. Durch diese Alternative verlassen viele Kinder den elterlichen Schutzraum. So können Eltern aber auch nicht mehr Fehltritte ihrer Kinder etwa bei „YouNow“ ganz einfach korrigieren.

Eltern müssen also frühzeitig Regeln aufstellen?

Schmidt: Ganz genau. Die Regeln müssen schon an Tabus grenzen, die klar definiert sind. Es braucht eine gewisse Strenge, durch die Kinder lernen, Dinge positiv und negativ bewerten zu können. Es ist wieder wichtiger, die Persönlichkeitsentwicklung des Kindes ins Zentrum zu stellen.

Was können die Schulen tun, um die Kinder aufzuklären?

Schmidt: Mediengebrauch muss sofort ab der ersten Klasse behandelt werden. Den Kindern muss frühzeitig bewusst gemacht werden, wie es ist, ungewollt gefilmt und aufgrund dessen gemobbt zu werden. Medienkompetenz muss zu einem Kernfach wie Deutsch oder Mathematik werden. Nur durch eine Diskussion darüber können sie frühzeitig Empathie für andere Menschen entwickeln. Die Schulen müssen – genau wie die Eltern – den Kindern früh beibringen, ihre Selbstbestimmung stets zu verteidigen. Ohne Selbstbestimmung gibt es keine persönliche Freiheit.

Wie kann das den Kindern konkret helfen?

Schmidt: Es können tausende neue Portale aufmachen. Wenn die Nutzer dann zwar dort mitmachen, aber schon frühzeitig wissen, wo die Grenzen sein müssen, ist das ein wichtiger Filter zum Schutz der Kinder. Auch das ist dann ein Indiz dafür, dass die Kinder den Wert ihrer persönlichen Freiheit erkannt haben.

Warum stellen Sie als DKSB die persönliche Freiheit in diesem Zusammenhang so in den Fokus?

Schmidt: Weil persönliche Freiheit eine der Grundfesten unserer demokratischen Gesellschaft ist. Ohne persönliche Freiheit kann es keine funktionierende Demokratie geben. Wenn der Nachwuchs diesen Wert nicht erkennt, bricht das System zusammen und die Ausgrenzung einzelner greift um sich. Die Kinder- und Jugendpsychiatrien sind schon heute voll von Kindern, die online gemobbt werden.

Was halten Sie von einem möglichen Verbot von „YouNow“?

Schmidt: Das bringt überhaupt nichts. Selbst wenn „YouNow“ verboten wird, eröffnet wenig später das nächste Portal mit denselben Funktionen. Außerdem dürfte es auch rein rechtlich schwierig werden, da die Betreiber nicht in der EU ansässig sind. Viel wichtiger ist es, die Kinder von Beginn an für die Gefahren solcher Portale zu sensibilisieren und sie zu eigenverantwortlichen Akteuren zu erziehen. Das ist die beste Präventionsmaßnahme gegen solche Portale.

Von Patrick Weisheit

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