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Übergabe mit Freude: Karin Lüdcke (Ringelnatz-Gesellschaft) überreicht das ersteigerte Aquarell an Museumsleiterin Erika Fischer und Florian Rogge. Foto: Potschka
Übergabe mit Freude: Karin Lüdcke (Ringelnatz-Gesellschaft) überreicht das ersteigerte Aquarell an Museumsleiterin Erika Fischer und Florian Rogge. Foto: Potschka
Joachim-Ringelnatz-Museum

Ringelnatz-Aquarell findet dank Sammlertipp heim nach Cuxhaven

von Jens Potschka | 21.10.2026

Ein verlorenes Aquarell von Ringelnatz taucht unerwartet auf einer Auktion auf. Für das Cuxhavener Museum beginnt ein spannendes Wettrennen um das Kunstwerk, das seine Heimat wiederfinden soll.

"Sie haben es, Sie haben es!" Die Stimme am anderen Ende der Leitung überschlägt sich fast vor Freude. Erika Fischer sitzt in ihrem Büro im Joachim-Ringelnatz-Museum an der Südersteinstraße, den Hörer am Ohr, und ist gerührt. Die Mitarbeiterin des Hamburger Auktionshauses Kendzia jubelt so laut mit, dass der Museumsleiterin beinahe die Tränen kommen. "Die freuen sich, wenn ein Bild ins Museum geht und öffentlich zu sehen ist", sagt Fischer. Soeben hat sie ein Aquarell von Joachim Ringelnatz ersteigert, eine Landschaft in leuchtendem Blau.

Ab sofort hängt es in der großen Aquarell-Sonderausstellung, als Geschenk der Ringelnatz-Gesellschaft. Dass das Museum überhaupt davon erfuhr, verdankt es einem Tipp. Das Haus Kendzia gehört nicht zu den großen Adressen, die sich von selbst in Cuxhaven melden. Den Hinweis gab Hagen Zielke, Hamburger mit Cuxhavener Wurzeln und eifriger Sammler von Cuxhaven-Blättern. "Dafür sind wir außerordentlich dankbar", sagt Karin Lüdke, Vorsitzende der Ringelnatz-Gesellschaft. "Ich glaube, das hätten wir sonst nicht bemerkt."

Jedes Ja ist bindend

Wer mitsteigern will, muss sich vorher anmelden, telefonisch oder online. Auf seiner Internetseite stellt das Auktionshaus jedes Werk unter einer Losnummer vor, meist mit fünf oder sechs Fotos: frontal, im Ausschnitt, die Signatur groß. Eine Beschreibung nennt den Zustand und jede Beschädigung. Wer mag, gibt vorab ein schriftliches Höchstgebot ab.

Erika Fischer macht das nie. "Dann habe ich mich ja schon festgelegt. Ich möchte den Verlauf der Versteigerung miterleben." Also lässt sie sich anrufen. Kurz bevor das Los aufgerufen wird, klingelt im Museum das Telefon. Die Dame vom Auktionshaus prüft, ob Fischer bereit sitzt. Dann beginnt das Spiel, Schritt für Schritt. Wie groß die Schritte sind, richtet sich nach dem Wert des Werkes. "Gebot aus dem Saal. Gehen Sie mit?" "Ja." Mit jedem Ja verpflichtet sich die Bieterin zum Kauf. "Da kann ich hinterher nicht sagen: 'Oh, das habe ich nicht so gemeint‘", erklärt Fischer.

Und noch etwas lauert am Hörer: die Verlockung. "Man gerät leicht ins Zocken", gesteht die Museumsleiterin. "Ich will das Bild ja unbedingt fürs Museum haben." Deshalb hatte die Ringelnatz-Gesellschaft vorab ein Limit festgelegt. Zudem rechnet Fischer stets das Aufgeld mit, das Auktionshäuser auf den Zuschlag erheben. Kendzia verlangt ein moderates Aufgeld, andere Häuser schlagen mehr als 30 Prozent auf, dazu kommen Gebühren. Für eine frühere Auktion schrieb ihr Museumsmitarbeiter Florian Rogge sogar eine Liste, was jeder einzelne Schritt am Ende kosten würde. Ein Telefonat kann teuer werden.

Die Herkunft ist geprüft

Bei jedem Ankauf stellt sich die Frage: Woher stammt das Bild? Gerade bei Ringelnatz, den die Nationalsozialisten verfemten, prüft das Museum genau, ob ein Werk einst unrechtmäßig den Besitzer wechselte. "Natürlich, unbedingt", sagt Fischer. In diesem Fall war die Antwort schnell gefunden. Das Aquarell steht im Werkverzeichnis und ist im Katalog "Ein Dichter malt seine Welt" abgebildet.

Die gleichnamige Ausstellung 2000/2001 gilt als "Urknall" des Museums, wie Rogge es nennt. Damals nahm das Ehepaar Möbus die Leihgaben entgegen und prüfte sie. Auch dieses Blatt hing schon einmal in Cuxhaven, ausgeliehen von einer Hamburger Familie. Im Kunsthandel taucht es laut Rogge nur ein einziges Mal auf: Ende der 1950er-Jahre, als die Familie es erwarb. Mehr als 60 Jahre blieb es in ihrem Besitz. Nach dem Tod der Besitzerin gaben es die Erben in die Auktion, die am 12. September stattfand. Namen nennen weder Auktionshaus noch Museum, aus Datenschutzgründen. Im Archiv liegt aber noch der Briefwechsel aus der Zeit der großen Ausstellung, und Rogge fügt weiter Mosaikstein an Mosaikstein.

Spiel mit dem Zufall

Blaue Farbspuren, aus denen Häuser wachsen: Ringelnatz schuf das Aquarell "Blaue Landschaft" vermutlich Anfang der 1920er-Jahre. Die originale Berliner Leiste blieb erhalten. Foto: Potschka

Datiert hat Ringelnatz das Blatt nicht. Das Museum vermutet, dass es Anfang der 1920er-Jahre entstand. In einem Spiel aus Blautönen schälen sich Häuser heraus, vielleicht an einem Seeufer. "Und da ist etwas ganz Massives, vielleicht eine Klosteranlage", sagt Lüdke und deutet auf turmähnliche Formen. Es entstanden zufällige Farbadern, aus denen er mit Pinsel und Stift Häuser und Ufer herausarbeitete. Ob es ein Silberstift war oder ein Bleistift, darüber rätselten Fischer und Lüdke eine Weile. Fischer hat es zu Hause mit verschiedenen Bleistiften ausprobiert. "Aber nicht auf dem Bild", wirft Rogge schmunzelnd ein. Für ihn steckt in dem Blatt der ganze Aquarellmaler Ringelnatz.

Der Dichter sah schon als Schüler in den Maserungen und Tintenflecken seines Pults Gesichter und Tiere, später in Steinen am Meer Napoleon oder ein ganzes Dorf. "Manchmal reicht ein kleiner Pinselstrich und plötzlich hat man eine Landschaft", fasst Rogge zusammen. Seine Ölbilder komponierte Ringelnatz lange und sorgfältig, die Aquarelle entstanden oft in Minuten. Manche verschenkte er spontan, etwa als Preis nach einer Schachpartie. In den 1920er-Jahren tourte er als Kabarettist durchs Land. Ernste Gedichte konnte er auf der Bühne kaum vortragen, das Publikum wollte lachen. "In der Malerei hat er eine andere Ausdrucksform gefunden", sagt Fischer. Nun hängt die "Blaue Landschaft" gleich neben dem Aquarell "Dorf vor Felswand".

Bloß keine neue Leiste

Die Heimkehr des Aquarells: Das verlorene Werk von Joachim Ringelnatz findet endlich seinen Platz im Cuxhavener Museum. Foto: Potschka

Wie das Blatt in Cuxhaven ankam, war allerdings ein Schreck. Ohne Passepartout steckte es zwischen einer Spiegelglasscheibe und normalem Glas, gepresst wie eine getrocknete Blume, dazu schief beschnitten. Fischer trug es zu Michael Twieg von der Galerie am Strichweg und wollte einen neuen Rahmen. Der Fachmann war entsetzt: "Frau Fischer, das geht überhaupt nicht. Das ist eine Berliner Leiste." Solche Rahmen waren um die Jahrhundertwende verbreitet, vermutlich stammt dieser aus der Entstehungszeit des Bildes. Twieg säuberte die Leiste, besserte kleine Stellen aus, setzte Museumsglas ein und wählte mit Fischer ein passendes Passepartout in einem warmen Beigeton, der das Blau zum Leuchten bringt. Bild, Rahmen und Passepartout hat die Ringelnatz-Gesellschaft bezahlt. Als Förderverein schenkt sie ihre Anschaffungen stets der Ringelnatz-Stiftung, die das Museum trägt.

Die Ölgemälde des Hauses sind derweil auf Reisen, am Sonntag eröffnet ihre Ausstellung im Hamburger Ernst-Barlach-Haus. Fischer und Lüdke beobachten, dass derzeit vermehrt Ringelnatz-Werke auf den Markt kommen. "Das ist eine Generationenfrage", sagt Lüdke. Alte Menschen sterben, die ein Bild ihr Leben lang an der Wand hatten, und die Erben machen es zu Geld. Ihr Wunsch an solche Erben ist schlicht: erst im Museum anrufen. "Wir haben hier etwas von unserer Großmutter, da steht Ringelnatz drunter. Wollen Sie sich das mal ansehen?" So beginne manches Gespräch, das ein Bild am Ende an einen guten Platz bringt. Das nächste Werk haben die beiden übrigens schon im Blick: ein Ölgemälde.

Karin Lüdke und Erika Fischer präsentieren stolz ein neu erworbenes Aquarell von Joachim Ringelnatz, das nun Teil einer Sonderausstellung im Joachim-Ringelnatz-Museum ist. Ein emotionaler Moment der Wiedervereinigung für das Cuxhavener Museum. Foto: Potschka

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Jens Potschka

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