Gleichstellung in Cuxhaven: "Wir verlieren einiges, was Frauen damals erkämpften"
Im Interview spricht Heike Bach, Cuxhavens Gleichstellungsbeauftragte, über Fortschritte und Herausforderungen bei der Gleichberechtigung und die Bedeutung des Internationalen Frauentags für die Gesellschaft.
Mit 15 Jahren wusste Heike Bach, dass sie Englischlehrerin werden will. Doch nach dem Studium sahen die Chancen auf eine Anstellung schlecht aus - sie bewarb sich daher bei der Stadt Cuxhaven. Dort begann die Cuxhavenerin 1987 das duale Studium zur Diplom-Verwaltungswirtin. Als 2012 die Stelle der Gleichstellungsbeauftragten ausgeschrieben wurde, bewarb sie sich kurzfristig und bekam den Job. Die inzwischen 64-Jährige spricht über Gleichstellung und die Bedeutung des Internationalen Frauentags am 8. März.
Was beinhaltet die Arbeit als Gleichstellungsbeauftragte?
Erstmal ist wichtig zu erwähnen, dass die Gleichstellungsbeauftragte eine wichtige Rolle im Kommunalverfassungsgesetz spielt. Der Kernsatz darin ist: Die Gleichstellungsbeauftragte sorgt für die Gleichstellung von Männern und Frauen im öffentlichen Dienst. Das ist die Maxime. Insbesondere geht es um Personalangelegenheiten. Da müssen wir beteiligt werden. Wir sind also Teil von Personalauswahlverfahren.
Was steht bei der Einstellung von Personal im Vordergrund: Quote oder Qualifizierung?
Ich gucke natürlich, wie viele Frauen in einem Bereich arbeiten. Viele glauben aber, dass nur danach eingestellt wird. Das ist Blödsinn. In Artikel 33 im Grundgesetz steht, dass der Zugang zu öffentlichen Ämtern nach Eignung, Befähigung und fachlicher Leistung erfolgt. Das sind die Voraussetzungen. Und bei gleicher Qualifizierung ist die Frau zu bevorzugen, wenn sie in dem Bereich unterrepräsentiert ist.
Was für positive Veränderungen bemerken Sie beim Thema Gleichstellung und Gleichberechtigung?
Als ich 1987 bei der Stadt Cuxhaven angefangen habe, war ich als Emanze verschrien - ich fand das lustig. Das hat sich verändert. Frauen auf Augenhöhe zu begegnen ist mit der Zeit selbstverständlicher geworden, genauso die Gleichstellung von Mann und Frau. Heute arbeiten auch mehr Frauen in typischen Männerdomänen - das ist ein positiver Wandel. Beide Geschlechter haben ihre Stärken und Schwächen, die gilt es zu würdigen. Gleichstellung heißt daher nicht, dass alle Menschen gleich sein müssen.
Gibt es Veränderungen, die Ihnen Sorgen bereiten?
Die Gewalt gegen Frauen ist heute leider sehr massiv. Wir sind fast so weit, dass jeden Tag in Deutschland ein Femizid passiert. Häusliche Gewalt und Femizide sind auch im Landkreis ein Problem. Da ist Cuxhaven ein Abbild der Gesellschaft. Die Zahlen steigen nicht nur, weil sich mehr Frauen trauen, eine Anzeige zu machen - es wird einfach mehr. Früher war es beispielsweise üblich, dass Frauen in Frauenhäusern nach drei Monaten wieder gehen. Heute bleiben sie teilweise sechs bis neun Monate, da sie keine bezahlbaren Wohnungen finden. Ein Problem ist auch, dass die Frauenhäuser projektfinanziert sind - sie müssen jedes Jahr einen Antrag stellen, damit sie finanzielle Mittel erhalten. Das ist einfach unwürdig.

Was kann jeder im Alltag zur Gleichstellung beitragen?
Ich sollte meinem Gegenüber auf Augenhöhe begegnen. Als wirklich gleichwertig. Jeden genauso wertschätzen, wie ich selber wertgeschätzt werden möchte. Im Alltag sollte man gut mit den Frauen umgehen und respektvoll ihnen gegenüber sein. Außerdem sollten Leute nicht abgewertet werden, nur auf Grund ihres Geschlechts. Ein wichtiger Aspekt ist dafür auch die Kindererziehung. Wenn Kinder nach Geschlechterstereotypen erzogen werden, macht das auch im Erwachsenenalter viel aus. Wenn im Haushalt geholfen wird, dann bitte von beiden Elternteilen. Da ist noch Luft nach oben, auch wenn es sich schon verändert hat.
Am Sonntag ist der Internationale Frauentag - Welche Bedeutung hat der Tag heute noch?
Also gleichberechtigt sind wir ja. Aber von der Gleichstellung sind wir noch weit entfernt. Deswegen hat der Tag eine hohe Bedeutung, wenn man weiter daran arbeiten will, dass die Gleichstellung auch passiert. Dass es dieser eine Tag ist, okay: aber das ist eigentlich eine 24-7-Aufgabe. Und ich habe den Eindruck, dass wir in einer "Roll-Back-Phase" sind. Das teilen viele Frauen meiner Generation. Wir verlieren aktuell wieder, was Frauen damals erkämpft haben. Zum Beispiel ist das traditionelle Frauenbild heute sehr verankert. Und wir haben nach wie vor das Problem mit der Aufteilung der Care-Arbeit. Ein Problem ist denke ich auch, dass viele jüngere Frauen glauben "Das ist doch alles selbstverständlich". Nein, das ist es eben nicht. Um diesen Status zu erhalten, müssen wir uns bewegen.
Was wünschen Sie sich, dass in 15 Jahren erreicht ist?
Dass beide Geschlechter entsprechend ihren Möglichkeiten und Kompetenzen miteinander leben können und dürfen - partnerschaftlich. Dass es keinen Gender Pay Gap mehr gibt, dass Care-Arbeit gerecht verteilt ist. Dass Frauen in sogenannten Männerberufen und Männer in Frauenberufen mehr werden. Männer, die in Frauenberufe gehen, werden ja zum Teil auch angefeindet und Frauen werden in Männerberufen kritisch beäugt. Dass es selbstverständlicher wird, dass eine Frau auf einem Gerüst arbeitet oder einen Lkw fährt. Du machst einen Job, der dir hoffentlich Spaß macht, den du gut kannst, womit du deinen Lebensunterhalt verdienen kannst. Das wäre meine Utopie.
