Quadfliegs Tagebuch: Tochter enthüllt Krieg und Verdrängung
Ein Schauspieler, gefangen zwischen Bühne und Bomben, hinterlässt ein Tagebuch voller Widersprüche. Jahrzehnte später stellt seine Tochter unbequeme Fragen und bringt eine längst vergessene Geschichte ans Licht.
Von März 1945 bis September 1946 führte der Schauspieler Will Quadflieg Tagebuch. Er beschrieb, wie er das Ende des Zweiten Weltkriegs erlebte. Die Rote Armee rückte täglich näher an Berlin heran, Angst und Verzweiflung grassierten unter der Zivilbevölkerung. Quadflieg wollte seine Gedanken festhalten, vor allem für seine Frau Benita, die mit den gemeinsamen Kindern nach Schweden geflohen war. Trotz Krieg und Zusammenbruch stand er weiter auf Theaterbühnen und kämpfte um seine Karriere.
Tochter befragt den Vater
Jahrzehnte später fand seine Tochter Roswitha Quadflieg das Tagebuch und zahlreiche Briefe. Nach dem Tod der Mutter begann sie, die 104 Tage im Leben ihres Vaters zu rekonstruieren. Aus dieser Recherche entstand ein imaginärer Dialog zwischen Tochter und Vater. Roswitha Quadflieg ergänzte, was der Vater übersah und verschweigen wollte, und konfrontierte ihn posthum damit. Es geht um Flucht, Angst und Liebe, aber auch um Schuld, um falsche Sprache, um Lüge und Selbstlüge. Der Spiegel nannte das Buch den einzigen möglichen Weg zur Geschichte: verstehen zu wollen und dabei anzuerkennen, dass die Handelnden von gestern den Heutigen fremd bleiben.
Leslie Malton und Felix von Manteuffel bringen diesen Dialog am Sonnabend, 26. September, um 19.30 Uhr im Schloss Ritzebüttel als Lesung auf die Bühne, als erhellendes Zwiegespräch und als beeindruckende Beweisaufnahme. Es wird nicht angeklagt, aber es wird auch nichts beschönigt. Da spricht Will Quadflieg, ein Mann, der seine Karriere verfolgen und seine Familie ernähren will und für die deutsche Sprache eine Kathedrale baut. Die Tochter hält dagegen. Sie will verstehen, vor allem aber ergänzt sie den Kontext, den der Vater ausließ: den Kriegsverlauf, die Zwangsarbeiterlager der Nationalsozialisten, die Bombeneinschläge.
Im Vorfeld der Lesung hat unsere Redaktion Leslie Malton und Felix von Manteuffel interviewt. Hier die Fragen und Antworten:
Wie sind Sie beide auf Will Quadfliegs Tagebuch als Grundlage für dieses Programm gekommen?
2015 schrieb ich zusammen mit Roswitha Quadflieg das Buch "Brief an meine Schwester", in dem es um das RETT-Syndrom (zweithäufigste Behinderung für Mädchen) ging. Daraus entwickelte sich eine Freundschaft und als Roswitha das Buch "… Ich will lieber schweigen …" veröffentlicht hatte, fragte sie uns, ob wir interessiert seien, eine Lesung daraus zu machen.
Was hat Sie persönlich an dieser Geschichte, dem Dialog zwischen Tochter und verstorbenem Vater, besonders berührt?
Das Buch hat uns in zweierlei Hinsicht sehr berührt und bewegt. Auf der einen Seite der hochpolitische Aspekt daran und gleichzeitig die Herangehensweise von Roswitha Quadflieg, bei der sie den Vater nicht anklagt und verurteilt, sondern eher befragt und damit auch uns.
Was macht Quadfliegs Tagebuch aus den Jahren 1945/46 aus Ihrer Sicht so besonders im Vergleich zu anderen Zeitzeugnissen dieser Epoche?
Auffallend und auch erschreckend ist, wie sehr ein Mensch, während des endgültigen Zusammenbruchs des Dritten Reichs, so blind durch die Tage gehen konnte.
Der Text verzichtet bewusst auf Anklage und Beschönigung. Wie schwierig ist es, diese Balance beim Vortragen zu halten?
Die Schwierigkeit besteht darin, die Neutralität zu bewahren, sowohl in den Texten von Will Quadflieg als auch in den Texten von Roswitha Quadflieg. In der Tat war es während der Vorbereitung schwierig gewesen, nicht eben doch vorwurfsvoll zu werden oder sich über die Realitätsverweigerung Will Quadfliegs zu erheben.
Inwiefern hat Sie die Auseinandersetzung mit dieser Zeit auch persönlich verändert oder herausgefordert?
Über Menschen in einer Zeit zu urteilen, die man selbst nicht erlebt hat, sollte man unterlassen. Und sich darüber im Klaren sein, dass man als Nachgeborene einen anderen Blick auf die Dinge hat.
Was unterscheidet für Sie eine Lesung wie diese von einer klassischen Theateraufführung?
Das kann man nicht vergleichen. Es sind zwei grundverschiedene Erzählformen. In der Theateraufführung steigt man in die Rollen ein und erzählt situativ mit anderen eine Geschichte. Bei einer Lesung wie dieser bleibt man eher statisch, zügelt die Emotionen und es gibt weder ein Bühnenbild noch Requisiten.
Wie bereiten Sie sich auf einen Abend wie diesen vor? Gibt es ein festes Ritual?
Wenn es die Zeit erlaubt, machen wir die Lesung gemeinsam durch, ansonsten jeder für sich.
Welche Reaktionen des Publikums haben Sie bei früheren Aufführungen besonders überrascht oder bewegt?
Eine berechtigte Frage, denn es gab in der Tat unterschiedliche Reaktionen. Sehr nachdenkliche, sehr betroffene. Aber es gab auch Reaktionen dergestalt, dass manche Zuhörer es als unangemessen empfanden, wie an ihrem Idol Will Quadflieg in ihren Augen "gekratzt" wurde.
Sehen Sie Parallelen zwischen den Fragen, die Quadfliegs Tochter an ihren Vater stellt, und Fragen, die junge Menschen heute an ihre Großeltern stellen könnten?
Grundsätzlich ist es zu begrüßen, wenn junge Menschen Fragen an ihre Großeltern und auch an ihre Eltern stellen, und es steht zu hoffen, dass sie auch aufrichtige Antworten erhalten. Speziell was die Zeit des Dritten Reichs betrifft.
Was möchten Sie dem Cuxhavener Publikum mit auf den Weg geben?
Wir sagen gleich zu Beginn der Lesung: Es ist wieder an der Zeit, Fragen zu stellen, besonders an uns selbst. Es ist unsere Geschichte, damit muss man sich immer auseinandersetzen.
Karten jetzt schon sichern
Die Lesung "Ich will lieber schweigen …" mit Leslie Malton und Felix von Manteuffel beginnt am Sonnabend, 26. September, um 19.30 Uhr im Schloss Ritzebüttel. Karten und weitere Informationen gibt es bei der Kulturinformation, Schlossgarten 2, Telefon (0 47 21) 6 22 13, E‑Mail kulturinformation@cuxhaven.de.
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