Neue Spur im Cuxhavener Doppelmord von 1986: Führt sie zum Serienmörder Wichmann?
Der Doppelmord an Ingeborg und Gerhard K. im Cuxhavener Fischereihafen 1986 gerät ins Visier von privaten Ermittlern und Journalisten. Neue Hinweise werfen die Frage auf, ob es eine Verbindung zum mutmaßlichen Serienmörder Kurt-Werner Wichmann gibt.
Am Abend des 22. Februar 1986 wurde Cuxhaven von einer schockierenden Gewalttat erschüttert. In der Fischhalle XI im Neuen Fischereihafen wurden Betriebsmeister Gerhard K. und seine Ehefrau Ingeborg ermordet. Gerhard K. fiel seinem Angreifer im Obergeschoss der Halle zum Opfer. Die Ermittler stießen dort auf massive Blutspuren. Wenig später wurde auch seine Frau außerhalb des Gebäudes getötet. Trotz intensiver Ermittlungen, hunderter ausgewerteter Spuren und einer hohen Belohnung blieb der Doppelmord ungelöst. Der Fall war dem Privatermittler Reinhard Chedor und dem Journalisten Christian Döscher aus Köhlen bisher nicht bekannt. Ein Hinweis, den sie erhalten haben, wirft jetzt die Frage auf, ob der Serienmörder Kurt-Werner Wichmann mit der Tat in Verbindung stehen könnte.
Auf der Suche nach möglichen Zusammenhängen besuchte Christian Döscher jetzt gemeinsam mit dem früheren CN-Polizeireporter Rainer Heinsohn das Archiv der Cuxhavener Nachrichten und der Niederelbe-Zeitung. Heinsohn hatte damals als einer der ersten Journalisten vom Tatort berichtet und erinnert sich noch heute an die außergewöhnliche Brutalität des Verbrechens.

In den Archivbeständen sichtete Döscher im Auftrag der Ermittlungsinitiative Chedor historische Berichte, Ermittlungsaufrufe und Todesanzeigen. Besonders auffällig: Die Polizei suchte damals ausdrücklich nach Personen, die nach der Tat Verletzungen oder blutverschmierte Kleidung aufgewiesen hatten. Die Ermittler gingen davon aus, dass sich der Täter bei dem heftigen Kampf mit Gerhard K. möglicherweise selbst verletzt haben könnte. Auch die Beschreibung eines unbekannten Mannes, der auf Ingeborg K. eingeschlagen haben soll, gehört bis heute zu den wenigen konkreten Zeugenhinweisen.
Dass nun ausgerechnet der Serienmörder Kurt-Werner Wichmann in den Fokus rückt, hängt mit den umfangreichen Recherchen der privaten Ermittlungsgruppe um Reinhard Chedor zusammen. Der Friedhofsgärtner Wichmann steht im Verdacht, mindestens fünf Menschen getötet zu haben. So wurde im Herbst 2017 die Leiche von Birgit Meier unter Wichmanns Garage gefunden. Sie war 1989 verschwunden. Im selben Jahr wurden zwei Paare in der Göhrde, einem Waldgebiet bei Lüneburg, per Kopfschuss getötet. Wichmanns DNA befand sich auf dem Fahrersitz eines Autos der Göhrde-Opfer. Er hat sich 1993 in Untersuchungshaft das Leben genommen. Chedor, ehemaliger Leiter des Landeskriminalamtes in Hamburg, ist fest davon überzeugt, dass Wichmann für weitere Morde verantwortlich sein könnte. Seine systematischen Recherchen führen quer durch Deutschland, bei denen er mit seinem Team "Cold Cases" auf etwaige Verbindungen zu Wichmanns Bewegungsprofil überprüft.
Als Auslieferungsfahrer regelmäßig im Cuxland auf Tour
Trotz entsprechender Anhaltspunkte bestritt die Cuxhavener Polizei lange, dass Wichmann regelmäßig im Cuxland unterwegs gewesen sei. Inzwischen zeichnet sich ein anderes Bild ab. Recherchen ergaben, dass Wichmann bereits Anfang der 1970er-Jahre als Auslieferungsfahrer regelmäßig den Raum Cuxhaven anfuhr. Zudem soll er Ende der 1970er oder Anfang der 1980er-Jahre eine Beziehung zu einer wohlhabenden Geschäftsfrau aus Altenwalde unterhalten haben. Zeuginnen schildern zahlreiche Aufenthalte Wichmanns in Altenwalde und in der Region. Eine bemerkenswerte Parallele: Altenwalde war auch der Wohnort des ermordeten Ehepaars Gerhard und Ingeborg K.
Hinzu kommen fast 30 Berichte von Frauen aus dem Elbe-Weser-Dreieck, die sich bei Chedors Ermittlungsgruppe meldeten und von bedrohlichen Begegnungen mit einem Mann berichten, den sie später als Wichmann identifizierten oder nicht ausschließen konnten.
Bereits seit Jahren wird Kurt-Werner Wichmann mit den sogenannten Disco-Morden in Verbindung gebracht. Zwischen 1977 und 1986 verschwanden im Raum Cuxhaven und Bremerhaven mehrere junge Frauen spurlos. Unter den Vermissten befinden sich auch die Cuxhavenerinnen Angelika Kielmann und Anke Streckenbach. Bis heute fehlt von ihnen jede Spur.
Die Operative Fallanalyse des Landeskriminalamtes Niedersachsen hält es für möglich, dass Wichmann für deutlich mehr Gewalt- und Tötungsdelikte verantwortlich sein könnte als bislang bekannt. Die Beamten gingen bereits vor Jahren davon aus, dass Verdachtsfälle "im hohen zweistelligen Bereich" geprüft werden müssten.

Genau an dieser Stelle setzt die aktuelle Spurensuche von Döscher und Chedor an. Der Doppelmord im Fischereihafen passt auf den ersten Blick nur scheinbar nicht in das Muster der mutmaßlichen Sexual- und Anhalterinnenmorde, für die Wichmann verantwortlich sein könnte. Die Opfer waren ein verheiratetes Ehepaar mittleren Alters. Ein sexuelles Motiv ist nie bekannt geworden.
Dennoch gibt es Aspekte, die Fragen aufwerfen. Wichmann, zur Tatzeit 36 Jahre alt, bewegte sich nachweislich im norddeutschen Raum. Bekannt sind seine hohe Mobilität, sein Interesse an abgelegenen Tatorten sowie die Tatsache, dass er bei verschiedenen Delikten eine erhebliche Gewaltbereitschaft zeigte. Zudem sprechen mehrere Indizien dafür, dass er mit dem Cuxland gut vertraut war. Ob sich tatsächlich ein Zusammenhang zum Doppelmord von 1986 herstellen lässt, ist völlig offen. Chedor und Döscher sprechen derzeit ausdrücklich von einer Spurensuche und nicht von einer Beschuldigung.

Deshalb hoffen die beiden Rechercheure nun auf weitere Hinweisgeber. Insbesondere Menschen, die sich an ungewöhnliche Beobachtungen im Umfeld des Fischereihafens erinnern oder damals Kontakt zu Kurt-Werner Wichmann hatten, könnten für die Rekonstruktion seiner Aufenthalte von Bedeutung sein. Auch Angehörige des ermordeten Paares, die bereit sind, mit den Privatermittlern zusammenzuarbeiten, werden gebeten, sich zu melden (Hinweise an https://mordserie.de/hinweise/). Fast vier Jahrzehnte nach der Tat bleiben viele Fragen offen.
Bei den Guttemplern als Bürokraft angestellt
Ebenso die, welche Rolle die Guttempler im Leben des mutmaßlichen Serienmörders gespielt haben. Die Guttempler sind eine Organisation, die sich unter anderem für Enthaltsamkeit von Alkohol und bewusstseinsverändernden Drogen einsetzt. Und bei eben diesen Guttemplern war Wichmann Ende der 70er Jahre als Bürokraft angestellt. Gegenüber einer dortigen Zeitung gab er sich sogar als Geschäftsführer aus. "Hochinteressant ist in dem Zusammenhang, dass bei Ausgrabungen auf dem Grundstück von Wichmann in Lüneburg Dokumente einer Guttempler-Ortsgruppe aus dem Cuxland gefunden worden sind", berichtet Döscher. Aus Altenwalde gibt es ebenfalls Hinweise, die Wichmann mit den Guttemplern in Verbindung bringen.
Nach der ersten Sichtung der Artikel vermelden Döscher und Chedor einige "vielversprechende Ermittlungsansätze". Bei einigen sind sie im ersten Moment "wie elektrisiert" gewesen. Die Recherchen zeigen, dass die Geschichte des mutmaßlichen Serienmörders Kurt-Werner Wichmann möglicherweise noch nicht vollständig erzählt ist. Und dass selbst einer der dunkelsten Kriminalfälle Cuxhavens noch einmal neue Aufmerksamkeit erhält. Denn eines gilt unverändert: Mord verjährt nie.
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