Warum die "Buchtmädels" aus Cuxhaven freiwillig in die eiskalte Nordsee gehen
Ins kalte Wasser gehen, obwohl der Atem stockt - für viele unvorstellbar. Die "Buchtmädels" aus Cuxhaven steigen regelmäßig in die Nordsee - auch bei Kälte und Wind. Warum sie das tun & was im Körper passiert, verraten sie im Gespräch mit CNV-Medien.
Noch bevor der Fuß das Wasser berührt, setzt der Atem aus. Deike Splitje kennt diesen Moment gut. Sie beschreibt ihn als Schwelle - eine, die jedes Mal neu überwunden werden muss. Sie gehört zu den "Buchtmädels" und schwimmt regelmäßig in der Grimmershörnbucht.
Es sei kalt, manchmal so kalt, dass der Atem stocke. Und doch gehe sie fast täglich ins Wasser, wenn die Tide es zulasse. Nicht, weil es leicht sei. Sondern weil es etwas in ihr ordne. Deike Splitje lebt mit Multipler Sklerose. Schmerzen sind Teil ihres Alltags, mal dumpf, mal stechend, manchmal überall zugleich.

Überwindung, die verbindet
Früher habe sie versucht, ihnen auszuweichen, erzählt sie. Mit Widerstand, mit Wut. Heute begegnet sie ihnen anders. Im Wasser gebe es kein Ausweichen, sagt sie. Es zwinge sie, genau hinzuspüren: Wo tut es weh? Wie fühlt es sich an? Der erste Moment sei immer der härteste. Schritt für Schritt ins Wasser. Atmen. Aushalten. Der Schmerz werde nicht kleiner - aber sie selbst größer.
Die "Buchtmädels" gehen gemeinsam ins Wasser. Die Gruppe entstand im Sommer 2025. Agnes Makel erinnert sich an die ersten Treffen. Zunächst habe sie sich mit Wibke Ehlers verabredet. Nach und nach kamen weitere dazu. Nicole Grzeskowiak, Wibke Ehlers, Agnes Makel und Jara Tiedemann gehörten zu den Ersten.
Aus einzelnen Treffen wurde eine feste Gruppe. Man habe sich gegenseitig gestärkt. "Wir brauchen die Kälte und die Wärme, um zu genießen", stehe in ihrer gemeinsamen WhatsApp-Gruppe. Agnes Makel, Deike Splitje, Wibke Ehlers, Dr. Katrin Marenbach, Zebrina Lohmann, Nicole Grzeskowiak, Jara Tiedemann und Dörthe Hempel sind die "Buchtmädels".
Es sei dieses wortlose Verstehen, beschreibt es Deike Splitje. Man frage sich nicht mehr lange, ob man wirklich wolle. Man gehe einfach. Weil die anderen auch gehen. "Wer das Thermometer hat, geht zuerst ins Wasser", erklärt Dörthe Hempel.
Dr. Katrin Marenbach beschreibt den Einstieg ins kalte Wasser als Herausforderung. Man müsse die eigene Komfortzone bewusst verlassen. "Und es stärkt das Gemeinschaftsgefühl", fügt Marenbach hinzu. Danach bleibe ein Gefühl, das über den Moment hinausgehe: Man habe der Kälte getrotzt - und nehme die Überzeugung mit, auch andere Hürden bewältigen zu können.

Was im Körper passiert
Für Wibke Ehlers ist das Buchtbaden mehr als ein körperlicher Reiz. Sie hat das Gefühl, dass es ihr Immunsystem stärkt. Oft habe sie gedacht, sie sei erschöpft, am Limit. Und dann habe sie im Wasser gemerkt: Da geht noch etwas. "Eine halbe Minute. Noch eine Minute mehr." Dieses bewusste Erleben des Moments habe sie früher so nicht gekannt. Im Wasser sei sie ganz im Hier und Jetzt.
Viele, die vorbeigehen, könnten sich das nicht vorstellen, erzählt Wibke Ehlers. Oft werde gesagt, man gewöhne sich daran. Doch sie widerspricht. "Das stimmt nicht. Es ist immer kalt. Immer extrem." Jeder Gang ins Wasser sei neu. Man müsse sich jedes Mal überwinden und den Schmerz aushalten. "Wenn wir alle nie etwas können, dann entwickeln wir uns auch nicht", fügt sie hinzu.
Mehr als ein körperlicher Effekt
Medizinisch ist der Moment klar beschrieben. Der Körper reagiert auf die Kälte mit einem Schock. Puls und Blutdruck steigen, die Atmung beschleunigt sich, die Gefäße ziehen sich zusammen. Adrenalin und Endorphine werden ausgeschüttet. Auch braunes Fettgewebe werde aktiviert, um Wärme zu produzieren.
Dass diese Erfahrung keine Ausnahme ist, zeigt ein Blick nach Irland. Dort hat sich in den vergangenen Jahren eine ausgeprägte Kultur des ganzjährigen Meeresschwimmens entwickelt. Viele Menschen gehen dort regelmäßig ins kalte Wasser - nicht nur als sportliche Aktivität, sondern als fester Bestandteil ihres Alltags. Studien berichten, dass Teilnehmende ihre Stimmung als stabiler wahrnehmen, mehr Energie verspüren und Stress besser bewältigen können. Auch bei psychischen Belastungen wird der Ansatz untersucht. Hinweise deuten darauf hin, dass Kaltwasserschwimmen das Wohlbefinden steigern und das Gefühl von Verbundenheit stärken kann - etwa durch gemeinsame Rituale und Gruppen.
Deike Splitje beschreibt es als Klarheit. Im Wasser zähle nur noch das Hier und Jetzt. Der Atem. Der Herzschlag. "Im Wasser sind wir alle gleich", sagt sie.
Kälte mache keinen Unterschied. Sie fühle sich lebendig. Und stolz. Das Gefühl, es wieder geschafft zu haben. Nicht trotz der Krankheit. Sondern mit ihr.
