Ein hinreißender "Ausklang": Trompeterin und Akkordeonist begeistern in Cuxhaven
Lucienne Renaudin Vary und Félicien Brut vereinen beim Ausklang des Mare-Musik-Festivals 2026 in Cuxhavens Herz-Jesu-Kirche höchste Virtuosität und emotionale Tiefe.
Alle beide sind sie außergewöhnlich - Lucienne Renaudin Vary auf ihrer Trompete und Félicien Brut auf seinem Akkordeon. Die Bandbreite ihres Spiels ist enorm, sie reicht von höchster Zartheit bis zu höchster Virtuosität. Zu erleben war das im "Ausklang"-Konzert des 5. Mare-Musik-Festivals in der Herz-Jesu-Kirche. Die Begeisterung war groß.
Wer die lebhafte französische Trompeterin bereits im April 2025 im Rahmen der "Stadtklang"-Konzerte im Schloss Ritzebüttel (damals zusammen mit Tim Allhoff) erlebt hatte, sicherte sich für ihren erneuten Auftritt in Cuxhaven natürlich ein Konzertkarte. Denn Renaudin Varys Trompetenspiel ist ohne Frage sensationell. Die kleine Person, die zumeist barfuß spielt, um ihr dann "totales" Körpergefühl in Musik umzusetzen, verfügt über schier ungeahnte Kräfte. Die so intensiv-zarten Klänge, die sie zum Beispiel in Carl Höhnes "Slawischer Fantasie" ihrem Instrument entlockt, lassen kaum erahnen, was sie im Laufe des Abends in Herz-Jesu noch alles auf ihrer Trompete veranstalten wird.
Und in Félicien Brut, dem Akkordeonisten aus der Auvergne, hat sie für all das einen kongenialen Partner. Ob bei der Musik von Astor Piazzolla, bei der von Leonard Bernstein, von Fabien Waksman oder Marguerite Monnot - Lucienne Renaudin Vary und Félicien Brut sprechen eine Sprache und das bis in die allerletzte Faser ihrer Werkinterpretation. Beide spielen mit absolutem Körpereinsatz, sind in ihrem instrumentalen Spiel technisch auf dem höchsten Niveau - Félicien Brut brillant auf den Knöpfen seines Bajans und Lucienne Renaudin Vary geradezu umwerfend auf ihrer Trompete.
Es ist die Intensität des Spiels, die die Zuhörer fasziniert, das Eintauchen in eine ganze Welt von Klängen. Und es ist das Staunen angesichts einer so totalen Beherrschung des Instruments, wie sie beide in der Herz-Jesu-Kirche unablässig unter Beweis stellen.
Ein noch ganz junges Werk aufgeführt
Ihr Programm ist vielfältig: Spätromantisches in Höhnes 1899 komponierter "Slawischer Fantasie", Revolutionäres, was das virtuose Trompetenspiel in Rafael Mendez "Romance" angeht, dazu Piazzollas so komplexer Tango Nuevo und schließlich Fabien Waksmans "Perfect Match", die Suite für Trompete und Akkordeon, die zarte Gefühle und Humor ebenso im Blick hat wie neuzeitliche Klänge und Erinnerung an barocke Formen. Ein noch ganz junges Werk, uraufgeführt 2023, und Félicien Brut und Lucienne Renaudin Vary wahrhaft auf den Leib geschrieben. Übrigens eines der wenigen Originalwerke an diesem Abend, so wie der "Tango pour Claude" von Richard Galliano (Jahrgang 1950).
Die "Fantasie" des Trompeters Carl Höhne etwa ist ursprünglich für Trompete und Klavier geschrieben. Folglich sind für ein solches Programm wie das jetzige die Arrangeure gefragt. Und dass genau das stets für neue, überraschende Klangeindrücke sorgt, zeigt nicht nur "Tonight" aus Bernsteins "West Side Story", sondern auch "L'Hymne en Rose" von Monnot und Edith Piaf oder Michel Legrands "Les Parapluies de Cherbourgh". Man kennt sie alle ganz genau - aber eben nicht so in dieser Besetzung Trompete und Akkordeon. Bekanntlich ist das Akkordeon 2026 das "Instrument des Jahres".
Nach Martynas Levickis, dem lettischen Akkordeonisten, beim Mare-Musik-Festival 2025, bescherte der künstlerische Leiter Mathias Christian Kosel seinem Publikum nun mit Félicien Brut den zweiten Akkordeonisten von Weltklasse und den dann noch zusammen mit der so mitreißenden Trompeterin Lucienne Renaudin Vary. Viel Lob gab es für Kosel - und das mehr als gerechtfertigt. Denn dessen für das Mare-Musik-Festival ausgewählte Vielfalt zieht ein Publikum an, das eben nicht nur aus ausgesprochenen Konzertbesuchern besteht. Und das ist durchaus etwas Besonderes. Für Cuxhaven kann man nur wünschen, dass Stadt, Nordseeheilbad GmbH und die von ihnen gefundenen Förderer für zukünftige Mare-Musik-Festivals "bei der Stange bleiben".
Von Ilse Cordes
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