Rabbi Jona Simon mit Schülerinnen und Schülern der BBS am ältesten Grabstein auf dem jüdischen Friedhof Brockeswalde. Das Grab stammt aus dem Jahr 1802. Foto: Kramp
Rabbi Jona Simon mit Schülerinnen und Schülern der BBS am ältesten Grabstein auf dem jüdischen Friedhof Brockeswalde. Das Grab stammt aus dem Jahr 1802. Foto: Kramp
Vorbild für andere Schulen?

Modellhaft & einzigartig: Schüler engagieren sich auf jüdischem Friedhof in Cuxhaven

von Wiebke Kramp | 10.09.2025

Ein einzigartiges Pilotprojekt vereint Schüler, Lehrer, Polizei und einen Rabbiner auf dem jüdischen Friedhof in Cuxhaven-Brockeswalde. Gemeinsam engagieren sie sich für den Erhalt des historischen Ortes und fördern das kulturelle Verständnis.

Schüler und Lehrkräfte der Berufsbildenden Schulen (BBS) Cuxhaven, eine Polizeibeamtin, ein Pastor und ein Rabbiner treffen an diesem Ort der Ewigkeit aufeinander. Es ist ein einzigartiges Pilotprojekt, das an diesem Spätsommertag auf dem denkmalgeschützten jüdischen Friedhof in Brockeswalde diese unterschiedlichen Menschen zusammenbringt und Nähe schafft.

Rabbi Jona Simon nimmt sich für dieses beispielhafte Projekt gern die Zeit für einen Ortstermin auf dem abgelegenen Friedhof in dem Waldstück hinter dem Schützenhaus. Der Rabbiner ist Beauftragter des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden von Niedersachsen. In dieser Funktion ist er für die Pflege, den Erhalt und die Verwaltung der mehr als 200 pflegeverwaisten jüdischen Friedhöfe im Bundesland zuständig. Überdies setzt er sich dafür ein, sie als kulturelle Lernorte zugänglich zu machen.

Besonderheiten auf einem jüdischen Friedhöfen sind Einzelgräber, ausschließlich Erdbestattungen und die dauerhafte Totenruhe. Häufig liegen sie außerhalb, weil frühere Gesetze es Juden untersagten, innerhalb von Gemeindegrenzen bestattet zu werden. Die Grabsteine sind gen Osten ausgerichtet, ebenso wie die Füße der Toten. Statt Blumen legen Trauernde meist Steine auf die Grabsteine.

Kooperation durch gute Vernetzung

Gute Kontakte zwischen der Cuxhavener Polizeioberkommissarin und Präventionsbeamtin Britta Schumann, Oberstudiendirektor Ralf Salih von den BBS und dem Rabbiner führen zu dieser bislang einzigartigen Kooperation. Verschiedene Klassen der Schule engagieren sich dabei auf dem jüdischen Friedhof. Aktuell kümmern sie sich um den abgängigen Zaun und die Wegepflege. Im Vorwege hat bereits die Wirtschaftsklasse durch Pfandsammeln 500 Euro eingenommen, die als Materialspende an die Jüdischen Gemeinden geht. Teilnehmer der Berufseinstiegsklasse Holz mit ihrem Lehrer Stefan Gocke rücken zum Ortstermin mit Werkzeug an und sind sogleich mit Säge und Akkuschrauber handfest am Werken.

Ein auf den Zaun umgestürzter Baum und fehlende Unterstützung seitens des Forstamtes sorgten dafür, dass es zur Kooperation zwischen Schule, Polizei und den jüdischen Gemeinden kommt und die BBS Cuxhaven sich aktiv auf dem jüdischen Friedhof betätigt. Foto: Kramp

Rabbi Simon zeigt sich begeistert und dankbar über diese handfeste Unterstützung. Auslöser war ein Sturmschaden durch einen niedergestürzten Baum. Den am Zaun entstandenen Schaden wollte die zuständige niedersächsische Forstverwaltung nicht beheben und in den Gemeinden sei dafür kein Etat vorhanden, sodass er auf Spenden angewiesen sei, so der Rabbi. Und so kam es zu einer guten Fügung durch Vernetzung über die Polizei zur Schule.

Britta Schumann als Patin des Projektes zeigt sich ebenfalls äußerst angetan, was die mit Werkzeug angerückte Holzklasse schon am ersten Termin leistet. Aktiv sind aber auch die Schülerinnen und Schüler von Schulpastor Lutz Meyer, die den Rabbi für ihr Filmprojekt interviewen. Zu einem späteren Zeitpunkt kommen die Schülerinnen und Schüler von Bel Dreßler ins Spiel und werden Hegearbeiten auf dem Gelände vornehmen.

Doch damit nicht genug: Rabbi Jona Simon sichert zu, dass er gern bereit ist, an den BBS zum Thema jüdisches Leben und jüdische Kultur in Deutschland Auskunft zu geben und damit einen Beitrag für mehr Verständnis und Annäherung zu leisten.

BBS Cuxhaven als Blaupause?

Dieses Kooperationsbeispiel könnte Schule machen, sind sich die Verantwortlichen sicher, dass Cuxhaven perfekt als Blaupause für weitere berufliche Schulen dienen könnte, sich auf jüdischen Friedhöfen zu engagieren und so mehr über die Religion, ihre Geschichte und das Schicksal der Juden in Deutschland zu erfahren. 

Jüdischer Friedhof Brockeswalde

Im Jahre 1754 gab es nachweislich die erste Bestattung. Ein Vater erhielt die Genehmigung, seine im Alter von einem Jahr verstorbene Tochter zu beerdigen. Dort entstand später der Friedhof für die Ritzebüttel ansässigen Juden. Juden durften damals nicht in den Gemeindegrenzen bestattet werden. 1797 wurde das Gelände eingefriedet. Auf dem Friedhof wurden rund 150 bis 200 Gräber errichtet. Die ältesten Grabsteine stammen aus Jahren 1802 und 1805. In den 30er Jahren wurden viele Grabsteine im Rahmen von Friedhofsschändungen zerstört. Der Friedhof wurde nach 1945 mit den noch vorhandenen Steinen wiederhergestellt. Etwa 40 Steine blieben jedoch verloren. (Quelle: cuxpedia.de)

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Wiebke Kramp

Redakteurin
Cuxhavener Nachrichten/Niederelbe-Zeitung

wkramp@no-spamcuxonline.de

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