Profiler Axel Petermann in Cuxhaven-Duhnen: Was in den Köpfen von Mördern vorgeht
Während draußen der Wind peitscht, öffnet Profiler Axel Petermann im Saal der Kurverwaltung Türen zu menschlichen Abgründen. Der Fallanalytiker nimmt sein Publikum mit auf eine Reise durch echte, düstere Verbrechen und die Psyche des Bösen.
Der Herbst hat Cuxhaven im Griff. Wer am Donnerstagabend den Saal Windjammer im Haus der Kurverwaltung von der Seeseite her ansteuerte, dem peitschte der Regen ins Gesicht, dem zerrte der Wind am Mantel. Knapp 200 Besucher nahmen den stürmischen Weg nach Duhnen dennoch auf sich. Drinnen erwartete sie ein Mann, der das Düstere zum Beruf gemacht hat: Axel Petermann, langjähriger Mordermittler aus Bremen, Fallanalytiker und Bestsellerautor.
"Ich mag ja das Stürmische", sagte er zur Begrüßung und hoffte, der Abend werde ebenso stürmisch. Er wurde es, auf seine leise Art. Petermann kennt die Küste gut. Sein zweites und sein drittes Buch schrieb er unweit des Saals, mit Blick aufs Watt. Nun stellte er sein fünftes Sachbuch vor: "Die Psyche des Bösen". Am Büchertisch im Eingang, den seine Frau betreute, lagen die Bände bereit.
Schlösser vor fremden Gedanken
Petermann begann im Kino. Auf der Leinwand erschien Sir Anthony Hopkins als Hannibal Lecter, und der Profiler las seinen Prolog: Die junge FBI-Agentin Clarice Starling schreitet durch einen dunklen Gang, links und rechts verriegelte Zellen. Die Schlösser, sagt Petermann, stehen für die Gedanken der Täter. Man sieht den Menschen, man kennt seine Tat, doch was ihn trieb, bleibt verschlossen. Genau dort setzt seine Arbeit an. Er will verstehen, ohne Verständnis zu zeigen.
"Ich bin keine vorgelagerte Strafinstanz", sagt er. Über Schuld urteilen die Gerichte. Was diesen Abend von einem Krimiabend unterschied: Nichts war erfunden. Petermann schildert Fälle, die er als Kriminalbeamter bearbeitet hat oder nach seiner Pensionierung selbst untersuchte. Namen und Orte verfremdet er, so gut es geht. Im Saal dürfte dennoch mancher Besucher den einen oder anderen Bremer Fall aus der Zeitung wiedererkannt haben.
Vom Rekruten zum Fallanalytiker
Zwischen die Abgründe streute Petermann Heiteres. Eigentlich wollte er Jura studieren. Zur Polizei kam er, weil er nicht zur Bundeswehr wollte und sich mit siebzehneinhalb Jahren nicht nach Berlin traute. Bei der Bereitschaftspolizei fiel er zunächst durch zu lange Haare und eine Links-rechts-Schwäche auf: Als Vordermann marschierte er beharrlich in die falsche Richtung, die Kollegen trabten hinterher.
Seine Zögerlichkeit habe er nicht vererbt, erzählte der mehrfache Vater: Ein Sohn lebt in Manila, der jüngste hält sich gerade auf Bali auf. Den Ausschlag für die Mordkommission gab der Mord an einer 17-Jährigen Anfang der Siebzigerjahre. Ein Mann wurde verurteilt und im zweiten Prozess freigesprochen, der Fall blieb liegen. Petermann ließ er nicht los. Jahrzehnte später überführte ein einzelnes Haar vom Mantel des Opfers den wahren Täter.
Ein Trailer, einst zur Veröffentlichung seines ersten Buches gedreht, lockerte den ersten Teil auf. "Der Werbeblock des heutigen Abends", kommentierte Petermann trocken und versicherte, die Dame auf dem Sektionstisch sei Schauspielerin und wohlauf.
Hinter der bürgerlichen Fassade

Drei Fälle versammelt das neue Buch. Einen Jungen aus Bremen beobachtete Petermann seit dem Jahr 2000. Damals würgte der Elfjährige ein kleines Mädchen aus der Nachbarschaft bis zur Bewusstlosigkeit. Jahre später, als Gutachter ihm keine Gefährlichkeit mehr bescheinigten, tötete er seine Freundin und deren zwei Kinder. Ein zweiter Fall führt nach Tirol, der dritte nach Mecklenburg-Vorpommern: Im Januar 1989 verschwand dort die 13-jährige Katrin auf dem Schulweg. Ihr Vater sprach Petermann bei einer Lesung an. Der Profiler zeigte Fotos des Mädchens, den Sandweg, den Wald, in dem man Ranzen und Fahrrad fand. Er stieß auf Stasi-Zuträger, alte Verdachtsfälle und verschwiegene Familiengeschichten. Der Fall liege ihm am Herzen, sagte er. Auch heute bitten ihn Angehörige um Hilfe. Erst vor gut einer Woche kehrte er aus Norwegen zurück, wohin ihn die Mutter eines Toten gerufen hatte.
Fünf Minuten, die nachhallen
Der zweite Teil gehörte einem Mann, der in Bremen drei Frauen tötete und dessen Taten Petermann einst bearbeitete. Sparsam zeigte der Profiler Tatortfotos und Skizzen, dazu ein Diagramm, das der Täter auf seine Bitte selbst gezeichnet hat: eine Achse für die Zeit, eine für die Fantasie. Dann sprach Petermann eine Warnung aus. Was folge, sei "wirklich harter Stuff". Wer das nicht hören wolle, möge für fünf Minuten den Saal verlassen. Niemand ging. Auf der Leinwand lief ein Interview, das Petermann mit dem Mörder in der Forensik geführt hat, von mehr als zwei Stunden auf knapp fünf Minuten geschnitten. Gedreht wurde es für einen öffentlich-rechtlichen Sender, der es dann nicht ausstrahlte.

Ruhig, beinahe beiläufig sprach der Mann über Kindheit, Kränkungen und Gewaltfantasien, die ihn bis heute begleiten. Ob die Gefahr vorüber sei, fragte Petermann. "Um ganz ehrlich zu sein, die Gefahr wäre wohl nicht vorbei", antwortete der Täter. Im Saal war es still. Mit diesen Sätzen mochte Petermann sein Publikum nicht in die Nacht entlassen. Das Böse werde immer da sein, sagte er zum Schluss, doch die Kraft des Guten könne es nie überdecken. Langer Beifall. Dann signierte er am Stehtisch Buch um Buch, während draußen der Wind nicht nachließ.

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