Bilder werden wach: Cuxhaven und die Zeit der stolzen Kreuzfahrer
Die traditionsreiche Geschichte Cuxhavens als Kreuzfahrtterminal erstand am Sonntag wieder auf, als Günther Ennulats Film "Aufbruch in die große weite Welt" im Bali-Kino Premiere feierte. Und das in einem vollen Saal mit sachkundigem Publikum.
"Hanseatic"-Experte Walter Vehrs, Torsten Maass, Robert Hinners (Förderverein Schifffahrtsgeschichte), der ehemalige Wrackmuseumsleiter Peter Baltes, Norbert Plambeck, Andreas Möller - sie und viele andere, die sich um Kreuzfahrttourismus und Erinnerung an die Geschichte verdient gemacht haben, waren neugierig auf die bewegten Bilder. Moderator Thomas Sassen, Redakteur im Ruhestand, dankte aber auch Hartmut Mester für beeindruckende Drohnenaufnahmen und Kinobesitzer Ralf Kaspar für die Möglichkeit, diesen Film überhaupt auf der großen Leinwand zeigen zu können.
Einzigartige Zeitdokumente
Ausführlich widmete sich Sassen zunächst der Hauptperson Günther Ennulat, dem Cuxhaven schon mehrere Filme zu verdanken habe, etwa die Filmreihe "So war's" aus der Geschichte der Hochseefischerei oder "Pionierzeit im ewigen Eis" mit Bildern aus einer Antarktis-Überwinterung. "Sein Herz schlägt für die Schifffahrt und seine Heimatstadt", so charakterisierte Thomas Sassen den Sahlenburger. Filmdokumente aus 50 Jahren umfasse inzwischen der Fundus des 77-Jährigen. Alles habe auf dem Hospitalschiff "Helgoland" vor Vietnam begonnen, berichtete Sassen. Einzigartige Zeitdokumente seien dabei entstanden.
Und das ging mit jeder neuen beruflichen Etappe und später auch mit jeder Reise weiter. Ennulat fuhr als Koch in der Hochseefischerei, auf Forschungsschiffen, dem Segler "Alexander von Humcnv-text-emt" oder einem Greenpeace-Schiff - "die Kamera immer griffbereit unter der Koje", so Sassen. "Und er wusste, wo es spannend werden konnte."
Als Reisen plötzlich der Unterhaltung dienten
Den roten Faden in dem jetzt vorgestellten Film bildeten Günther Ennulats Erfahrungen auf sechs ausgewählten Reisen als Kreuzfahrt-Passagier - abwechselnd mit Bildern aus Cuxhaven und Bremerhaven oder auch Hamburg, zum Beispiel von dem faszinierenden Umbau des Ozean-Renners "France" zum Kreuzfahrtschiff "Norway" in der Lloyd-Werft in Bremerhaven. Die Faszination für die Kreuzfahrerei, also die "Lustreisen", die nicht mehr wie die Linienschifffahrt der bloßen Verbindung zwischen zwei Orten dienten, wird nicht umsonst in Cuxhavener Institutionen wie dem Förderverein Schifffahrtsgeschichte und dem Förderverein Hapag-Hallen aufrecht erhalten. Die Tradition der deutschen Kreuzfahrerei begann am 22. Januar 1891, also genau 132 Jahre vor dieser Filmpremiere, mit der Reise des Hapag-Dampfers "Augusta Viktoria" von Cuxhaven über Nordsee, Atlantik und Mittelmeer in den Orient.
Zeitgeist pur entsprang den Bildern und ließ so manchen in Erinnerungen und manchmal auch Wehmut schwelgen. Denn Ennulat widmete sich auch der Auswanderergeschichte, in der Cuxhaven für viele Menschen zum Schicksalsort wurde, und den Fährverbindungen der jüngeren Zeit nach England (beginnend mit der "Admiral of Scandinavia") und nach Brunsbüttel. Kamerafahrten führten über und durch die Hapag-Hallen und das Steubenhöft, an dem so stolze Schiffe wie die "Hanseatic" (sie kam übrigens vor genau 65 Jahren, am 22. Januar 1958, als "Scotland" an Cuxhaven vorbei, um dann am 21. Juli desselben Jahres als "Hanseatic" wieder nach New York zu starten) oder die als "Traumschiff" bekannte "MS Deutschland" der Reederei Deilmann festmachten, bevor es ab 2008 still und stiller wurde.
Antarktis und Galapagos-Inseln
Die Vielfahrt der Kreuzfahrerei zeigten die Aufnahmen von spektakulären Reisen und Passagen, die Ennulat gemeinsam mit Frau Ute erlebte: Von Cuxhaven nach Harwich, dann die klassische Ostseekreuzfahrt für Städteliebhaber, eine atemberaubende Antarktis-Reise mit der "MS Delphin", mit dem Fünfmaster "Royal Clipper" in der Karibik, Inselhüpfen auf den Galapagos-Inseln mit dem früheren deutschen Seebäderschiff "Helgoland" (jetzt "Galapagos Legend") und die klassische Überfahrt mit der "Queen Mary 2" nach New York und quasi zum Gegenstück der Hapag-Hallen auf der anderen Seite des Ozeans: Ellis Island.
Spurensuche für Deutsche und Amerikaner
Begleiter auf dieser Reise war der Cuxhaven eng verbundene Experte Dr. Wolfgang Grams. "Routes to the roots" (also "Reisen zu den Wurzeln") heißt das Konzept, mit denen er Deutsche nach Amerika und Amerikaner (inklusive Kanadier) nach Deutschland bringt, die dort den Lebenswegen ihrer Vorfahren nachspüren wollen.
Obwohl gerade erst aus New York zurück, ließ sich Grams diesen Vormittag nicht entgehen. Am Mikrofon bei Thomas Sassen berichtete er über die zurückliegende Kohlfahrt nach New York, bei der es erst mit dem Bollerwagen durch den Central Park und dann an die Grünkohltafel ging. Initiator drüben ist seit Jahr und Tag Fred Hansen, der seine Wurzeln in Neuenkirchen hat. Grams legte den Gästen für einen Bericht über diese Fahrt die NDR-Mediathek ("Hallo Niedersachsen") ans Herz und empfahl darüber hinaus den ebenfalls dort zu findenden Dreiteiler "Dibaba in Amerika", wo es um die Tradition deutscher Auswanderer im Mittleren Westen und ihre Verbindung zum Plattdeutschen geht.