Polizei und Schulen stehen bei anonymen Drohungen vor der Herausforderung, Gefahren ernst zu nehmen und gleichzeitig Panik zu vermeiden. Foto: Hendrik Schmidt/dpa
Polizei und Schulen stehen bei anonymen Drohungen vor der Herausforderung, Gefahren ernst zu nehmen und gleichzeitig Panik zu vermeiden. Foto: Hendrik Schmidt/dpa
Mehr Verunsicherung vor Prüfungen?

Drohung am AAG in Cuxhaven: Ermittlungen laufen - LKA meldet steigende Fallzahlen

von Tamina Francke | 06.05.2026

Drohungen kurz vor dem Abitur, verunsicherte Schüler und Ermittlungen ohne Täter: Nach der anonymen Mail am Amandus-Abendroth-Gymnasium in Cuxhaven stellt sich eine größere Frage: Häufen sich solche Vorfälle tatsächlich rund um die Prüfungsphase?

Für Philine (17) fühlt sich der Vorfall am Amandus-Abendroth-Gymnasium (AAG) nicht wie ein Einzelfall an. "Man hat schon das Gefühl, dass so etwas immer vor den Abiklausuren passiert", sagt die Schülerin des Lichtenberg-Gymnasiums (LiG). Tatsächlich erinnert sie sich sofort an die Bombendrohung am LiG im vergangenen Jahr. Damals mussten laufende Abiturprüfungen unterbrochen und im benachbarten AAG fortgesetzt werden.

Der Vorfall wirft deshalb eine größere Frage auf: Nehmen Drohungen rund um Prüfungsphasen tatsächlich zu? Oder entsteht dieser Eindruck auch deshalb, weil sich entsprechende Nachrichten heute innerhalb weniger Minuten über soziale Medien verbreiten?

Ermittlungen nach Drohmail laufen weiter

Fest steht: Die Ermittlungen im aktuellen Fall dauern weiterhin an. Wer die Nachricht verschickt hat, ist bislang unklar. "Die Ermittlungen hierzu sind noch nicht abgeschlossen. Derzeit gibt es noch keine Hinweise auf die Identität des Verursachers", berichtet Stephan Hertz, Sprecher der Polizeiinspektion Cuxhaven, auf Nachfrage von CNV-Medien.

Die Mail war am Montagabend, 27. April, über die schulinterne Plattform IServ verschickt worden. Darin wurde für den folgenden Tag eine Gewalttat mit einer Waffe angekündigt. Verschickt wurde die Nachricht über den Account eines Schülers. Inzwischen steht laut Polizei fest, dass der Inhaber des Accounts nicht selbst der Verfasser der Nachricht war.

Auch ob es eine Verbindung zu ähnlichen Fällen in Hildesheim, Delmenhorst oder Lüneburg gibt, ist noch unklar. "Ein konkreter Zusammenhang zu weiteren Taten in anderen Städten konnte bislang nicht hergestellt werden", so Hertz. Die Ermittlungen und entsprechende Abgleiche liefen aber weiter.

Nach der Drohung über die schulinterne Plattform IServ fand der Unterricht am Amandus-Abendroth-Gymnasium regulär statt. Foto: Schröder

Jugendliche reagieren zunehmend nüchtern

Unter Schülerinnen und Schülern verbreitete sich die Nachricht innerhalb weniger Minuten. Screenshots kursierten in Klassen- und Jahrgangschats, über soziale Medien wurde spekuliert, wer hinter der Drohung stecken könnte. Besonders schnell verbreitete sich ein Video des Schülers, über dessen Account die Mail verschickt worden war. Darin erklärte er öffentlich, nichts mit der Nachricht zu tun zu haben. "Er wollte einfach schnell klarstellen, dass er das nicht war", erklärt Schülerin Philine im Gespräch mit cnv-medien.de.

Ihr Mitschüler Teo (18) sagt, viele Jugendliche hätten die Drohung ohnehin vergleichsweise nüchtern aufgenommen. "Viele aus unserem Umfeld haben das ehrlich gesagt gar nicht wirklich ernst genommen", erzählt er. Zu oft habe es in den vergangenen Jahren ähnliche Vorfälle auf sozialen Plattformen gegeben. "Man dachte relativ schnell: Das wird wieder so etwas sein."

Vor allem ältere Schülerinnen und Schüler hätten die Nachricht anders eingeordnet als jüngere Jahrgänge, ergänzt Philine. Viele Oberstufenschüler seien internetaffin und hätten an der Schreibweise der Mail schnell gezweifelt. Tatsächlich fehlten am Tag nach der Drohung vor allem Schülerinnen und Schüler aus unteren Klassenstufen. Der Unterricht am AAG fand dennoch regulär statt, ebenso die laufenden Abiturprüfungen. Lehrkräfte boten Gesprächsrunden an, vielerorts habe sich die Situation aber schnell beruhigt.

LKA-Zahlen zeigen deutlichen Anstieg

Dass bei Jugendlichen trotzdem das Gefühl entsteht, solche Fälle nähmen zu, kommt nicht von ungefähr. Zahlen des Landeskriminalamtes (LKA) Niedersachsen zeigen einen deutlichen Anstieg entsprechender Delikte. Wurden 2023 in Niedersachsen noch 51 Fälle der "Störung des öffentlichen Friedens durch Androhung von Straftaten" registriert, waren es 2024 bereits 97 und 2025 sogar 221 Fälle. Gleichzeitig sank die Aufklärungsquote: von 62 Prozent im Jahr 2023 auf 47 Prozent im Jahr 2024 und zuletzt 46 Prozent im vergangenen Jahr.

Polizei und Schulleitung reagierten am Amandus-Abendroth-Gymnasium schnell auf die Drohung. Foto: Reese-Winne

Das LKA weist allerdings darauf hin, dass die Zahlen nur eingeschränkt mit den Vorjahren vergleichbar sind. Hintergrund ist eine Änderung bei der Erfassung der Fälle: Seit 2024 muss die Polizei in der Kriminalstatistik verpflichtend angeben, an welchem Ort eine Tat passiert ist - also beispielsweise an einer Schule. Zuvor war diese Angabe freiwillig. Dadurch könnten Fälle heute genauer Schulen zugeordnet werden als noch in den Jahren zuvor. Der deutliche Anstieg der Zahlen bleibt dennoch auffällig.

Keine Häufung in Prüfungsphasen erkennbar

Eine besondere Häufung während der Prüfungsphase lasse sich statistisch zudem nicht erkennen. "Vergleicht man die Quartale der dargestellten Jahre, ist innerhalb der einzelnen Jahre keine gesonderte Steigerung im für Abiturprüfungen relevanten zweiten Quartal festzustellen", zeigt das LKA Niedersachsen auf Anfrage von CNV-Medien auf.

Trotzdem halten Ermittler es durchaus für möglich, dass einzelne Täter gezielt Prüfungs- oder Klausurabläufe stören wollen. Auch im Fall in Cuxhaven geht die Polizei mit "sehr hoher Wahrscheinlichkeit" davon aus, dass genau dies die Motivation gewesen sein könnte. Als häufige Motive nennen Polizei und LKA außerdem Geltungsbedürfnis, Provokation, Trittbrettverhalten sowie persönliche oder psychosoziale Belastungen.

"White Tiger" spielt offenbar keine Rolle

Für zusätzliche Aufmerksamkeit sorgte im aktuellen Fall der Bezug zu "White Tiger" - jenem Pseudonym, unter dem ein Hamburger mutmaßlich Jugendliche im Internet zu Selbstverletzungen und Suizid gedrängt haben soll. Einen tatsächlichen Zusammenhang sehen die Ermittler derzeit jedoch nicht, so Hertz.

Besonders schwierig gestalten sich für Ermittler dabei die digitalen Spuren. Auch deshalb reagieren viele Jugendliche inzwischen anders auf solche Vorfälle: Sie verstehen, wie schnell sich Drohnachrichten über soziale Medien verbreiten - aber auch, dass hinter einem Absenderaccount nicht zwangsläufig der tatsächliche Verfasser steckt.

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Tamina Francke

Redakteurin
Cuxhavener Nachrichten/Niederelbe-Zeitung

tfrancke@no-spamcuxonline.de

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