Lebenshilfe Cuxhaven feiert 65-jähriges Bestehen - Engagement für Teilhabe seit 1961
Mit Rückblicken auf die Anfänge, klaren Mahnungen zur gesellschaftlichen Verantwortung und einem Ausblick auf kommende Herausforderungen hat die Lebenshilfe Cuxhaven e.V. ihr 65-jähriges Bestehen gefeiert.
Mehr als 60 Mitglieder der Lebenshilfe Cuxhaven e.V. kamen zu einer Feierstunde mit Kaffee und Kuchen zusammen, um das 65-jährige Bestehen des Vereins zu würdigen. "Nicht nur der heutige Tag, sondern auch der Weg hierher soll gefeiert werden", betonte der Vorsitzende Edebohl Tietje zu Beginn seiner Rede.
Der Verein wurde 1961 in einer Zeit gegründet, in der Familien mit behinderten Kindern keine Unterstützung erhielten. "Man wusste sich nicht anders zu helfen, als sich selbst zu helfen", so Tietje. Grundlage des Engagements seien bis heute die Werte des Grundgesetzes: Gleichheit, Würde und Schutz - niemand dürfe wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.
Gründung aus Eigeninitiative in schwierigen Zeiten
Der ursprüngliche Vereinsname "Lebenshilfe für das geistig behinderte Kind" sei aus heutiger Sicht nicht mehr denkbar, spiegelte jedoch die damalige Zeit wider. Bis heute sei die Finanzierung der Arbeit ein fortwährendes Ringen. Gleichzeitig habe sich die Lebenshilfe enorm weiterentwickelt: Aus einem kleinen Verein sei ein breit aufgestellter gemeinnütziger Träger geworden, der mit seinen Gesellschaften - der WWL, der Assistenz sowie der Stiftung der Lebenshilfe Wohnstätten, den Werkhof, das Kulturbistro, den CAP-Markt, De Goornlüüd, De Bookbinners und weiteren Angeboten - betreibe.

Aktuell leben 64 Menschen in Wohnhäusern und 37 in Wohngruppen, 22 werden in der Seniorentagesstätte betreut. Insgesamt beschäftigt die Lebenshilfe an den Standorten Cuxhaven und Hemmoor rund 460 Menschen mit Beeinträchtigungen sowie 212 Fachkräfte - fast 700 Beschäftigte insgesamt. Die Mitgliedszahl liegt bei 258. Der Bedarf an Wohnraum und neuen Arbeitsmöglichkeiten steige weiter. Diesen versuche man mit hohen Investitionen und Kraftanstrengungen, wie dem Schaffen von barrierefreiem Wohnraum in der Brockeswalder Chaussee, nachzukommen.
Mahnende Worte zur Geschichte und Gegenwart
WWL-Geschäftsführer Werner Ludwigs-Dalkner blickte in seinem Grußwort nicht nur auf die Geschichte des Vereins zurück. Er setzte in der Zeit des Nationalsozialismus an. Er erinnerte an die Gräueltaten an Menschen mit Behinderung bis 1945. "250 000 bis 300 000 Menschen mit Behinderung wurden bestialisch umgebracht und sind unglaublich bestialischen medizinischen Experimenten zum Opfer gefallen." Das hatte sich bis in die letzten Jahre ausgewirkt. "Bis vor 15 Jahren gab es keinen Bedarf an Angeboten für Senioren mit geistiger Behinderung. Weil es diesen Personenkreis nicht gab. Sie wurden von den Nazis ausgelöscht." Ludwigs-Dalkner richtete mit Blick auf das Erstarken der politisch extremen Rechten warnende Worte an seine Zuhörerschaft: "Wenn wir in einem Land leben, in dem die Grundrechte dieses Personenkreises immer weiter eingegrenzt werden, dann könnte es sein, dass diese Menschen auch ihr Lebensrecht verlieren." Der langjährige WWL-Geschäftsführer erntete für seine klaren Worte kräftigen Applaus.

Meilensteine in der Entwicklung der Lebenshilfe
Ludwigs-Dalkner lieferte danach einen kurzen Rückblick in die Geschichte des Vereins: Bereits 1961 entstanden erste Betreuungsangebote, wenig später ein Sonderkindergarten. Meilensteine waren unter anderem der Bau des ersten Wohnheims 1972, die Anerkennung der Werkstatt für Menschen mit Behinderung 1981 und der Ausbau des betreuten Wohnens, das heute 110 Menschen umfasst. Arbeitsbereiche, wie De Bookbinners, der CAP-Markt und die Produktionsstätten in Hemmoor sorgten für Sichtbarkeit und Teilhabe.

Des Weiteren sprach Ludwigs-Dalkner in Vertretung des erkrankten Landesvorsitzenden Erwin Drefs und überbrachte dessen Glückwünsche. Auch in diesem Beitrag sprach er die gesellschaftspolitischen Entwicklungen an. Inklusion und Eingliederungshilfe würden zunehmend infrage gestellt. "Wenn wir uns nicht um Menschen kümmern, die sich nicht selbst helfen können, leben wir in einem Land voller Kälte und Härte", warnte er und forderte einen Abbau der Bürokratie sowie eine Stärkung der Lebenshilfe.
Neubeginn mit Blick in die Zukunft
Zum Schluss richtete der Geschäftsführer noch persönliche Worte an die Mitglieder. Nach über 20 Jahren wird sich der Werner Ludwigs-Dalkner in den kommenden Monaten in den Ruhestand verabschieden. Die Versammlung quittierte die engagierte Arbeit des Mitsechzigers mit Standing Ovations. Sein Nachfolger Fabian Scharping stellte sich den Mitgliedern vor: Der 54-jährige gebürtige Hamburger war zuletzt Geschäftsführer bei der Lebenshilfe in Gießen. "Ich freue mich, hier eine so gut aufgestellte Lebenshilfe mit großem Firmenspektrum vorzufinden und den Weg gemeinsam weiterzugehen", sagte er.

Die Lebenshilfe e.V. hat in ihrem Jubiläumsjahr noch einige Aktionen geplant. So wird es im Juni noch ein großes Jubiläumsfest geben. Derzeit unterstützen 255 Mitglieder den Verein, neue Mitglieder sind jederzeit willkommen. Fazit der Veranstaltung: Das Erreichte ist keine Selbstverständlichkeit - und muss auch künftig verteidigt werden.
Von Joachim Tonn