48 Jahre bei der Stadt: Pineiro Gomez' neue Freiheit beginnt jetzt
Nach fast fünf Jahrzehnten im Dienst der Stadt verabschiedet sich Heidi Pineiro Gomez in den Ruhestand. Ihre Karriere war geprägt von überraschenden Begegnungen, unvorhersehbaren Herausforderungen und einem Leben zwischen Gesetz und Menschlichkeit.
Heidi Pineiro Gomez hat spanisches Mandelgebäck mitgebracht. Den Kaffee auch. Sie sitzt an ihrem Schreibtisch im Altbau des Rathauses, einem Zimmer, das bald jemand anderem gehören wird, und wirkt dabei so entspannt, als hätte sie diesen Abschied längst innerlich vollzogen. "Ich habe hier alles ausgeräumt, aufgelöst, alles übergeben", sagt sie. "Ich fühle mich schon wie im Ruhestand." Am 31. Mai ist es offiziell: Nach 48 Jahren im Dienst der Stadt Cuxhaven geht die Stadtoberinspektorin in den verdienten Ruhestand.
Es war nicht ihr Plan. Es war der ihres Vaters. 1977, kaum 16 Jahre alt, wollte Heidi Pineiro Gomez eigentlich aufs Wirtschaftsgymnasium. Dann kam der väterliche Satz, der für ihre Generation noch Gewicht hatte: "Kind, du gehst zur Stadt." Sie machte den Einstellungstest, bestand ihn, und fing an. "Ich hatte alles Mögliche im Kopf, was ich machen wollte, aber hier bei der Stadt habe ich mich gar nicht gesehen." Statt Wirtschaftsgymnasium also Verwaltungsausbildung. Statt in der Kämmerei, wohin es sie eigentlich zog, landete sie im Sozialamt. Und blieb. Fast fünf Jahrzehnte lang.
Zwischen Jobcenter, Landkreis und Wohngeld
Die Karriere verlief stetig, nie sprunghaft. Beamtin auf Lebenszeit seit 1988, Abteilungsleiterin für Wohngeld und finanzielle Hilfen seit 2002, Fachaufstieg in den gehobenen Verwaltungsdienst 2007. Eine Laufbahn, die sich nicht durch Lautstärke auszeichnete, sondern durch Zuverlässigkeit. Und durch Gesetzeskenntnisse, die weit über das Wohngeldgesetz hinausgingen: SGB II, SGB XII, Einkommensteuerrecht - alles greift ineinander, jede Änderung aus Berlin kann morgen im Büro an der Rathausstraße spürbar werden. "Da wird ständig herumgerührt", sagt sie trocken.
Das Klientel ist anspruchsvoll. Die Menschen, die zu ihr kamen, standen zwischen Institutionen - Jobcenter hier, Landkreis dort, Wohngeld irgendwo dazwischen. Was sie über die Jahrzehnte schulte, war etwas anderes: Menschenkenntnis. "Man glaubt nichts mehr von Anfang an." Das klingt hart, ist es aber nicht. Es ist das Ergebnis unzähliger Gespräche, in denen sie gelernt hat, in Gesagtem zwischen den Zeilen zu lesen. "Der eine ist mit tausend Euro noch lange nicht arm, der nächste ist mit dreitausend Euro extrem arm.” Armut, sagt sie, sei oft auch eine gefühlte Temperatur.
"Mich haben Sie nicht betrogen”
Es gab Begegnungen, die im Gedächtnis bleiben. Eine Frau, die ihr wegen kopierter Unterlagen über den Schreibtisch sprang. Obdachlose mit Entzugserscheinungen. Ein Anruf vom Hauptzollamt, DDR-Überläufer, Geschichten, die man eher im Krimi als im Wohngeldamt vermutet. Und dann die andere Seite: eine Frau, die beim Datenabgleich als Betrügerin überführt wurde und trotzdem fassungslos fragte, warum Pineiro Gomez noch immer freundlich zu ihr sei. "Mich haben Sie nicht betrogen", antwortete sie ihr. "Sie haben den Staat betrogen. Und letzten Endes haben Sie sich selbst geschadet."
Wie man mit solchen Momenten umgeht? "Das verarbeitet man. Und dann macht man weiter." Ein Satz, der nach Kälte klingen könnte, in ihrem Mund aber nach Erfahrung klingt. Nach 48 Jahren weiß man, dass Mitgefühl und Abstand keine Gegensätze sind.
Das Leben ist wie eine Pralinenschachtel
Im Gespräch zitiert Redakteur Jens Potschka "Forrest Gump": "Das Leben ist wie eine Schachtel Pralinen. Man weiß nie, was man kriegt." Pineiro Gomez lächelt. "Stimmt. Im Laufe dieser Jahre ist doch einiges gewesen.” Die Arbeit, sagt sie, sei bunt. Alles drin. Wer das als nüchterne Wohngeldbeamtin sagen kann, hat seinen Job verstanden. Und der Beruf hat sie geprägt, das ist ihr anzumerken. Sie hinterfragt Menschen, bevor sie ihnen vertraut.
Was sie vermissen wird: die fünf Kolleginnen und Kollegen ihrer kleinen Abteilung. Was sie am meisten erwartet: das Ungefesselte. "Wir können uns ins Auto setzen, losfahren und müssen auch nicht am selben Tag nach Hause kommen.” Die erste große Reise geht nach Spanien. Nach Vigo, in Galicien, wo die Familie ihres Mannes lebt. Den hat sie einst per Zufall in der Diskothek Torremolinos in der Deichstraße kennengelernt. Cuxhaven als Schicksal, auch in dieser Hinsicht.
Drei Söhne hat das Paar großgezogen, acht Enkelkinder kamen dazu, die jüngsten gerade mal ein Jahr alt, die ältesten elf. Alle Söhne leben in der Nähe. "Es reicht, präsent zu sein und zu sagen: Hier, ihr könnt mich jederzeit ansprechen. Ich gehe ihnen nicht auf den Wecker." Das klingt nach jemandem, der gelernt hat, Grenzen zu achten, die der anderen wie die eigenen.
Im Ruhestand wird sie kochen, spanische Fischküche vor allem. Ihr Lieblingsrezept: Seeteufelbäckchen in einer Orangen-Zwiebel-Chili-Sauce. Sie wird Kinderbücher lesen, für die Enkel. Ihren Garten umgraben. Das Haus entrümpeln. Und wenn sie an den Strand geht, reicht ihr eine Decke. Den Strandkorb stellt sie lieber in den eigenen Garten. "Dort ist Ruhe."
Was bleibt, wenn man 48 Jahre in einem Satz fassen müsste? Heidi Pineiro Gomez denkt kurz nach. "Die Stadt ist sehr vielseitig. Ein angenehmer, guter Arbeitgeber." Und dann, ein wenig leiser: "Und vor allen Dingen familienangepasst.” Teilzeit, als die Söhne klein waren, das hat die Stadt ermöglicht. "Ohne meinen Mann hätte ich es nicht geschafft. Und ohne den Arbeitgeber auch nicht."
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