Gedenken ist immer auch Wachsamkeit – für Würde, Frieden und Menschlichkeit. Der Gedenkort „Am Kugelfang“ in Sahlenburg ist von erschütternder Aktualität. Foto: Tonn
Gedenken ist immer auch Wachsamkeit – für Würde, Frieden und Menschlichkeit. Der Gedenkort „Am Kugelfang“ in Sahlenburg ist von erschütternder Aktualität. Foto: Tonn
Helgoland und Munitionshauptdepot

Gedenkveranstaltung in Cuxhaven-Sahlenburg: Erinnerung an Opfer von Krieg und Gewalt

22.04.2026

In Cuxhaven-Sahlenburg versammelten sich Bürger, um der Opfer von Krieg und Gewalt zu gedenken. Der bewegende Akt des Erinnerns macht deutlich, dass wir alle Verantwortung tragen, das Vermächtnis zu bewahren.

Am Dienstag (21. April 2026) versammelten sich Menschen aus allen Ortsteilen der Stadt Cuxhaven zu einer Gedenkveranstaltung am ehemaligen Schießplatz "Am Kugelfang" in Sahlenburg. Eingeladen hatte Manfred Mittelstaedt, 1. Vorsitzender "Verein für Gedenkkultur - Narben bleiben, die Erinnerung lebt weiter", der mit den Worten eröffnete: "Lassen Sie uns einen Moment still werden."

Auf einem Altar wurde ein großes Licht entzündet. In stiller Andacht gedachten die Anwesenden der Opfer von Krieg und Gewalt. Unter ihnen waren Sahlenburgs Ortsbürgermeisterin Claudia Bönnen, Mircea Ionesco von der Menorah-Gemeinde Bremen/Bremerhaven sowie Julia Kuhnt, Leiterin des Archivs des Landkreises Cuxhaven. Eine tiefe Ergriffenheit lag über der Versammlung.

Im Mittelpunkt standen zwei Gruppen von Opfern: die sieben auf Helgoland stationierten Matrosen sowie 43 Frauen unter insgesamt 500 Jüdinnen, die zur Zwangsarbeit im Munitionshauptdepot Lübberstedt gezwungen worden waren. Die Frauen waren im Konzentrationslager Auschwitz von der SS selektiert worden. Nach der Auflösung des Lagers wurden sie in Viehwaggons durch Norddeutschland transportiert. Auf dieser Irrfahrt kamen 43 von ihnen bei Bombenangriffen ums Leben - ohne dass die Angreifer wussten, dass sich Menschen in den Waggons befanden.

Auch das Schicksal der sieben Matrosen bewegt bis heute: Am 18. April 1945 hatten sie versucht, Helgoland kampflos an die heranrückenden britischen Truppen zu übergeben, um weiteres Blutvergießen zu verhindern. Ihr Vorhaben wurde verraten. Am 21. April verurteilte ein Standgericht unter Vorsitz von Admiral Johannesson sie zum Tode; das Urteil wurde unmittelbar durch Erschießung vollstreckt. Eine Mitangeklagte, Julia Braun, wurde zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt.

16 weiße Rosen niedergelegt

Zur Erinnerung legte Mittelstaedt 16 weiße Rosen nieder, 13 für die Opfer von Helgoland, drei stellvertretend für die 500 Jüdinnen. In seiner Andacht fand er eindringliche Worte für das Geschehen und zitierte aus dem Widerstandslied von Hannes Wader, Reinhard Mey und Konstantin Wecker: "Es ist an der Zeit … für den Frieden zu kämpfen und wachsam zu sein." Ebenso erinnerte er an die Inschrift auf dem Gedenkstein auf dem KZ-Außenlager Kaufering: "Geschändete und Geopferte mahnen Euch - Menschen lasst nicht ab vom Streben nach Freiheit, Frieden und Recht."

Claudia Bönnen betonte in ihrem Beitrag, die Männer seien keine klassischen Helden gewesen, sondern Menschen mit Familien, Hoffnungen und Zukunftsplänen. Und doch hätten sie in einem entscheidenden Moment Haltung gezeigt. "Gerade das macht ihr Handeln so nahbar - und so verpflichtend für die Gegenwart."

"Wir stehen heute an einem Ort, der schweigt - und doch spricht", sagte Mircea Ionesco und unterstrich die Bedeutung des Erinnerns: "Nie darf Schweigen stärker sein als das Gewissen." Der Gedenkstein sei nicht nur ein Ort der Erinnerung, sondern auch ein Auftrag für die Gegenwart. Mit dem "Kaddisch", einem Gebet für Frieden und Hoffnung, setzte er einen bewegenden Schlusspunkt.

Julia Kuhnt hob hervor, wie wichtig es ist, Geschichte und Erinnerungskultur lebendig zu halten, und dankte Manfred Mittelstedt für seinen unermüdlichen Einsatz. An diesem Tag wurde deutlich: Gedenken ist eine gemeinsame Verantwortung. Es bedeutet, das Leben zu schützen, die Menschenwürde zu verteidigen und jeder Form von Hass und Ausgrenzung entschlossen entgegenzutreten. Der Ort "Am Kugelfang" bleibt ein stiller, aber eindringlicher Mahner - damals wie heute.

Von Joachim Tonn

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