Bürokratischer Balanceakt für Hebammen: Was das für Frauen im Kreis Cuxhaven bedeutet
Mit dem Hebammen-Hilfe-Vertrag beginnt ein bürokratischer Balanceakt und stellt die Fachkräfte vor immense Herausforderungen. Im Geburtshaus Cuxhaven zeigt sich, wie wichtig eine selbstbestimmte Geburt und professionelle Betreuung für Frauen ist.
Im Geburtshaus Cuxhaven ist es warm und ruhig. Am Eingang steht ein Baum aus Holz, auf seinen Anhängern stehen die Namen der Babys, die in den vergangenen Wochen in den Räumlichkeiten an der Altenwalder Chaussee das Licht der Welt erblickt haben.
"Alle Geburten waren reibungslos und schön", betont die Hebamme Dorothea Kruft. Sie hat mit ihrer Kollegin Stefanie Keller das Geburtshaus in Cuxhaven ins Leben gerufen.
Abrechnungen im 5-Minuten-Takt
Seit dem 1. November 2025 gilt der neue Hebammen-Hilfe-Vertrag. Er ersetzt die bisherigen Pauschalen für Schwangerschaften, Wochenbett und Vorsorge durch ein 5-Minuten-Takt-Abrechnungssystem. Geburtspauschalen bleiben bestehen, andere Leistungen entfallen. Ziel ist, die Arbeit der Hebammen genauer abzurechnen. Doch in der Praxis bedeutet der Vertrag für viele Fachkräfte zusätzlichen bürokratischen Aufwand, Unsicherheit bei der Vergütung und teilweise geringere Einnahmen. "Die Folgen werden in den nächsten ein bis zwei Jahren bundesweit deutlich werden", prophezeit Kruft.
Sie beschreibt die Auswirkungen auf ihre tägliche Arbeit: "Hebammen-Hilfe-Vertrag - das Wort alleine klingt schon wie ein Almosenvertrag. Früher hatten wir Pauschalen für Schwangerschaft, Geburt, Wochenbett und Vorsorge. Jetzt gibt es nur noch Pauschalen für die Geburt, alles andere wird im 5-Minuten-Takt abgerechnet. Wochenbettbesuche werden nur dann besser bezahlt, wenn es der Frau schlecht geht, weil wir länger bei ihr bleiben. Unkomplizierte Frauen bringen uns weniger Einkommen, obwohl wir trotzdem da sind und uns kümmern."

Lieber zu Aldi an die Kasse
Jedes Telefonat muss von den Frauen mit Unterschrift bestätigt werden, damit es abgerechnet werden kann- aber nur, wenn es zwischen fünf und zehn Minuten dauert. WhatsApp, SMS oder E-Mails können gar nicht mehr abgerechnet werden. Fehlende Stunden bei Kursen dürfen nicht mehr privat in Rechnung gestellt werden, wenn eine Frau kurzfristig den Besuch des Kurses absagt. "Viele Hebammen nehmen auch kein Blut mehr ab, da es auch nicht mehr vergütet wird", führt die Hebamme des Geburtshauses weiter aus. "Und auch Wochenendzuschläge wurden gekürzt, deshalb arbeiten viele Hebammen am Wochenende nicht mehr."
In Hebammen-Foren könne man lesen, dass viele Kolleginnen von Dorothea Kruft sogar darüber nachdenken, lieber an die Kasse bei Aldi zu gehen, weil sie finanziell nicht mehr über die Runden kommen. "Wir sind gezwungen, Igel-Leistungen (Selbstzahler Leistungen) einzuführen, damit sich unsere Arbeit wirtschaftlich trägt. Die Erreichbarkeit für die Frauen wird schlechter. Die Wege werden länger."
"Ein Vater fragte mich einmal, was ich eigentlich beruflich mache"
Der Hebamme sei klar geworden, dass es nur diesen kurzen Moment gibt, in dem eine Hebamme eine Rolle spielt - dann gibt es Geschenke, weil das Baby da ist. "Wir sind zu nett zum Streiken", meint sie schulterzuckend. Dass Geburt an Hebammen gekoppelt ist und nicht an Ärzte, werde häufig vergessen. "Viele sehen uns als liebe Frauen, die das als Hobby ausüben. Ein Vater fragte mich einmal, was ich eigentlich beruflich mache."
Was sind Frauen wert?
Kruft meint, es bräuchte eine Mischung aus dem alten und dem neuen Vertrag, um Pauschalen und Zeitvergütung zu verbinden. Die Auswirkungen des neuen Hebammen-Hilfe-Vertrags, wenn er so bestehen bleibt, würde die Geburtshilfe in Zukunft maßgeblich verändern. Die Frage sei also eindeutig: "Was sind wir Hebammen wert? Was sind die Frauen wert? Was bedeutet es, eine schöne Geburt zu haben - oder eine traumatische Geburt zu erleben?"
Im Geburtshaus Cuxhaven zeigt sich, wie wichtig eine professionelle Hebammenbetreuung ist. Zwischen Bürokratie, Kürzungen und finanziellen Herausforderungen ist dort ein Ort entstanden, an dem selbstbestimmte, behutsame Geburtserfahrungen möglich sind. Viele Frauen würden sich nach einer traumatischen Geburt bei ihrem zweiten Kind für das Geburtshaus entscheiden. "Der besondere Moment ist, wenn die Frau danach hier rausgeht und sich wie eine Königin fühlt, weil sie es geschafft hat", betont Hebamme Kruft.