Kommentar: Cuxhavener Bevölkerung muss wissen, was in der Kaserne passieren soll
Noch sei die Entscheidung nicht gefallen, heißt es, doch was Ministeriums- und Bundeswehrvertreter in dieser Woche auf der Standortschießanlage über die mögliche Wiederbelebung des Bundeswehrstandorts Altenwalde zu sagen hatten, war konkret.
Konkreter denn je auf jeden Fall bei der Bewertung der Sicherheitslage. Wenn die Bundeswehr nach Altenwalde zurückkehre, dann nicht etwa zur Förderung der heimischen Wirtschaft oder zum Sandsackschleppen bei der nächsten Sturmflut, hieß es, sondern, um die operationellen Fähigkeiten der Bundeswehr wiederherzustellen und Deutschland verteidigungsfähig zu machen. Die Zeit dränge.
Personelle Aufstockung, neue (freiwillige) Wehrpflicht, Aufbau eines Heimatschutzes, Aktivierung von Reservisten - das sind Bausteine, mit denen die Bundeswehr das erreichen will; verbunden mit einer (auch bei den Marinefliegern in Nordholz sichtbaren) materiellen Aufrüstung - nicht als Kriegstreiberei, sondern zur Friedenssicherung, Überwachung und Abwehr.
Nichts zu tun, kann keine Lösung sein
Es bräuchte schon eine große Portion Idealismus, wenn nicht gar Naivität, um zu glauben, dass andere brav an den Grenzen stehenbleiben, wenn sich Deutschland nicht schleunigst gegen russische Provokationen, die bis zu uns reichenden Kriege in der Ukraine und im Iran und die Folgen weiterer impulsiver Ausbrüche eines vom NATO-Austritt fantasierenden US-Präsidenten wappnet. Die hybride Kriegsführung (Zermürbung durch Sabotage, Drohnenüberflüge, Falschinformationen, Cyberangriffe etc.) hat ohnehin längst begonnen.
Sorgen dürfen nicht weggewischt werden
Irgendwo müssen die Leute für Drohnenerkennung und -abwehr und Heimatschutz aber auch ausgebildet werden. Sollte Altenwalde dafür ausgewählt werden, wird das wahrscheinlich nicht nur Freude erzeugen. Die Angst davor, Ziel militärischer Angriffe zu werden, Sorgen um explodierenden Verkehr oder die Zugänglichkeit der Küstenheiden dürfen nicht einfach weggewischt werden, auch nicht mit dem Hinweis darauf, dass wir eines Tages andere Sorgen haben könnten als die liebgewonnenen Spaziergänge dort.
Kompromisse, Transparenz, Ausbau
Sie wollten die Akzeptanz der Cuxhavener Bevölkerung, versicherten die Verantwortlichen am Mittwoch vor Vertretern der Ratspolitik. Da fallen mir neben Kompromissen zur Zugänglichkeit der Naherholungsgebiete und generell größtmöglicher Transparenz direkt einige Handlungsfelder ein, angefangen mit der Ortsdurchfahrt Altenwalde: Die im Raum stehenden Zahlen dürfen durchaus die Frage nach einer Ortsumgehung aufwerfen oder zumindest nach anderen Maßnahmen zur Verbesserung des Verkehrsflusses, beispielsweise durch den einen oder anderen Kreisel. Nicht ganz unberechtigt ist wohl auch die Hoffnung, dass die Bedürfnisse der Bundeswehr den Bau von Straßen und Brücken auf dem Weg zu ihren Standorten beschleunigen könnten.
Städtebauliche Fragen nehmen ganz neue Dimensionen an: Was wäre ein sinnvoller Ersatz für die Verwaltungsstelle in der Ortsmitte? Reichen die Kapazitäten in Schulen und Kitas? Wo sollen all die Leute wohnen und bleibt Wohnen erschwinglich? Weitere Attraktionen für junge Familien wären nötig. Wie wäre es zum Beispiel mit einer Spielscheune?
Was ist mit den Schutzräumen auf dem Gelände?
Nicht zu vergessen die handfeste Frage zum Bevölkerungsschutz: Die Menschen wollen erfahren, was noch von den unterirdischen Schutzräumen im Kasernengelände übrig ist und zugänglich gemacht werden könnte. Und dann noch mal zu den Naturkatastrophen: Auch, wenn die Bundeswehr andere Aufgaben hat, arbeiten dort doch Menschen, die sich erfahrungsgemäß schon immer in Katastrophenschutzverbänden und Vereinen engagiert haben und das Cuxland nicht im Nassen stehen lassen werden. Oder würden; denn bislang ist alles noch Vision.
Die angekündigte Dialogbereitschaft der Verantwortlichen ist in Cuxhaven vernommen worden. Das ist gut, erst recht im Bewusstsein, dass die Meinung der Bevölkerung die Machthaber vieler anderer Nationen herzlich wenig scheren würde.