Cuxhaven: Ursprünge des Schlossgartens Ritzebüttel - vom Festungswall zum Lustgarten
Sieben Jahrhunderte Geschichte, verwurzelt in Stein, Wasser und alten Bäumen: Der Schlossgarten Ritzebüttel ist mehr als eine Parkanlage - er ist das lebendige Archiv Cuxhavens. Bevor seine Wasserflächen saniert werden, lohnt ein Blick zurück.
Die ersten Krokusse haben ihre farbigen Köpfe aus der schwarzen Erde gestreckt. Narzissen wiegen sich im Frühlingswind. Irgendwo in den alten Linden, die den Weg zum Schloss säumen, beginnt eine Amsel ihr Morgenlied. Und die Männer und Frauen der Stadtgärtnerei haben alle Hände voll zu tun, die Wege zu kehren, Beete zu richten, den Winter aus dem Park zu treiben. Der Schlossgarten Ritzebüttel erwacht.
Es ist ein Erwachen, das seit Jahrhunderten so stattfindet, immer wieder, verlässlich, still. Doch in diesem Frühjahr liegt etwas in der Luft, das über das gewöhnliche Aufatmen nach dem Winter hinausgeht. Voraussichtlich zum Ende des Jahres werden Bagger - oder zumindest ihre technisch verfeinerten Nachfahren - anrücken, um die verlandeten Gräben zu sanieren, die Wasserflächen zu erneuern und diesem Gartendenkmal neues Leben einzuhauchen. 2,78 Millionen Euro stehen bereit. Ein guter Moment also, innezuhalten und sich zu fragen: Woher kommt dieser Ort? Was hat er erlebt? Was trägt er in sich?

Ein Wall wird zum Garten
Die Geschichte des Schlossgartens Ritzebüttel beginnt nicht mit Rosen und Laubengängen, sondern mit Kanonen und Zugbrücken. Wer heute entspannt unter den alten Bäumen spaziert, betritt im Grunde eine ehemalige Festungsanlage. Schon im frühen 17. Jahrhundert standen auf den Wällen rund ums Schloss bis zu 50 Geschütze, die Hamburgs Anspruch auf diesen Flecken Erde an der Unterelbe mit aller Deutlichkeit bekundeten. Ein dicht am Schloss herumgeführter, steiler Erdwall auf fünfeckigem Grundriss, umgeben von zwei Wassergrabenringen. So sah der Vorgänger des heutigen Schlossgartens aus.

Der äußere Burggraben, der heute noch die Parkgrenze markiert, und der innere Graben, über den einst Zugbrücken führten, waren keine Idylle, sondern Wehranlage. Im Torhaus, das den Eingang sicherte, soll sich sogar eine Offizierswohnung befunden haben. Pläne aus der Mitte des 18. Jahrhunderts halten diese Befestigung in allen Einzelheiten fest: das Wallprofil, die Schanzanlagen, die Wegführungen, die Entwässerungsgräben. Es sind Dokumente einer Zeit, in der Schönheit noch nicht das erste Gebot war, das an diesen Ort gestellt wurde.
Brockes pflanzt seinen Lustgarten
Den ersten entscheidenden Wandel brachte ein Mann mit, der mehr Dichter war als Soldat: Barthold Heinrich Brockes, Hamburger Kaufmann, Poet und Naturenthusiast, der von 1735 bis 1741 als Amtmann in Ritzebüttel amtierte. Brockes sah die eingeebneten Festungswälle östlich und südlich des Schlosses. Er sah in ihnen kein militärisches Erbe, sondern eine Möglichkeit. Auf diesen Flächen, zwischen innerem und äußerem Graben, legte er einen sogenannten Lustgarten an: mit Alleen, schattigen Laubengängen, kühlen Grotten, Pavillons an den Wegen. Blumenbeete, Kübelpflanzen, eine Sonnenuhr und Standbilder verwandelten das ehemalige Kriegsgelände in eine Sehenswürdigkeit.

Brockes war kein stiller Gärtner. Er schrieb über seinen Garten, in Versen, mit jener schwärmerischen Begeisterung, die dem Zeitalter der Empfindsamkeit eigen war. Aus seiner poetischen Beschreibung lässt sich das gartenkünstlerische Konzept noch heute herausschälen: ein Ziergarten auf der leicht hügeligen Wallfläche, ausgerichtet auf einen Pavillon als "Augpunkt", von dem aus sich die Blickachse über den gesamten Garten erstreckte. Geometrie und Natur, Strenge und Verspieltheit, das war der Geist dieser ersten Gartenanlage in Ritzebüttel. Noch 60 Jahre nach seinem Tod ehrten die Ritzebüttler ihren Amtmann mit einem Denkmal in dem nach ihm benannten Brockeswalde.
Nach den Franzosen: Der romantische Park entsteht
Die Napoleonischen Kriege hinterließen ihre Spuren auch in Ritzebüttel. Als die Franzosen 1813 abzogen, war die Festungsanlage des Schlosses endgültig überholt. Die Zugbrücke über den inneren Burggraben war verfallen, die über den äußeren kaum besser. Amtmann Abendroth erkannte: Diese Reste einer vergangenen Militärzeit waren keine Zukunft mehr. Er beantragte den Abbruch der Brücken und die Auffüllung der Gräben an den Übergangsstellen. Die nötige Erde sollte vom Schlosswall genommen werden, das alte Torhaus - das sogenannte "Gewölbe" mit der Wohnung des Wachoffiziers - sollte verschwinden. Im Herbst 1814 begannen die Arbeiten.

Was entstand, war zunächst bescheiden: ein Rasenoval vor dem Schlossportal, kleine, wegegefasste Flächen am Wallfuß, Jahresblumen, eine Gartenanlage, die kaum mehr als eine Geste war. Doch die eigentliche Verwandlung sollte folgen. Um 1835 kamen Pläne für eine großzügige, romantisch konzipierte Parkanlage ins Gespräch. Zur Jahrhundertmitte schien das Vorhaben vollendet. Der Wegeplan dieses romantischen Parks ist erhalten. Ein Netz geschwungener Pfade, auf Sichtbeziehungen und Überraschungsmomente hin angelegt, wie es der Zeitgeist verlangte. Linden säumten den neu geschaffenen Spazierweg auf dem inneren Wall. Kastanien wurden am Grabenufer gepflanzt. Das Schweizerhaus, seinerzeit von großen Bäumen fast verborgen, entstand um 1847 an einem "sorgfältig gewählten Standort", als stiller Ruhepunkt in der Wegführung, als Blickziel, das der Garten brauchte.

Ein Park wächst und mit ihm die Stadt
Der Schlossgarten war nie ein abgeschlossenes Projekt. Er wuchs, wandelte sich, nahm auf, was die Zeit brachte. Um 1892 entstand das Amtsgerichtsgebäude - das heutige Katasteramt - auf dem Gelände des zugeschütteten inneren Schlossgrabens. Im Mai 1909 brannte der Bauernhof "Krähenhof" an der Ecke Westerreihe/Altenwalder Landstraße bis auf die Grundmauern nieder. Amtsverwalter Kaemmerer nutzte die Gelegenheit: Der Hamburger Staat erwarb das Gelände, und der Schlossgarten gewann neue Flächen hinzu. Einer der ersten Kinderspielplätze der Stadt Cuxhaven entstand dort.
1924 trug Hamburg dem Wert dieser Anlage offiziell Rechnung und ließ den Schlossgarten in die Denkmalliste eintragen. 1930 wurde das Kriegerdenkmal eingeweiht, 1935 entstand die kleine Freilichtbühne, von einer geformten Hainbuchenhecke gerahmt, bis heute ein stiller, beinahe vergessener Ort im Park. Und schließlich, am 3. Juni 1981, wechselte das gesamte Schlossensemble den Eigentümer: Der niedersächsische Ministerpräsident Ernst Albrecht übergab Schloss und Garten an Cuxhavens Oberbürgermeister Werner Kammann. Seitdem gehört der Schlossgarten der Stadt und damit ihren Bürgerinnen und Bürgern.

Für die Öffentlichkeit geöffnet war der Park übrigens schon früher: Seit 1896 durfte man das Gelände tagsüber betreten, zunächst nur zu bestimmten Zeiten. Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges entfielen auch diese Einschränkungen. Der Schlossgarten wurde zu dem, was er bis heute ist: die grüne Lunge der Stadt, der Ort, an dem Cuxhaven zur Ruhe kommt.
Gräben, Geduld und die große Sanierung
Wer heute genau hinsieht, erkennt, dass dieser Park Pflege braucht, dringend. Die Wasserläufe, einst sorgfältig angelegtes und unterhaltenes System aus Burg- und Schlossgräben, sind an vielen Stellen kaum noch als solche zu erkennen. Verlandung und Bewuchs haben ganze Arbeit geleistet. Uferböschungen sind weggebrochen, einzelne Abschnitte stehen unter Wasser, das parallel zur Südersteinstraße verlaufende Teilstück ist streckenweise komplett zugewachsen. Was einst als klar geführtes Grabensystem die Befestigung sicherte und später die Schönheit des romantischen Parks unterstrich, kämpft heute ums Überleben.

Seit mehr als einem Jahrzehnt steht die Sanierung dieser Wasserflächen auf der Agenda der Stadt. Nun ist der Moment gekommen. 2,78 Millionen Euro Fördermittel aus dem Bundesumweltprogramm "Natürlicher Klimaschutz in Kommunen" stehen bereit, 90 Prozent der Kosten werden gefördert. Anja Stute, Fachbereichsleiterin der städtischen Naturschutzbehörde, hat das Projekt auf der Jahresversammlung des Vereins "Bürger für das Schloss Ritzebüttel" 2025 vorgestellt. Ihr Versprechen: kein grober Baggereinsatz, sondern sensibles Vorgehen - Saugbagger, baumgenaue Kartierungen, ein Konzept, das ökologische, hydraulische und denkmalschutzrechtliche Anforderungen in Einklang bringt. Am 18. März ist sie erneut Gast beim Schlossverein und wird aktuell berichten.
Es ist, als ob die Geschichte des Schlossgartens sich wiederholte: Schon Amtmann Abendroth musste 1814 behutsam vorgehen, als er die Wälle und Gräben seiner Zeit umgestaltete. Schon Brockes brauchte Fingerspitzengefühl, als er aus einer Festung einen Garten machte. Und schon die Parkgestalter des 19. Jahrhunderts wussten: Wer in diesen Ort eingreift, trägt Verantwortung für etwas, das größer ist als er selbst.
Die Narzissen blühen. Die Amsel singt. Und der Schlossgarten Ritzebüttel wartet auf das Nächste, das die Zeit ihm bringt.