MVZ Rohdestraße: Zukunft der ärztlichen Versorgung ist in Cuxhaven Stadtgespräch
Das drohende Aus des MVZ Rohdestraße hat erwartbare Reaktionen ausgelöst. Schon vorher gehörte die ärztliche Versorgung zu den größten Herausforderungen der Stadt Cuxhaven. Was konkret passieren soll, ist weiter unklar. Angst und Empörung gehen um.
"Ich kann das alles nicht mehr." Dieser Satz, zu lesen bei Facebook, steht beispielhaft für die Reaktionen, die die Nachricht von der bevorstehenden Schließung des Medizinischen Versorgungszentrums Rohdestraße am Standort Cuxhaven ausgelöst hat. Nach Hinweisen aus der CN/NEZ-Leserschaft hatten Landrat Thorsten Krüger, Aufsichtsratsvorsitzender der Krankenhaus Land Hadeln Otterndorf gGmbH, und Geschäftsführerin Jennifer Schroth den beabsichtigten Schritt bestätigt.
Als Grund wurde auf den defizitären Betrieb hingewiesen. Das MVZ solle voraussichtlich im April 2027 nach Otterndorf und Nordholz verlagert werden. Das alles hatten wir Ende vergangener Woche veröffentlicht. Seither ist die Sache Stadtgespräch. Während die einen um Worte ringen und still versuchen, herauszufinden, was das bedeutet, wissen andere nicht, an wen sie ihre Wut adressieren sollen. Es fehlt an Hintergrundinformationen.

Kassenärztliche Vereinigung muss Verlagerung genehmigen
Zur Frage der Zulassung durch die Kassenärztliche Vereinigung (KV) Stade äußerte sich Geschäftsführer Sören Rievers auf Anfrage unseres Medienhauses so: "Grundlegend besteht die Möglichkeit, Arztsitze innerhalb eines Planungsbereiches zu verlegen. Hierbei muss allerdings zwischen der haus- und fachärztlichen Versorgung unterschieden werden, da die Planungsbereiche andere Zuschnitte haben. Zudem müsste eine Verlegung beantragt und von Seiten des Zulassungsausschusses zugestimmt werden." Dieser Schritt soll unseren Informationen nach noch ausstehen.
Die öffentliche Diskussion in der Bevölkerung konzentriert sich auf mehrere Schwerpunkte: persönliche Erfahrungen mit dem Standort, Spekulationen über den Verbleib der Ärzte und Verbitterung und Schuldzuweisungen, gerichtet an lokale Akteure gleichermaßen wie an die Gesundheitspolitik sowie an die Krankenkassen ("Erst verzocken sich die Kassen auf dem Kapitalmarkt und dann muss an allen Ecken und Enden gespart werden").
"Unmenschlich und unüberlegt"
So heißt es: "Eigentlich wollte ich ja in meinem Alter nicht mehr Auto fahren. Aber jetzt muss ich. Sonst komme ich ja gar nicht mehr zum Arzt." - "Es muss ja um eine Riesenersparnis gehen, wenn man die Patienten in Cuxhaven einfach im Stich lässt." - "Gerade an einem Ort, wo schon viel zu wenig Ärzte sind, werden diese nun weggenommen." - "Unmenschlich und unüberlegt".

Die Kritik richtet sich vielfach - obwohl das MVZ zur Krankenhaus Land Hadeln Otterndorf gGmbH gehört - an die Stadt-Spitze, die durch die Nachricht ebenso überfahren worden ist wie alle anderen Betroffenen. Die ärztliche Versorgung gehöre neben dem Wohnungsmarkt zu den größten Herausforderungen der Stadt, so Oberbürgermeister Uwe Santjer. Der vorgesehene Rückzug sei aus Sicht der Stadt Cuxhaven "nicht tragbar". Nicht nur, weil zahlreiche Neubürger keine Hausärztinnen oder Hausärzte mehr fänden, sondern weil auch Stammpatienten auf die im MVZ praktizierenden Ärzte angewiesen seien. "Das können wir deshalb nicht so laufen lassen." Am Standort könne das wirtschaftliche Defizit sicher nicht liegen, denn die Sprechstunden seien voll.
Bleiben Patienten auf der Strecke?
"Um welche Kosten geht es da überhaupt? An Mangel an Patienten kann es ja wohl nicht liegen", heißt es auch in Beiträgen auf Facebook. Jahrzehntelang aufgebaute Beziehungen würden durch eine Verlagerung aufs Spiel gesetzt. Zudem entstehe der Eindruck einer Drei-Klassen-Medizin, bei der Patienten der "dritten Klasse" - chronisch krank, alt und wenig mobil - fallen gelassen würden.
Offiziell ist noch nichts über den Verbleib der Ärzte, insbesondere der Hausärzte, bekannt, jedoch kursiert die Nachricht, dass Gastroenterologe Dr. Aydin die hausärztliche Versorgung aufgeben soll. SPD-Lokalpolitikerin Britta Quaiser macht ihre persönliche Betroffenheit bei Facebook öffentlich und zeigt sich "zutiefst schockiert": "Ein Wegfall von Dr. Aydin als Hausarzt wäre eine Katastrophe, er ist hochkompetent, einfühlsam, für seine Patientinnen und Patienten immer da", schreibt sie. "Wir dürfen nicht tatenlos zusehen, wie diese wichtige Versorgungsstruktur wegzubrechen droht."

Vorgeschichte in Betrachtung mit einbeziehen
Ratskollege Gunnar Wegener, gleichzeitig Kreistagsmitglied und Mitglied des Krankenhaus-Aufsichtsrats, stellte sich der aufgeheizten Diskussion und gab zu bedenken, dass der Erhalt des Otterndorfer Krankenhauses inklusive des MVZ überhaupt nur dem Übergang an einen kommunalen Träger (Landkreis Cuxhaven und Samtgemeinde Land Hadeln) zu verdanken ist. Der Kreis habe nach der Übernahme des zuvor privat geführten Krankenhauses aus der Insolvenz einen mehrstelligen Millionenbetrag als Verlustabdeckung getragen. Wegener steht selbst vor dem Dilemma, dass der Wunsch nach wirtschaftlicher Stabilität schwer mit den Nöten der Patientinnen und Patienten zu verbinden ist. Auch er wäre selbst betroffen.
Dabei sei die Entwicklung noch nicht am Ende: "Die öffentliche Hand muss die Rettung eines völlig aus dem Ruder gelaufenen Gesundheitswesens übernehmen. Das können wir nicht." Die gesellschaftliche Diskussion hierüber müsse dringend geführt werden. Dies ist auch nach Ansicht Uwe Santjers unumgänglich: "Es braucht mehr Zeit, um die Geschehnisse von allen Seiten zu beleuchten - auch, was die Zukunft des MVZ Rohdestraße angeht", sagt er.
Diese Offenheit wird zurzeit in der Stadt völlig vermisst, zumal das Geschehen bislang als unabwendbar dargestellt wird. Der CDU-Stadt- und Kreispolitiker Sven Behncke quittierte das in einem knappen Kommentar so: "Dem Landrat ist die Stadt Cuxhaven offensichtlich egal." Über allem schwebt die Sorge, dass - sollten die Proteste zu groß ausfallen - das MVZ am Ende ganz geschlossen wird.
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