Verbindungen ins Cuxland: Trauer um Rita Süssmuth, Trägerin des Alte-Liebe-Preises
Die am Sonntag verstorbene Politikerin und ehemalige Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth hatte ihre Verbindungen in den Norden - und der Norden zu ihr. Auch aus Stadt und Kreis Cuxhaven schlagen ihr große Respektsbekundungen entgegen.
Von Maren Reese-Winne
Kreis Cuxhaven. "Wir sind nicht ohnmächtig, Veränderung zum Besseren ist möglich. Diese Welt ist zu schön, um sie den Wahnsinnigen zu überlassen." - "Macht euch bewusst: Wenn ihr euch raushaltet, hat das Folgen. Verbesserungen haben sich immer nur eingestellt, wenn Frauen auch widerständig waren und zusammenhielten" oder: "Feministin zu sein, ist das Mindeste, was eine Frau tun kann": Mit diesen - ihren eigenen - Zitaten wird dieser Tage an die am Sonntag verstorbene CDU-Politikerin Rita Süssmuth erinnert.
Die Respektbekundungen haben ihren Ursprung in allen politischen Lagern. Selbst in den eigenen Reihen galt sie bisweilen als rebellisch - und durchsetzungskräftig: "Wir Frauen haben von ihrem unermüdlichen Einsatz profitiert!", so fasst es die ehemalige Cuxhavener Europaabgeordnete Brigitte Langenhagen zusammen. Rita Süssmuth, die zunächst Bundesministerin für Jugend, Familie und Gesundheit und danach zehn Jahre lang Bundestagspräsidentin war, war es ein Anliegen, andere Frauen für den Weg in die politische Arbeit zu begeistern.
Schirmherrin der deutschen UNO-Flüchtlingshilfe
Auch im Kreis Cuxhaven denken viele Menschen an sie, die ihr auf Besuchen in unserer Region oder bei anderen Anlässen irgendwo in Deutschland begegnet sind. Prof. Dr. Reinhold Friedl (Cuxhaven), Leiter der UNO-Flüchtlingshilfe für Norddeutschland, erinnert sich an die Zeit, in der Rita Süssmuth als Bundestagspräsidentin zur engagierten Schirmherrin der UNO-Flüchtlingshilfe wurde. "Sie war nach meiner Erinnerung bei allen Mitgliederversammlungen der UNO-Flüchtlingshilfe dabei, selbst als sie einmal wegen einer angeblichen Dienstflugaffäre in schwerem politischen Fahrwasser war und niemand mit ihrem Erscheinen gerechnet hatte. Sie kam aber trotzdem, die UNO-Flüchtlingshilfe und die Flüchtlinge waren ihr wichtiger", schreibt er.
Mitte der 1990er Jahre sei er zu einem Abend- und Arbeitsessen in ihrer Dienstvilla in Bad Godesberg eingeladen gewesen, unter anderem mit dem Gründer und Vorsitzenden der UNO-Flüchtlingshilfe Dr. Gustav Koch, MdB Editha Limbach, MdB Graf Waldersee und Ignatz Bubis, damals Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland. "Zu meiner Ehre lud mich Rita Süssmuth ein, an ihrer Seite Platz zu nehmen. Es war ein geselliger, lockerer Abend, aber auch mit tiefen und intensiven Gesprächen. So haben wir lange und intensiv darüber diskutiert, ob man zum Fundraising um Testamente und Nachlässe werben dürfe oder ob das moralisch und ethisch nicht angebracht sei und unterlassen werden sollte. Zum Abschluss sagte Rita Süssmuth zu mir: ,So, Herr Friedl, jetzt nehmen wir einen Absacker. Sie wissen doch im Norden, was ein Absacker ist?'"
"Feuer und Flamme für unser Engagement"
Der langjährige Landesvorsitzende des Deutschen Kinderschutzbunds in Niedersachsen, Johannes Schmidt aus Hemmoor, traf Rita Süssmuth 2023 bei der Feier zum 70-jährigen Bestehen des Deutschen Kinderschutzbunds in Berlin. "Rita Süssmuth als Gast dabei zu haben, war eine riesige Wertschätzung für unser eigenes Handeln", erinnert er sich.
"Sie war nach wie vor Feuer und Flamme für unser Engagement, Kinderrechte im Grundgesetz zu verankern. Ich habe Rita Süssmuth auch als mein Vorbild in Standfestigkeit und authentischer Überzeugungsarbeit für Gerechtigkeit und Demokratie und vor allem für ihre Positionen des Kinderschutzes in mein eigenes Handeln übernommen."
Der Presseclub Cuxhaven zeichnete Rita Süssmuth im Jahr 2016 mit seinem Alte-Liebe-Preis aus. Die Jury würdigte damit ihr Engagement für Frauenrechte, für eine moderne Gesundheitspolitik (Aufklärung über Aids) sowie internationale Beziehungen. Im Bildungsbereich habe sie entscheidende Weichen als Präsidentin des Deutschen Volkshochschul-Verbandes, in Fragen von Zuwanderung und Integration, im christlich-jüdischen Dialog und im Einsatz für Kinder und Jugendliche gestellt. Der Preis erinnert an die von den Nationalsozialisten verbotene Cuxhavener Tageszeitung "Volksblatt Alte Liebe" und deren Schriftleiter, den 1944 im KZ Neuengamme ermordeten Wilhelm Heidsiek.

Rita Süssmuth hielt in ihrer Ansprache im Schloss Ritzebüttel ein Plädoyer gegen Ausgrenzung und für die europäische Einheit und mahnte vor dem Hintergrund der damaligen politischen und gesellschaftlichen Entwicklung - bereits mit der sichtbar werdenden Pegida und AfD vor Augen - an, im gesellschaftlichen Wandel alle Generationen mitzunehmen. Der Zeitungsbericht über die Verleihung trug die Überschrift "Eine unerschrockene Frau". Viele werden das unterschreiben können.