Rechte Gewalt in Niedersachsen: Ausstellung im Cuxhavener Rathaus erinnert an Opfer
Im Cuxhavener Rathaus zeigt eine Ausstellung die erschütternde Realität rechter Gewalt und stellt die Frage, wie Erinnerung zu Verantwortung wird. Hinter jedem Namen verbirgt sich ein Schicksal, das nicht in Vergessenheit geraten darf.
Mindestens zehn Menschen wurden seit 1990 in Niedersachsen aus rechten Motiven getötet. Die Ausstellung "Gegen das Vergessen! Für Anerkennung und Veränderung!" , im Cuxhavener Rathaus, erzählt ihre Geschichten - und stellt die Frage, wie Erinnerung zu Verantwortung werden kann.
Ihre Namen sind Bakary Singateh, Helmut Leja, Gerhard Fischhöder, Christian Sonnemann, Gustav Schneeclaus, Peter Deutschmann, Alexander Selchow und Matthias Knabe. Menschen mit unterschiedlichen Lebensgeschichten.
Neben neun ausführlich dokumentierten Fällen macht die Ausstellung auch auf die Diskrepanz aufmerksam, dass nur ein Teil der Fälle bislang staatlich als rechte Gewalttat anerkannt ist, wie auch die traurige Gewissheit, dass von weit mehr Fällen auszugehen ist.
Demokratie als Voraussetzung für die Freiheit
Eröffnet wurde die Ausstellung von Britta Schumann, Beauftragte für Jugendsachen bei der Polizeiinspektion Cuxhaven wie auch Demokratiepatin. Sie hatte die Ausstellung nach Cuxhaven geholt. Polizeiarbeit bedeute nicht allein, Straftaten abzuwehren oder zu verfolgen, betonte Schumann. Sie bedeute auch, die Demokratie zu schützen. Schumann machte zudem auf die Besonderheit des Datums aufmerksam. Die Eröffnung fiel auf Jom Kippur, den höchsten jüdischen Feiertag. Der Versöhnungstag steht im Zeichen von Besinnung, Vergebung und Umkehr. Vor dem Hintergrund der Ausstellung erhielt das Datum damit eine besondere Bedeutung.
Für Polizeidirektor Robert Raaz, der im Anschluss sprach, war es einer seiner ersten öffentlichen Auftritte als neuer Leiter der Polizeiinspektion Cuxhaven. Der 51-Jährige hat die Leitung am 16. September übernommen und ist seit mehr als 30 Jahren Polizeibeamter. Demokratie, machte Raaz deutlich, gebe es nicht geschenkt. Sie sei Voraussetzung für Freiheit. Dabei richtete er den Blick nicht nur weit zurück in die deutsche Geschichte. Auch die Polizei müsse sich mit ihrer jüngeren Vergangenheit und der eigenen Verantwortung auseinandersetzen.
Oberbürgermeister Uwe Santjer bezeichnete das Rathaus als den perfekten Ort für die Ausstellung - den Ort, "an dem Demokratie stattfindet". Demokratie verglich er mit einer Freundschaft. Auch sie müsse gepflegt werden und benötige ein immer wiederkehrendes Bekenntnis.
"Rechte Gewalt ist nicht erst spürbar, wenn sie vollzogen ist. Sie beginnt damit, dass Menschen Angst haben", sagte Santjer. Rechter Gewalt werde man die Stirn bieten.
Die doppelte deutsche Verantwortung
Wie eng Erinnerung, Gegenwart und Antisemitismus miteinander verbunden sein können, stellte anschließend Prof. Dr. Gerhard Wegner, Niedersachsens Landesbeauftragter gegen Antisemitismus und für den Schutz jüdischen Lebens, in den Mittelpunkt seines Vortrags.
Mit der doppelten deutschen Verantwortung bezeichnet er zwei historische Linien. Die erste sei die nationalsozialistische Verfolgung und Ermordung der europäischen Jüdinnen und Juden. Die zweite sieht Wegner in der Israelpolitik der DDR und deren Verhältnis zum Zionismus. Wegner verband diese historische Betrachtung mit aktuellen Formen des Antisemitismus. Verschwörungserzählungen seien ein wichtiges Bindeglied, argumentierte er. Auch wenn jüdische Menschen darin nicht immer ausdrücklich genannt würden, könnten alte antisemitische Vorstellungen von geheimen Mächten, globaler Kontrolle oder einer angeblich gesteuerten Veränderung der Bevölkerung weitergetragen werden.
Am Ende seines Vortrags richtete Wegner den Blick auf eine grundlegendere Frage: Warum entwickeln Menschen antisemitische oder rassistische Ressentiments? Eine Ursache sieht er in Neid, Groll und dem Gefühl, andere seien besser gestellt als man selbst. Prävention müsse deshalb früh beginnen - in der Erziehung, in Kindergärten und Schulen, aber auch bei Erwachsenen. Erinnerung allein reiche nicht.
Die Geschichten der Getöteten sollen nicht nur dokumentieren, was geschehen ist. Sie stellen auch die Frage, wie eine Gesellschaft reagiert, wenn Menschen ausgegrenzt, bedroht und schließlich angegriffen werden.
Die Ausstellung "Gegen das Vergessen! Für Anerkennung und Veränderung!" ist noch bis zum 9. Oktober in der Bürgerhalle des Cuxhavener Rathauses zu sehen.
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