Das Ensemble der Kleist-Inszenierung von Ulrike Müller war im Stadttheater Cuxhaven zu Gast. Foto: Theater für Niedersachsen
Das Ensemble der Kleist-Inszenierung von Ulrike Müller war im Stadttheater Cuxhaven zu Gast. Foto: Theater für Niedersachsen
Vor allem laut

"Der zerbrochne Krug" im Stadttheater Cuxhaven: Kleists Stück neu inszeniert

19.02.2026

Die Inszenierung von Kleists "Der zerbrochne Krug" durch das Theater für Niedersachsen überrascht im Stadttheater Cuxhaven mit einem unerwarteten Ansatz, der die Machtstrukturen und den Missbrauch in den Fokus nimmt.

Die Zeiten, in denen Theaterregisseure bei ihren Inszenierungen von Kleists "Zerbrochenem Krug" den absoluten Fokus auf den sich im eigenen Lügengespinst hoffnungslos verfangenen Dorfrichter Adam richteten, sind Geschichte. Heute steht Macht und Machtmissbrauch im Zentrum, vor allem auch gegenüber den weiblichen Personen der Handlung. Wie eine so fokussierte Annäherung an Kleists Lustspiel aussieht, zeigte im Stadttheater das Theater für Niedersachsen (TFN) mit der Inszenierung von Ulrike Müller.

Die Berliner Regisseurin inszeniert das Kleist-Stück im Bühnenraum von Ariane Salzbrunn (von ihr stammen auch die Kostüme) als ein Geschehen mit einem Maximum an Bewegung. Choreographisches ist dabei, auch Chaotisches, dann wieder Ruhe-Momente, in denen altvertraute Lieder gesungen werden (Musik: Robert Eder). Warum - das allerdings erschließt sich nicht unbedingt.

Ulrike Müllers Inszenierung ist vor allem laut, will mit dem, was sich auf der Bühne abspielt, durchdringen. Es gibt Momente, in denen all das ausgesprochen plakativ wirkt. Besonders dann, wenn Worte aus dem Text auch noch in Bewegungen umgesetzt werden, wie in einer Szene der Frau Brigitte. Sie ist bekanntlich diejenige, die das, was sich zugetragen hat, entwirrt und die Spur bis zum eigentlichen Übeltäter, dem Dorfrichter, offenlegt.

Die Frage ist, ob Heinrich von Kleists Text diese Art von "Zeige-Theater" überhaupt braucht - all diese Verdeutlichungen und Überzeichnungen. Wer genau hinhört - und Gott sei Dank belässt die Regisseurin es ja beim Kleistschen Original - wird die Frage mit "Nein" beantworten müssen. Es ist nämlich alles schon drin im Text von Kleist - das Expressive und Dynamische, genau so wie das eher Verhaltene und Zarte. Kein Wunder, dass genau das dann hinten ansteht und im Eifer des allzu lauten Gefechts versinkt. Bei allen Ausreden und Lügen, mit denen der Dorfrichter aufwartet, um seine Haut zu retten, ist nicht nachzuvollziehen, warum er das vorwiegend schreiend tun muss. Gleiches gilt auch für Rupprecht, Evchens Verlobten, der für sich ja nicht mehr und nicht weniger als Gerechtigkeit will.

Warum also der laute, schrille Ton, der diese Inszenierung durchgehend kennzeichnet? Sollte es daran liegen, dass die Regie allein hierin die Kennzeichnung von (männlicher) Macht sieht? Möglich. Den Darstellern in Kleists Theaterstück tut sie damit allerdings keinen Gefallen. Allen voran Martin Schwartengräber als Dorfrichter Adam, der alles und jedes überzeichnet. Er muss die durchaus auch vorhandenen komischen Facetten links liegen lassen, wahrhaft ausgestalten darf er sie schon gar nicht. Daniele Veterales Rupprecht darf auch nur die eine (laute) Seite präsentieren.

Ganz anders der Schreiber Licht (Paul Hofmann). Verschlagen und hinterrücks wie er nun einmal ist, befindet er sich gewissermaßen im Dauer-Wartestand und zwar auf die Nachfolge des unfähigen Dorfrichters. Ob die von der Regie zeitweilig gewählte tänzerische Attitüde, die Hofmann zeigt, seine Rolle wirklich ausfüllt, darf allerdings bezweifelt werden. Fast statuarisch über weite Strecken wirkt da der zwecks Inspektion aus Utrecht angereiste Gerichtsrat Walter (Manuel Klein). Nur für ganz kurze Momente darf er sich aus seiner Erstarrung lösen.

Die Frauen, so scheint es, sind in Ulrike Müllers Inszenierung des "Zerbrochnen Krugs" besser dran. Ihr Spiel, ihre Rollengestaltung ist differenzierter, facettenreicher. Marthe Rull, gespielt von Simone Mende, ist sehr bestimmt, verfolgt ihren Weg, den Zerstörer des Krugs dingfest zu machen, unbeirrt. Gegenüber der Situation ihrer Tochter zeigt mit zunehmender Aufklärung des Falls dann auch ganz andere Seiten.

Lene Jäger spielt die vom Dorfrichter Adam des Nachts bedrängte Tochter Eve. Wiewohl erst gegen Ende des Stücks so richtig präsent, ist ihre Rollengestaltung eigentlich die vielseitigste des Theaterabends. Sie ist die Einzige, die die Verwicklungen mit einem einzigen Wort entwirren könnte. Als jedoch der Dorfrichter ihren Rupprecht in den Krieg schicken will, spricht sie.

Eine Umbesetzung gab's an diesem Theaterabend: Camila Cordero übernahm für die erkrankte Linda Riebau kurzfristig die Rollen der Frau Brigitte und der Magd Grete. Am Tag darauf zeigte das Theater für Niedersachsen Kleists "Zerbrochnen Krug" noch in einer Schulaufführung.

Von Ilse Cordes

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