Aus alten Zeiten in der Altenwalder Kaserne: Mit der Wende war Schicksal besiegelt
Bis bekannt ist, was aus der früheren Hinrich-Wilhelm-Kopf-Kaserne in Altenwalde wird, beschäftigen wir uns mit ihrer Geschichte - heute mit dem Panzergrenadierbataillon 73, das bis zum Jahr 1980 noch anders hieß.
Ende Januar dieses Jahres trafen sich in unserer Redaktion zum ersten Mal ehemalige Soldaten der Altenwalder Hinrich-Wilhelm-Kopf-Kaserne. Unter ihnen befanden sich mit Christian Hofmann und Jürgen Aedtner auch zwei Männer, die das Panzergrenadierbataillon 73 - einen der großen in Altenwalde stationierten Verbände - in bedeutsamen Zeiten begleitet haben. Ein Blick in die Geschichte.
Zeitgleich mit dem Panzerbataillon 74 wurde das Panzergrenadierbataillon 71 (die Umbenennung erfolgte erst 1980) am 1. April 1959 in Barme aufgestellt. Ausgestattet war es mit 16 Rad-Kfz (Unimogs). Der Berliner Bär im Wappen sollte auf die deutsche Einheit anspielen; die Farben Weiß und Grün stellten traditionelle Farben der Infanterie der alten deutschen Armeen beziehungsweise der Bundeswehr dar.
Im Juni desselben Jahres folgte die Verlegung nach Seedorf, wo das Bataillon im Dezember 1962 mit dem Mannschaftstransportfahrzeug MTW M 113 ausgestattet wurde. Im Juli 1963 kam der Verband, wiederum zeitgleich mit dem Panzerbataillon 74, nach Altenwalde. 1971 wurden die Panzergrenadiere mit dem Schützenpanzer Marder ausgerüstet.

Panzergrenadiere schließen die Lücke zwischen dem klassischen Panzergefecht und dem infanteristischen Kampf. Gemeinsam übten die Altenwalder Einheiten auf Truppenübungsplätzen unter anderem in Altenwalde, Munster, Bergen, Sennelager, Hammelburg oder dem kanadischen Shilo.
Feiern und Gelöbnisse stets vor großem Publikum
Die Akzeptanz der Bevölkerung war hoch. In Cuxhaven und den Patengemeinden Altenwalde und Hemmoor stießen feierliche Gelöbnisse oder andere Feiern stets auf Interesse. Mit Hemmoor und den Ortsteilen Westersode, Basbeck, Warstade und Osten verband die Grenadiere seit der Flutkatastrophe 1962 an Elbe und Oste eine enge Freundschaft.
Am 25. April 1972 fand eine Vereidigung mit Großem Zapfenstreich im Fährhafen statt, am 26. Mai 1979 wurde die Zeremonie aus Anlass des 20-jährigen Bestehens dort wiederholt. Kurz zuvor hatte sich das enge Zusammenspiel von zivilem Katastrophenschutz und Bundeswehr bei der Schneekatastrophe 1978/79 bewährt.
Am 26. November 1979 schossen die Altenwalder Soldaten auf dem Truppenübungsplatz Munster-Nord zum ersten Mal mit dem neuen Panzerabwehrwaffensystem Milan. Eine neue Heeresstruktur brachte dem Bataillon zum 1. Oktober 1980 den neuen Namen "Panzergrenadierbataillon 73" ein.
Im Oktober 1984 wurde das 25-jährige Bestehen mit einem Großen Zapfenstreich auf dem Ritzebütteler Marktplatz und einem Tag der offenen Tür in Altenwalde gefeiert. Das 25-jährige Patenschaftsjubiläum mit Hemmoor wurde am 13. Dezember 1985 begangen und das 20-jährige Patenschaftsjubiläum zwischen Altenwalde und der 3./71 am 11. Juni 1987.
Rege Bautätigkeit auf dem Kasernengelände
Am 30. Juli 1987 wurden neue Kompaniegebäude an die 4./73, 5./73 und 3./71 übergeben, nachdem im Juni 1985 bereits ein Zug- und zwei Kompaniegebäude bezogen worden waren. Nun wurde das neue Stabsgebäude in Angriff genommen. Das Staatshochbauamt Cuxhaven arbeitete den Auftrag "Ersatz unzulänglicher Unterkünfte für das Panzergrenadierbataillon 73" fristgerecht ab, damit auch die letzten Baracken aus den Anfangsjahren verlassen werden konnten. Im Juli 1989 wurde das neue Stabsgebäude bezogen; im September 1990 fand davor eine Bronzeplastik des Hamburger Künstlers Max Schygulla Platz: ein Bär, Wappentier des Verbands, den die Soldaten kurzerhand "Hustinetten-Bär" nannten.

Vor der Kulisse der abendlichen Grimmershörnbucht verfolgten am 2. Juni 1989 rund 4000 Zuschauer den Großen Zapfenstreich zum 30-jährigen Bestehen der Altenwalder Panzereinheiten, bei dem die niedersächsische Finanzministerin Birgit Breuel die Bundeswehr als "Garanten des Friedens" würdigte und Bevölkerung und Soldaten dankte. Breuel forderte eine wehrhafte Demokratie zur Sicherung von Frieden und Freiheit. Zudem sei die Bundeswehr in der Region als Wirtschaftsmotor und Arbeitgeber unerlässlich.
Bei einem Tag der offenen Tür in der Hinrich-Wilhelm-Kopf-Kaserne wurde tags darauf die Leistungsfähigkeit der Fahrzeuge demonstriert, Ehemalige und Freunde bevölkerten ein rustikales Altenwalder Heerlager und es gab , Soldaten präsentierten das "Leben im Felde" und die Wehrdienstberatung informierte über Laufbahnen.

Wenige Monate später, im November 1989, passierte mit der Wende das Unvorstellbare. Schon am 3. Oktober 1990 stimmte Kommandeur Christian Hofmann seine Leute auf die deutsche Einheit und die Aufgabe ein, kontinuierlich weiter Frieden und Freiheit in Europa zu sichern.
Hauptmann Martin Gürtler und die Hauptfeldwebel Egon Eiben und Uwe Tiejen aus seinem Bataillon befanden sich zu dem Zeitpunkt schon auf dem Weg nach Eggesin in der ehemaligen DDR. Sie waren eines von 56 Ausbildungsteams der Bundeswehr, die an bisherigen NVA-Standorten die Ausbildung nach Bundeswehr-Vorbild etablieren sollten.
Verkürzter Wehrdienst hatte Konsequenzen
Währenddessen kursierten überall Schließungsgerüchte. Die durch die Wiedervereinigung auf 600.000 Mann angewachsene Bundeswehr sollte reduziert werden. Als Erstes wurde der Grundwehrdienst von 15 auf zwölf Jahre verkürzt. Am 27. Juli 1990 schrieben die CN über die Konsequenzen, nämlich Rückschläge in der militärischen Ausbildung ("wir müssen in Kauf nehmen, dass die Soldaten ihre Geräte nicht mehr im Schlaf beherrschen, sondern lediglich damit umgehen können", so der stellvertretende Bataillonskommandeur Jürgen Aedtner), aber auch in den täglichen Abläufen wie der Fahrzeug-Instandhaltung, in der Küche und im Sanitätsbereich.

Dann wurden konkrete Pläne bekannt. Im März 1991 begann mit der Auflösung der ersten beiden Kompanien der Abschied auf Raten. Mit einem letzten Bataillonsball in den Hapag-Hallen verabschiedete sich das Panzergrenadierbataillon 73 am 20. September 1991. Vor 470 geladenen Gästen bewachte ein aus einem Eisblock modellierter Bär das Buffet.

Christian Hofmann, der von 1980 bis 1983 schon Chef der Stabs- und Versorgungskompanie gewesen war, wurde am 17. Dezember 1991 verabschiedet. Zu Ehren des zehnten und letzten Kommandeurs ertönten zehn Salutschüsse vor der Kasernen-Turnhalle. Vor den Fahnenträgern der aufgelösten Kompanien, dem Heeresmusikkorps 3 aus Lüneburg sowie einem Zug der niederländischen Panzergrenadiere "Limburger Jäger" aus Seedorf übergab Hofmann die Kompaniefahne an seinen Vorgesetzten, den Kommandeur der Panzergrenadierbrigade 7 in Hamburg-Fischbek, Oberst Alphart von Horn.

Hofmann hatte zuvor fast alle seine Soldaten und zivilen Mitarbeiter in anderen Bereichen unterbringen können. Selbst hatte er sich mit seiner Familie 1988 fest in Altenwalde niedergelassen. Als Soldat musste er weiter, zunächst an die Führungsakademie der Bundeswehr in Blankenese. Den Befehl über die Reste des Bataillons übergab er bis zur endgültigen Auflösung an seinen Stellvertreter, Major Jürgen Aedtner.
Als Mann der ersten Stunde, der schon die Aufstellung in Barme miterlebt hatte, kannte Aedtner das Bataillon besser als kein anderer - außer vielleicht noch Stabsfeldwebel Walter Langer, der die Aufstellung und den Umzug nach Altenwalde ebenfalls als aktiver Soldat erlebt hatte und als Zahlstellenfeldwebel große Achtung bei Vorgesetzten und Kameraden besaß.
Mit der Umsetzung der Heeresstruktur 5 wurden die Reste des Panzergrenadierbataillon 73 zum 1. April 1992 in das nichtaktive Panzerbataillon 73 überführt.
