Edvard Hoem in der Stadtbibliothek Cuxhaven: Den Menschen "ein Gesicht geben"
Dass ein norwegischer Schriftsteller zu einer Lesung aus seinen Werken nach Cuxhaven kommt, ist ohne Frage etwas ganz Besonderes. So geschehen am dieser Tage in der Stadtbibliothek, wo C aus seinem Roman "Der Geigenbauer" las.
Nach Bremen war Cuxhaven die zweite Station der Lesereise des Norwegers durch Deutschland. Initiiert wurde sie von der Deutsch-Norwegischen Freundschaftsgesellschaft e.V. (DNF) und sie wird den Schriftsteller in den nächsten Tagen noch nach Nürnberg, Leipzig und zum Abschluss ins Felleshus, das Domizil der Nordischen Botschaften in Berlin, führen. Dass Cuxhaven Station der Lesereise Hoems' werden konnte, hat wiederum mit der hier ansässigen Regionalvorsitzenden Renate von Rüden zu tun. Sie begrüßte am Mittwoch neben Detlef Palm, dem Konsul Norwegens in Hamburg, auch Signe Russwurm, Edvard Hoem's Lektorin im Forlaget Oktober AS, Oslo sowie die DNF-Bundesvorsitzende Barbara Teske.
Wenn Prof. Dr. Peter von Rüden, Medienwissenschaftler und Moderator des Abends, im Gespräch mit dem Autor den Zuhörerinnen und Zuhörern Wesentliches zu dessen Biografie wie zur wechselvollen Geschichte Norwegens vermittelte, so hatte das seinen guten Grund. Denn Edvard Hoem geht mit seinem erzählerischen Werk weit zurück in die eigene Familiengeschichte und die Geschichte seiner norwegischen Heimat. Hoem, Sohn eines Laienpredigers, stammt aus Hoem in der Nähe von Molde, wuchs dort in der Tradition der bäuerlichen Gesellschaft auf, mit 18 zieht es ihn nach Oslo. Er will Schriftsteller werden.
Ein "Brückenbauer" in vielerlei Hinsicht
Peter von Rüden nennt Edvard Hoem einen "Brückenbauer". Genau das ist er, und zwar in mancherlei Hinsicht: historisch wie literarisch, als Shakespeare-Übersetzer, Theatermann und als Autor, der in diesen Tagen auf Deutsch aus seinen Büchern liest. Eine jener einstmals so bedeutenden sprachlichen "Brücken" zwischen Norwegen und Deutschland, die mit der deutschen Besetzung Norwegens am 1. April 1940 abrupt endete. Wenn das erste Buch, mit dem Edvard Hoem (Jahrgang 1949) als Sechsjähriger in Kontakt kommt, ein deutsches (die Erzählungen des Missionars Ansgar) war, war das damals in Norwegen alles andere als eine Selbstverständlichkeit. "Nehmt dem Jungen das Buch weg, es schadet seinem Verstand", hatte der Großvater gerufen, als sich sein Enkel mit einem "Deutsch-Buch" und dem Konjugieren von Verben abmühte.
Doch des Autors Affinität zur deutschen Sprache war geweckt. Auch am Mittwochabend liest Hoem aus der im Stuttgarter Urachhaus-Verlag erschienenen deutschen Übersetzung seines "Geigenbauer"-Romans. Im Zentrum steht Lars Olsen Hoem (1782 - 1852), ein Vorfahre des Autors, der auf einem britischen Gefangenenschiff von einem Franzosen das Geigenbauer-Handwerk erlernt. Die Geschichte des 2020 erschienenen Buches spielt vor dem Hintergrund von Krieg und Seeblockaden während der Napoleonischen Kriege, taucht tief ein in das so ganz anders verlaufende Leben der dem westnorwegischen Küstenstrich entstammenden Hauptfigur.
Fesselnde Lektüre für Geschichtsinteressierte
Schon die am Mittwochabend in der Stadtbibliothek gelesenen Passagen lassen erkennen, wie genau Edvard Hoem recherchiert. Sie machen das Buch besonders auch für ein historisch interessiertes Lesepublikum zu einer fesselnden Lektüre. Die Recherche für die Romane, sagt der Schriftsteller im Gespräch mit Dr. Peter von Rüden, seien "sehr viel Arbeit". Aber so Hoem: "Ich bin immer neugierig". Dass er auf diese Weise längst vergangene Zeiten wieder sichtbar und damit für die Nachwelt nachvollziehbar macht, zeichnet seine Bücher aus. Frauen und Männern aus seiner eigenen Familiengeschichte "ein Gesicht zu geben" - das ist des Autors eigentliche Intention. Mit dem Roman "Die Hebamme" hat er das getan, mit dem erst kürzlich erschienenen Buch "Der Heumacher", in dem es um die Auswanderung der Norweger nach Amerika geht, ebenso.
Eindrucksvoll gelungen ist ihm das bereits mit seinem Buch "Die Geschichte von Mutter und Vater", 2005 im norwegischen Original und 2009 in deutscher Übersetzung als suhrkamp taschenbuch erschienen. Mit ihm ist er ganz nah an seiner eigenen Geschichte. Die Mutter bringt eine Tochter mit in die Ehe, die einer Verbindung mit einem deutschen Soldaten entstammt. Etwas, worüber nie gesprochen, das in absolutes Schweigen gehüllt wird. Erst 1990, nach dem Tod des Vaters, spricht die Mutter darüber. Das Buch wird in Norwegen ein Bestseller. Das Thema jedoch ist dort nach wie vor ein äußerst problematisches und nicht nur dort, wie Nachforschungen in jenen Jahren in Deutschland gezeigt haben. Von Ilse Cordes
