Sie vertreten die Interessen der Menschen mit Behinderungen im Inklusionsbeirat des Landkreises Cuxhaven. Foto: red
Tag der Menschen mit Behinderung

Beiräte in Cuxhaven: "Inklusion muss man auch wollen"

von Maren Reese-Winne | 02.12.2022

Cuxhaven. "Wir sehen die Kommunen in der Pflicht und erwarten, dass wir einbezogen werden", sagen die Beiräte für mit Menschen mit Behinderungen in Stadt und Kreis Cuxhaven. Dafür müsse noch nicht einmal immer das große Rad gedreht werden.

Der 1992, also vor 30 Jahren, von den Vereinten Nationen erstmals ausgerufene internationale Tag der Menschen mit Behinderung soll jedes Jahr am 3. Dezember weltweit das Bewusstsein für die Belange der Menschen mit Behinderungen schärfen und den Einsatz für ihre Würde und Rechte fördern. "Wer Inklusion will, findet Wege; wer nicht, sucht Ausreden. Inklusion ist nicht verhandelbar", schreibt der Inklusionsbeirat des Landkreises Cuxhaven zu diesem Tag. Wir haben uns aus dem Anlass mit dessen Vorsitzenden Jürgen Wintjen und der Vorsitzenden des Beirats für Menschen mit Behinderungen der Stadt Cuxhaven, Christine Wagner, unterhalten.

Noch viele Investitionen in die Schulen nötig

Immer noch sind nicht alle Schulen in Stadt und Kreis Cuxhaven barrierefrei. Darf es vom Geldbeutel einzelner Kommunen abhängen, ob Kinder wohnortnah zusammen mit ihren Freunden zur Schule gehen können?

Christine Wagner: Dies muss einheitlich geregelt werden. Der Übergang vom Kindergarten zur Schule ist für die fünf- bis sechsjährigen Kinder ein einschneidendes Erlebnis. Sie fühlen sich im Kreis der vertrauten Freundinnen und Freunde aus dem Kindergarten wohler als in einer Grundschule ein paar Orte weiter mit fremden Kindern. Verabredungen lassen sich im Wohnort eigenständig wahrnehmen, nicht jedoch, wenn die Grundschule weit entfernt liegt. Jürgen Wintjen: Die Kommunen sind in der Pflicht. Jetzt rächt sich, dass 20 Jahre nichts gemacht wurde. Die Beseitigung des Sanierungsstaus wird Millionen Euro kosten. Inklusion und Barrierefreiheit kosten Geld, das muss man wissen. Nimmt man diese Investitionen bei Neubauten vor, steigen die Kosten Studien zufolge nur um rund 1,3 bis 1,5 Prozent. Nachrüstung ist viel teurer. Erschreckend ist, dass sich viele Architekten sich nicht mit Barrierefreiheit auskennen, weil diese erst seit vorletztem Jahr Bestandteil des Studiums ist.

Manchmal geht es um ganz einfache Maßnahmen

Wo in Stadt oder Kreis könnten mit einfachen Mitteln Veränderungen erzielt werden, um die Lebensqualität von Menschen mit Behinderung zu verbessern?

Jürgen Wintjen: (Gebärden-)Dolmetscherdienste bei Veranstaltungen, Kreistags- und Ratssitzungen, barrierefreie  Formulare und Behörden-Websites. Christine Wagner:  Kontraststreifen auf Glasflächen anbringen, Stolperfallen beseitigen (hochstehende Steine, Kuhlen), bargeldlose Bezahlmöglichkeiten, kontrastreiche Gestaltung für Sehbeeinträchtigte, Ampeln mit akustischen Signalen und einer Taktung, die ausreichend Zeit gibt, um die Straße zu überqueren.  Piktogramme anbringen, die  Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen Teilhabe ermöglichen. Veranstaltungen inklusiv planen. Und: Behinderten-WCs mit einem Euroschlüssel und geschlossenen Abfallbehältern versehen, um sie vor Vandalismus und Verschmutzung  zu schützen .

Hallenbad der Stadt Cuxhaven ein leuchtendes Beispiel

Und an welchen Stellen ist dieses bereits getan worden? Was ist Ihr Positiv-Beispiel?

Christine Wagner:  Wohl durch das gewachsene Netzwerk des Beirates gibt es mehrere tolle Beispiele. Im Eingangsbereich des Cuxhavener Finanzamtes sind jetzt Kontraststreifen und eine Klingel für Hilfe beim Behindertenparkplatz und bei der nicht normgerechten Rampe  angebracht - Dank an den Leiter des Finanzamts Volker Poeschel.  Die Stadt entschärft durch hochstehende Steine an Gehwegen entstandene Stolperfalle. Stadtverwaltung und Stadtsparkasse fördern Dolmetscher-Einsätze , die EWE Wasser hat Toilettenanlagen barriereärmer gemacht. Neue Verkehrsspiegel an Fußgängerüberwegen helfen bei der Orientierung. Jürgen Wintjen:  Beim Bau der Oberschule in Dorum für 30 Millionen Euro wurde ein barrierefreier Zugang zur Bühne übersehen, der wird jetzt nachträglich angebracht. Als vorbildliches Beispiel fällt mir auch das Hallenbad Cuxhaven ein, wo in Augenhöhe mit dem dortigen Beirat für Menschen mit Behinderungen agiert wurde und kreative Lösungen gefunden worden sind, um die Orientierung zu erleichtern.        

 Nehmen Verwaltung und Politik den Inklusionsbeirat und den Beirat für Menschen mit Behinderungen als Ratgeber wahr?

Jürgen Wintjen: Wir erwarten, dass wir beteiligt werden. Wir müssten bei der ersten Bauzeichnung mit am Tisch sitzen. Obwohl das so auch im Sozialausschuss und im Kreistag beschlossen worden ist, klappt das in der Wirklichkeit selten. Beispiel Ersatzbau Rundturnhalle in Cuxhaven: Im Februar 2019 wurde uns Beteiligung zugesagt;  am 25. November 2022 habe ich die Pläne zum ersten Mal gesehen. Und heute (30. November, d. Red.) lese ich in der Zeitung,  dass es die Pläne schon seit mehreren Monaten gibt.  Uns ist direkt aufgefallen, dass eine barrierefreie Umkleide fehlt und die Behindertentoilette abseits der Duschen liegt. Der Regieraum ist auch nicht barrierefrei. Erwartet man, dass Menschen mit Behinderung dieser Aufgabe sowieso nicht gewachsen sind? Einmal in sechs Jahren habe ich erlebt, dass der Inklusionsbeirat schon bei der Ausschreibung zurate gezogen worden ist. Beim Neubau am Gymnasium Warstade sind wir hingegen erst bei der 10. Sitzung zum Thema einbezogen worden.

ÖPNV: "Auf dem flachen Land haben Sie keine Chance"

Wie inklusiv ist in Ihren Augen im Flächen-Landkreis Cuxhaven die Situation des Öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV)?

Christine Wagner:  Nicht sehr inklusiv. Barrieren gibt es beim Buchen, Bezahlen und Nutzen. Die meisten Busse könnten beim Heranfahren an den Bordstein seitlich abgesenkt werden (Kneeling), die Fahrer machen dies nur oft aus Zeitgründen nicht. An einigen Haltestellen fehlt es an Beleuchtung, der Infopoint am Bahnhof ist häufig nicht besetzt. Es gibt wenig Orientierungsmöglichkeiten für Seh- und Hörbeeinträchtigte. Busse fahren nicht nur selten und oft ist auch kein Anschluss an weitere Busse oder Züge möglich. Das Anrufsammeltaxi wird zwar genutzt, ist aber auch nicht barrierefrei.  Allein die telefonische Anmeldung  ist schon eine Barriere für neurologische oder Angstpatienten. Anderswo geht das längst per Whatsapp, SMS oder E-Mail. Menschen mit Behinderung müssen außerdem für das Anrufsammeltaxi zahlen, obwohl sie üblicherweise in öffentlichen Verkehrsmitteln kostenlos fahren.  Jürgen Wintjen: Gehen Sie mal in den Landkreis, auf dem flachen Land haben Sie keine Chance. Der Landkreis konnte mir nicht mal eine Übersicht darüber gehen, wie viele barrierefreie Haltestellen er vorhalten muss. Und die neuen EU-Vorgaben für Rampen in der Bahn stellen in Wirklichkeit eine Verschlechterung dar.

Wenn man zu krank für den Arzt ist

Vor welchen Hindernissen stehen Menschen mit Behinderungen auf der Suche nach einer adäquaten ärztlichen Versorgung?

Jürgen Wintjen: Die Kassenärztliche Vereinigung bestreitet für unsere Region einen Ärztemangel. Ich behaupte, dass das nicht so ist, auch nicht nach der Verstärkung durch das Regionale Versorgungszentrum in Nordholz. Wer kein Notfall ist, muss ewige Wartezeiten hinnehmen. Die telefonische Erreichbarkeit mancher Praxen ist manchmal unmöglich. Ein großes Manko ist, das Ärztinnen und Ärzte häufig nicht mehr zu den Patienten kommen. Warum wird hier nicht das Dorfschwestern-Programm umgesetzt?  Christine Wagner: In vielen Praxen gibt es Annahmestopps. Menschen mit Behinderung bleibt oft keine freie Arztwahl, weil sie die Praxis nach der Zugänglichkeit aussuchen müssen.  Stufen und fehlende Aufzüge sind da noch das harmloseste Problem. Liegendbeförderung und Beförderung mit Dauerbeatmung sind eine Herausforderung. Viele Menschen schaffen es auch nicht vom Rollstuhl auf  spezielle Stühle wie etwa  beim Zahn-, Frauen- oder Augenarzt. Bisweilen werden außerdem Kassenpatienten mit diversen Vorerkrankungen von Ärzten abgelehnt, da das Einarbeiten in multiple Erkrankungen zu aufwendig ist.

Hinschauen kann jeder und fragen hilft auch

Wie kann jeder im Alltag Menschen mit Behinderungen zur Seite stehen?

Jürgen Wintjen: Respektvoll und auf Augenhöhe kommunizieren. Wenn einem Stolperfallen oder andere Mängel in der Umgebung auffallen, an die Politik oder die Gemeinde herantreten, das kann jeder. Sonst übernehmen auch wir Beiräte gerne diese Mittlerrolle. Viele sehen bei der Barrierefreiheit immer nur den  Rollstuhlfahrer vor sich, dabei hat Behinderung so viele Gesichter. Verbesserungen  kommen übrigens immer der ganzen Gesellschaft zugute. Christine Wagner:  Mit dem Herzen hinsehen. Nicht jeder trägt seine Probleme nach außen und doch kann man Unterstützungsmöglichkeiten erkennen. Man kann fragen, ob man  unterstützen kann. Nur bitte sehbeeinträchtigte Menschen nicht einfach unterhaken und losgehen und nicht einfach den Rollstuhl anfassen; ohne zu fragen. Man kann Pakete annehmen, einkaufen oder zur Post gehen; Eltern schwerstbehinderter Kindern anbieten, ein Geschwisterkind mit zum Spielplatz zu nehmen oder das behinderte Kind spazieren zu fahren, je nachdem, was die Familie gerade wünscht und benötigt. Erst recht hilft es, Rücksicht zu nehmen:  Taktile Leitsysteme frei zu  lassen, Menschen im Bus einen Sitzplatz anzubieten und natürlich auch keinen Behindertenparkplatz zuzuparken.  

Zur Person

Für Christine Wagner (Cuxhaven) ist Inklusion eine Herzensaufgabe. "Es macht mir Spaß, ein offenes Ohr für Betroffene zu haben, andere für die Bedürfnisse von Menschen mit Behinderungen zu sensibilisieren und mit dazu beizutragen, Barrieren sukzessive abzubauen", sagt sie. Sie gehört dem Beirat für Menschen mit Behinderungen der Stadt Cuxhaven seit 15 Jahren an, die meisten Jahre davon als Vorsitzende. Ebenso ist sie Mitglied im Inklusionsbeirat des Landkreises sowie zahlreichen weiteren Gremien. Jürgen Wintjen (Wurster Nordseeküste) suchte nach 26 Jahren als Vertrauensperson für behinderte Menschen bei der Bundesagentur für Arbeit eine Aufgabe für den Ruhestand und wusste sofort: "Das ist es", als der Landkreis Aktive für den Inklusionsbeirat suchte. Jürgen Wintjen ist nun im sechsten Jahr dabei; seit Januar 2022 als Vorsitzender. Und das mit Haut und Haaren: "Christine und ich, wir können nicht irgendwo langgehen, ohne die Barrieren zu sehen", verrät er. "Wenn man ein Ehrenamt annimmt, muss man wissen, worauf man sich einlässt. Es geht uns immer um die Belange der behinderten Menschen und ja, wir nerven manchmal auch damit. Das sehe ich mittlerweile als Kompliment an."

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Maren Reese-Winne

Redakteurin
Cuxhavener Nachrichten/Niederelbe-Zeitung

mreese-winne@no-spamcuxonline.de

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