Vogelguckerin aus Cuxhaven: "Lohnt sich jetzt, die Augen offen zu halten"
Tannenhäher aus Sibirien begeistern zurzeit Vogelbeobachter in Cuxhaven und Umgebung. Die seltenen Gäste bieten einmalige Naturerlebnisse. Die Vogel-Expertin Silke Hartmann aus Cuxhaven verrät, worauf es dabei ankommt.
In diesen Wochen gibt es einen außergewöhnlichen Einflug von Tannenhähern nach Norddeutschland. Seit Ende September 2026 werden vermehrt sibirische Tannenhäher der Unterart macrorhynchos beobachtet.Die in Cuxhaven lebende Sachbuchautorin und Naturfreundin Silke Hartmann ist zurzeit hellauf begeistert über die Sichtung seltener Vögel. Mit ihrem Spektiv ist die "Vogelguckerin" den sibirischen Tannenhähern auf der Spur. Die Expedition gibt Tipps zur Beobachtung dieser besonderen Vögel.
Wie erkenne ich Tannenhäher?
Tannenhäher sind etwa so groß wie unsere Eichelhäher, also rund 32 bis 35 Zentimeter von der Schnabelspitze bis zum Schwanzende. Da sie aber dunkel und anders proportioniert sind, wirken sie größer. Ihr Gefieder ist schokobraun und weiß getupft. Dazu haben sie eine braune Kappe, braune Flügel und am Schwanz einen breiten weißen Saum (die sogenannte Endbinde). Auf den ersten Blick könnte man sie deshalb für sehr große, braune Stare halten, sie haben aber einen viel längeren und kräftigeren Schnabel.
Und falls Sie es ganz genau wissen wollen: Die Gäste aus Sibirien sind eine eigene Unterart und haben im Schnitt einen etwas schlankeren Schnabel und eine breitere weiße Schwanzbinde als die europäischen Tannenhäher. Tannenhäher sind eher schweigsam, aber wenn sie mit mehreren unterwegs sind, kann man auch jetzt im Herbst ihren Ruf hören, der wie "krrreeh" oder "keeh" klingt. Wer unsere heimischen Elster- und Eichelhäher-Rufe im Ohr hat, merkt gleich, dass irgendwas nicht stimmt, und weiß dann, dass ein Tannenhäher in der Nähe ist, auch wenn er noch nicht zu sehen ist. Wenn die braunen Rabenvögel nah herankommen, kann man auch ihre leisen, schwatzenden, fast zwitschernden Kontaktlaute hören. Das fan+d ich am Mittwoch ganz besonders toll.
Warum sind sie in unseren Breiten eine Rarität?
Sie sind Vögel des Nadelwaldes und legen Wintervorräte aus Nüssen und Samen an. In Deutschland leben Tannenhäher eigentlich nur in den Alpen und einigen Mittelgebirgen wie dem Schwarzwald, Solling oder Harz. Offene Landschaften wie unsere meiden sie eher. Die Vögel, die jetzt bei uns sind, kommen aus Sibirien. Dort sind sie eigentlich auch Standvögel und verlassen ihre Heimat nur, wenn die Zapfen- und Nussernte mau ausfällt und sie keine ausreichend großen Wintervorräte anlegen können. Vor allem Jungvögel machen sich dann auf den Weg. Große Einflüge gab es in Mitteleuropa zuletzt 1968 und 1977, kleinere 1985 und 1993. Seitdem sind nur noch vereinzelte Tannenhäher aus dem Norden/Nordosten bei uns aufgetaucht. Dieses Jahr ist es anders: In Finnland wurde bereits vom stärksten Auftreten seit mehr als 30 Jahren berichtet, und ein dänischer Ornithologe sprach sogar von einer Jahrhundert-Invasion. Auch auf Helgoland und Neuwerk wurden in den letzten Wochen schon welche entdeckt.
Gibt es eine ungefähre Zahl, wie viele Vögel es sind?
Eine Gesamtzahl für Deutschland gibt es noch nicht. In Dänemark wurden Ende September/Anfang Oktober gut 150 Tannenhäher gesichtet, auf Usedom zogen bereits am 27. September acht Tannenhäher durch. Das klingt nicht nach viel, aber im Vergleich zu sonst ist es enorm. Hier bei uns in Cuxland wurden am Mittwoch mindestens acht gemeldet und das waren die meisten in ganz Niedersachsen.
Wo kann ich sie in Cuxhaven am besten entdecken?
Im Moment lohnt es sich fast überall die Augen offenzuhalten, wo ein paar Bäume stehen. Gute Chancen gibt es zum Beispiel in der Duhner Heide, der Küstenheide und im Wernerwald, aber sie könnten überall im Cuxland und auch in den Städten auftauchen. Bei früheren Einflügen hielten sich viele Tannenhäher in Gärten und Parks auf und kamen auch an die Futterhäuser. Besonders gern fressen sie zwar Zirbelsamen und Haselnüsse. Hier wurden sie in dieser Woche aber auch beim Äpfel-, Eicheln-, Wespen- und Käfer-Futtern beobachtet. Das Schöne ist: Im Gegensatz zu den anderen "deutschen" Tannenhähern sind diese sibirischen Gäste wenig scheu und kommen auch mal bis auf wenige Meter heran, wenn man stillsteht. Dabei aber bitte auf den Wegen bleiben und die Vögel nicht verfolgen.
Werden sie schätzungsweise weiterziehen?
Das lässt sich leider schwer vorhersagen. Bei der großen Invasion 1968 wurden offenbar einige Vögel im Laufe des Herbstes zunehmend ortstreu und blieben. Ich - und bestimmt auch alle anderen Vogelfans im Cuxland - drücke auf jeden Fall die Daumen, dass sie noch eine Weile hierbleiben.
Gibt es zurzeit im Cuxland noch weitere avifaunistische Raritäten?
Aktuell keine ausgesprochenen Raritäten, aber ich freue mich, dass die Bergfinken jetzt so langsam wieder als Wintergäste zu uns kommen.
Und der Tannenhäher-Einflug ist auch schon anderweitig ins Visier geraten, die Niedersächsische Ornithologischen Vereinigung bittet um Dokumentation:
Schon jetzt erlebten laut der Niedersächsischen Ornithologischen Vereinigung Vogelbeobachter, wie breit das Nahrungsspektrum der eintreffenden Tannenhäher gezwungenermaßen ist. Demnach wurde beispielsweise in der Nähe von Neustadt am Rübenberge ein Tannenhäher fotografiert, der eine junge Wanderratte tötete und verspeiste - anschließend gab es zwei Zwetschgen.
Die Nahrungswahl der Sibirischen Tannenhäher nennt die Ornithologische Vereinigung sehr spannend und bislang sei sie kaum dokumentiert. Vogelbeobachter sind von ihr aufgerufen, genauer hinzusehen. Vielleicht gelinge dadurch eine Dokumentation, welche Nahrung die Vögel in unserem Herbst und vielleicht Winter über die Runden rettet.
Entsprechende Beobachtungen zur Nahrungswahl sollten mit Angaben zu Ort, Zeit und Datum mit einer kurzen Beschreibung der Beobachtung dokumentiert und gesendet werden an info@ornithologie-niedersachsen.de

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