150 Jahre alte Kastanien gefällt, Silberlinden folgen: Stadt Cuxhaven kontert Kritik
Ein Streit um die Baumwahl in der Cuxhavener Deichstraße entfacht Diskussionen: Die Stadt hat zwei über 150 Jahre alte Kastanien fällen lassen, Silberlinden sollen folgen. Einige Bürger fordern heimische Alternativen. Eine Einordnung.
Zwei weiße Kreuze markieren, was verloren ging. An der Stelle, wo bis vor wenigen Wochen noch zwei mehr als 150 Jahre alte Rosskastanien in der Cuxhavener Deichstraße standen, soll es nun grünen, aber mit anderen Bäumen: zwei Silberlinden, ausgewählt von der Stadt im Zuge des Großprojekts Deichband. Dieser Plan begeistert nicht alle.

Tanja Schlampp war es, die den Streit in die Öffentlichkeit trug. In einem Leserbrief an die CN/NEZ-Redaktion schrieb die Cuxhavenerin, die Silberlinde sei "ein sogenannter Neophyt" und biete "im Gegensatz zur heimischen Sommer- und Winterlinde nur einen geringen ökologischen Nutzen". Stattdessen plädiert sie für heimische Alternativen: etwa den Eingriffeligen Weißdorn, der laut Schlampp 41 Wildbienenarten, 76 Raupenarten und 32 Vogelarten ernähre. "Eine Silberlinde hingegen würde lediglich für die Optik und eine Beschattung sorgen", urteilt sie. Starke Worte, die allerdings nicht unwidersprochen bleiben.

Die Stadt verteidigt ihre Wahl
Stadtbaurat Andreas Eickmann weist die Kritik gegenüber cnv-medien.de zurück. Die Silberlinde sei "ein für den innerstädtischen Raum sehr gut geeigneter Baum, der sowohl die innerstädtischen Umweltbelastungen als auch Trockenzeiten sehr gut verträgt". Entscheidend sei, dass es sich bei der Deichstraße um eine Kulturlandschaft handle und um keinen naturnahen Lebensraum. "Gerade wegen der besonderen Anforderungen, die an Straßenbäume zu stellen sind, eignen sich nichtheimische Bäume für diese Standorte häufig besonders", sagt Eickmann. Klimaresilienz und der lehmige Boden im Deichkörper hätten bei der Auswahl eine maßgebliche Rolle gespielt.

Der Fachmann aus der Praxis
Rückendeckung für die Stadtentscheidung kommt auch aus der Praxis: Olaf Schiller, Cuxhavener Unternehmer für Garten- und Landschaftsbau, ordnet die Debatte nüchtern ein. "Wir müssen durch den Klimawandel umdenken", sagt er auf CN/NEZ-Anfrage. "Es ist sicher, dass die Bäume, die jetzt hier seit vielen Jahrzehnten stehen, zumindest einige von denen mit den neuen klimatischen Bedingungen nicht mehr klarkommen werden." Die Silberlinde bezeichnet er als "Klimabaum": Sie komme ursprünglich aus einer Region mit mehr Hitze und Trockenheit und werde mit der sich entwickelnden Situation gut zurechtkommen.

Den von Leserin Schlampp vorgeschlagenen Weißdorn lässt Schiller als Alternative nicht gelten und das aus einem handfesten Grund: "Das sind kleinkronige Bäume. Das ist überhaupt nicht vergleichbar von der Wuchsgröße, von der Krone." Ein großkroniger Stadtbaum leiste eben weit mehr als nur Lebensraum für Insekten. "Du hast Krone, du hast Blattmasse, du hast Schatten, du hast Verdunstungskälte. Er absorbiert CO2, er schluckt Staub und Lärm. Das bekommst du nie mit so einem Weißdorn hin." Ein Baum mit ausreichender Blattmasse, ergänzt Schiller, reduziere in seiner unmittelbaren Umgebung sogar die Temperatur: "Die Pflanze nimmt Wasser auf und verdunstet wieder Wasser. Dadurch entsteht in der unmittelbaren Nähe schon ein anderes Klima."

Einen weiteren praktischen Vorzug der Silberlinde hebt Schiller hervor: Sie produziere deutlich weniger Honigtau als andere Lindenarten - jene klebrige Substanz, die Autofahrern, die unter Linden parken, nur zu vertraut ist. Sein Fazit fällt klar aus: "Ich finde das eine gute Idee von der Stadt, die Silberlinden zu nehmen. Großkronige Bäume, windfest sind sie auch noch." Allerdings mahnt der Fachmann zur Geduld: "Richtig schlau ist man erst nach dreißig Jahren."

Auch der Nabu differenziert
Überraschend differenziert fällt das Urteil von Karl Behn aus, dem Vorsitzenden des Naturschutzbundes (Nabu) Cuxhaven. Er gibt der Stadt in Teilen recht: "Man muss auch ein wenig vorausschauend denken. Es nützt ja nichts, wenn man sagt, wir wollen einen einheimischen Baum haben, der dann kaputtgeht." Heimische Arten hätten bei Extremhitze schlicht Probleme. Die Silberlinde sei deshalb durchaus ein "zukünftiger Stadtbaum". Allerdings: Die Nahrungsquelle für Insekten werde erst sehr spät im Spätsommer erschlossen. Und eine echte Alternative, betont Behn, gäbe es auch aus heimischem Sortiment: "Die Winterlinde verträgt Hitze, sie verträgt sogar ein bisschen Streusalz. Sie wäre ein exzellenter Stadtbaum." Heimische Arten solle man "bei einer Neuzupflanzung nicht außer Acht lassen".

Weitere Bäume sollen bleiben
Die zwei über 150 Jahre alten Rosskastanien sind also Geschichte. Derweil gibt Deichband-Projektleiterin Julia Gäckle Entwarnung für einen anderen umstrittenen Bereich: Die Bäume gegenüber dem Eingang zum Lotsenviertel, im Bereich der alten Deichtreppe, würden nicht gefällt. "Diese Bäume bleiben unbedingt erhalten", sagt Gäckle. Die Planung der Rampenanlage sei entsprechend angepasst worden.
Ein kleiner Trost und ein Zeichen, dass Druck aus der Bürgerschaft bisweilen wirkt. Ob er auch bei der Baumartenwahl noch etwas bewirken kann, bleibt abzuwarten. Die Entscheidung für die Silberlinde ist nach Angaben der Stadt gefallen.