Rekord-Baustelle steckt hinter dem Auflauf der Kampfmittelräumfirmen in Nordholz
In Nordholz (Kreis Cuxhaven) befindet sich die wohl größte Baustelle Norddeutschlands: Gerade entsteht ein Bodenlager mit Siebanlage für Kampfmittel, umgeben von Bürogebäuden und Straßen. Der Ausbau der Bundeswehr-Infrastruktur erreicht Rekordtempo.
In Wanhöden parkt alle paar Meter ein Auto mit der Aufschrift "Kampfmittelbergung". An den Straßenecken stehen Schilder mit den Namen mindestens drei verschiedener Kampfmittelräumfirmen. Rund um den Marinefliegerstützpunkt sind Rettungswege ausgewiesen. Dann noch der Wegweiser zu einem bislang unbekannten Bodenlager: Wer sich nun fragt, was das alles zu bedeuten hat, stößt darauf, dass sich in Nordholz die aktuell wohl größte Baustelle Norddeutschlands befindet, in der sich - gut verborgen - eine Siebanlage für Kampfstoffe verbirgt.
Was zurzeit auf dem zivilen Gelände zwischen der Sportfluggruppe Nordholz/Cuxhaven und dem Aeronauticum (Deutsches Luftschiff- und Marinefliegermuseum) entsteht, ist auch für das Staatliche Baumanagement Elbe-Weser in Cuxhaven herausragend. Auf einer rund 30 Hektar großen bundeseigenen Ackerfläche wird ein Bodenlager angelegt, flankiert durch Bürogebäude, Straßen und eine Separieranlage.

Das alles geschieht inklusive Genehmigung in einem Tempo, das für die Bundesrepublik einen neuen Rekord darstellen dürfte. Die Zeitenwende wird konkret; der Bund kleckert nicht beim Ausbau der Bundeswehr-Infrastruktur. In Nordholz, dem Zentrum der deutschen Marineflieger, müssen im Eiltempo neue Hallen errichtet werden.
Erneuerung des Rollwegs schon in Gang
Im südlichen Teil des Marinefliegerstützpunktes sind diverse Umbau-, Rückbau- und Neubaumaßnahmen unter anderem zur Unterbringung der modernen Marinehubschrauber vom Typ NH90 Sea Lion und Sea Tiger geplant. Bereits angelaufen ist die Erneuerung des Rollweges "Golf" im Flugbetriebsbereich. Der bisherige Rollweg wird vollständig abgebrochen und ersetzt.


Dabei rückt plötzlich die über 110-jährige Geschichte des Flugplatzes in den Vordergrund, schließlich wurde er vielfältig militärisch genutzt und in Kriegszeiten mehrfach heftig bombardiert. "Deshalb sind bei Bodeneingriffen Maßnahmen zur Kampfmittelräumung notwendig", erklärt Projektleiter Frank Osterhues vom Staatlichen Baumanagement Elbe-Weser in Cuxhaven.
In einem Containerbau am Rande der Baustelle hat er Pläne und Luftbilder ausgebreitet, um zusammen mit Stefan Müller, dem Leiter des Staatlichen Baumanagements, Martina Lortz (Baugruppenleiterin Hochbaumaßnahmen), Thorsten Grantz (Fachbereichsleiter Ingenieurbau) und Planer Rainer Tjardes (Ingenieurbüro IST, Schortens) Zusammenhänge und Dimensionen zu zeigen, bevor es ins Gelände geht.

Ein hoher Wall umgibt dieses. Die Dumper (Transportfahrzeuge) am Rande eines gerade entstehenden Regenwasserrückhaltebeckens wirken wie Spielzeugautos. Während hier an der Erschließung gearbeitet wird, ist ein Drittel der Fläche ("Bodenlager Ost") bereits seit 2025 in Betrieb.
Verborgen hinter aufgestapelten Seecontainern
Ihr Herzstück ist die in einem Kreis aus aufgestapelten Seecontainern verborgene Separieranlage; sie sollen im Fall einer Explosion (im Fachjargon "Umsetzen") die Druckwelle ableiten. Für die Begehung wird die Anlage abgestellt; ist sie in Betrieb, dürfen immer nur zwei Spezialkräfte anwesend sein, geschützt durch die Panzerung ihrer Fahrzeuge, mit denen sie die Sortieranlage befüllen.

Von außen wird der Sortierungsprozess und alles, was im inneren Kreis passiert, über Kameras verfolgt. Mittels Not-Aus-Schaltern kann die Anlage jederzeit stillgelegt werden. Vorrangig geht es darum, weniger gefährliche Kampfmittel zu finden und unschädlich zu machen. In den vergangenen Monaten waren das zum Beispiel über 20 Kilo Gewehrmunition und rund 60 Kilo Bombensplitter, also die Überreste explodierter Bomben.
Die Funde werden bis zur Abholung durch den Kampfmittelbeseitigungsdienst Niedersachsen (KBD NI) zwischengelagert. Außer der Reihe rücken die Kampfmittelbeseitiger an, wenn sogenannte sprengkräftige Kampfmittel gefunden werden.
Sie entscheiden über Abtransport oder Sprengung vor Ort, denn auch über 80 Jahre nach Kriegsende können die Blindgänger noch brandgefährlich sein. Am 5. März wurde mitten im gerade entstehenden Bodenlager eine scharfe Weltkriegsbombe gesprengt.
Luftbilder aus dem Krieg geben Hinweise
Verdachtsflächen werden unter anderem mittels Kriegsluftbildauswertung identifiziert. Besteht der Verdacht auf Munitionsaltlasten (Bombenblindgänger, sprengkräftige Kampfmittel aus Bodenkämpfen oder vergrabene Kampfmittel), werden die Flächen gezielt angesteuert. Fachkräfte übernehmen die erste Sichtung direkt vor Ort, erst dann wird der Aushub verladen und zur Sortierstelle gebracht.
Nach dem Sieben bleiben drei Fraktionen übrig: Grobfraktion (Brocken, die später in einer Brechanlage zerkleinert werden), Mittelfraktion (Kieselgröße) und Feinfraktion (Sandqualität). Allein 19 Hektar der Gesamtanlage werden später nur der Bodenlagerung dienen; aufgeteilt in einen "schwarzen" Bereich (vor dem Sieben) und einen "weißen" Bereich für Sand, Erde und Kies, die auf die Wiederverwertung irgendwo auf dem Flugplatz warten.


Die Kreislaufwirtschaft soll sich lohnen - finanziell und ökologisch, denn Sand ist weltweit zu einem kostbaren Gut geworden. Auch die 2023 in Kraft getretene Ersatzbaustoffverordnung verlangt die Schonung von Ressourcen. "Rund 800.000 Kubikmeter Material können so erhalten werden", schätzt Frank Osterhues. Die in Nordholz lagernden eiszeitlichen Sande sind als Baustoff geschätzt, wie die großen Sandkuhlen überall in der Umgebung beweisen.
Lebensdauer mindestens zehn Jahre
Mindestens zehn Jahre, wahrscheinlich länger, soll das Bodenlager aktiv sein. Das Provisorium soll noch durch feste Gebäude ersetzt, Wege asphaltiert werden. Ein Regenrückhaltebecken wird gebaut, Zäune errichtet, Leitungen gelegt. Nach dem Abschluss der Erschließung wird auch die Sortieranlage noch einmal umziehen.

Den Auftrag für Bau und Betrieb der Anlage hat sich in verschiedenen Ausschreibungen eine Arbeitsgemeinschaft der Firmen Bunte (Papenburg) und Freimuth (Bülkau) gesichert. Berührt sind ausschließlich Flächen innerhalb des militärischen Bereichs. Auftraggeber ist der Bund. Das Staatliche Baumanagement Niedersachsen übernimmt für diesen die geplanten Bautätigkeiten und setzt diese um.
Eine besondere Herausforderung stellt die aktive militärische Nutzung des Stützpunkts während der Bauarbeiten dar. Sie macht ein besonders hohes Maß an Abstimmung unter allen Beteiligten erforderlich. So vielfältig wie dieser war für Frank Osterhues noch kein Auftrag; auch wegen des geschichtsträchtigen Bodens. Was das bedeutet, werden wir in einem weiteren Artikel erklären.
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