Wenn der Sturm das Leben lehrt
In der St.-Petri-Kirche treffen sich Seeleute und Landratten, um Geschichten von fernen Häfen und stürmischen Zeiten zu teilen. Doch was passiert, wenn der Sturm nicht nur die See, sondern auch das Leben erschüttert? Ein Gottesdienst, der bewegt.




Die ersten Märzstrahlen brachen durch die bunten Fenster der St.-Petri-Kirche und tauchten das Kirchenschiff in ein feierliches Licht. Zur Rechten hing vom Gewölbe das Modell des Feuerschiffs "Elbe 1" mit seinem roten Rumpf, der Altar leuchtete in Frühlingsblumen, und in einem eigens gefertigten Holzgestell hing eine goldene Schiffsglocke, die später beim Totengedenken angeschlagen wurde. Viele Gemeindemitglieder und Gäste füllten die Kirche zum 33. Sonntag der Seefahrt, einem Gottesdienst, der in diesem Jahr besonders unter die Haut ging.
Martin Struwe, Leiter der Seemannsmission Cuxhaven, eröffnete die Feierstunde mit Grüßen vom Containerschiff "Hansa Breitenburg", das gerade im Südchinesischen Meer unterwegs war. Kapitän Gabor Nagy hatte geschrieben, von einer Flut an Bürokratie, von Terminals weit vor den Städten, von Schiffen, die kaum noch Zeit lassen, aus dem Fenster zu schauen. Und doch: "Aber manchmal, wenn man endlich wieder draußen ist, sieht man einen schönen Sonnenuntergang, spürt die klare Luft, und weiß, warum man trotzdem wieder hinauswill." Das Votum des Tages hielt Tim Larschow, Redakteur der Cuxhavener Nachrichten und gelernter Schiffsmechaniker.
Ein Schiff wird zur Welt und zur Einsamkeit
Drei Jahre fuhr Larschow weltweit, absolvierte nach dem Abitur seine Ausbildung bei der Hamburger Reederei Auerbach Schifffahrt, bereiste 32 Länder. Was er der Gemeinde mitgab, war kein Abenteuerreport, sondern ein ehrliches Zeugnis: "Auf See drückt man zu Hause auf Pause - aber eben nur man selbst. Alle anderen leben ihr Leben weiter. Dass das so ist, versteht man oft erst viel zu spät." Sein längster Vertrag dauerte sechseinhalb Monate. Als er zurückkehrte, war der nächste Flug - nach Namibia, über Dubai und Johannesburg - bereits gebucht.
Und doch, sagte Larschow, würde er alles genauso wieder machen. Er erinnere sich an das Steak in Argentinien, den Rotwein in Montevideo, den Sonnenaufgang mit Blick auf den Tafelberg, den Abend auf einer Jetty in der Walvis Bay. "Doch dann denke ich erneut an meine Tochter, meine Frau und meine Familie - und an den hohen Preis, den Seeleute weltweit zahlen." Denn mit den schönen Bildern kommen auch die anderen: die Favelas in Rio, die Slums in Afrika, die Hafenarbeiter in einem indischen Kohlehafen, die ohne Masken im Staub schufteten. Und eine Nacht in der Straße von Gibraltar, die Larschow nicht loslässt.
Die Anweisung der Küstenwache hatte gelautet: Abstand halten, damit niemand versuche, ans Schiff zu schwimmen. Dann trieben plötzlich Dutzende orangefarbene Schwimmwesten im Dunkeln vorbei. Und schließlich ein Schlauchboot, auf dem, zum Glück, bereits "Rescued" stand. "Die Gedanken in meinem Kopf kann ich bis heute nicht in Worte fassen, denn gerettet wurde an dem Abend nicht wirklich jemand." Ein Freund, zu dem Zeitpunkt Zweiter Offizier, verließ das Schiff im nächsten Hafen und fuhr fünf Jahre auf dem Rettungsschiff "Alan Kurdi" über das Mittelmeer. Genau für solche Momente, schloss Larschow, brauche es die Seemannsmissionen weltweit: "Es ist jemand da, der zuhört und manchmal sogar mit kleinen Geschenken vorbeikommt, die an tristen Tagen für ein Lächeln sorgen."
"Gott ist auf den ganzen Pfaden zu finden"
Die Predigt hielt Sabine Preuschoff, Regionalbischöfin vom Sprengel Stade. Sie spannte den Bogen vom 107. Psalm - seinem Bild vom Seemann in der Sturmsee - zu einer grundlegend menschlichen Erfahrung: Was ist, wenn das große Unglück ins Leben einbricht? Wenn Arbeit, Liebe oder Gesundheit wegbrechen wie ein Mast im Sturm? Sie erzählte von ihrer Tochter, die zwei Jahre zur See fuhr und ihr in Wintersturmnächten Videos schickte, auf denen die Nordsee das Schiff durchschüttelte. Und sie bekannte ohne Umschweife, was ihr der Glaube in solchen Momenten bedeutet: "Gott ist auf den ganzen Pfaden zu finden. Not und Gefahr sind ihm nicht fremd." Dass Gott im Psalm auch als Ursache der bedrohlichen Stürme beschrieben werde, ließ sie offenstehen, ehrlich und ohne billigen Trost: "Das ist vielleicht eine der Seiten Gottes, die ich nicht fassen kann." Umso berührender ihr Schlussbild: "So führte er sie in den ersehnten Hafen."
Shanty-Chor und eine goldene Schiffsglocke
Durch den Gottesdienst führte Pastorin Martina Weber von der St.-Petri-Kirchengemeinde. Den musikalischen Rahmen bestimmten der Shanty-Chor Cuxhaven unter Leitung von Udo Brozio: 14 stimmstarke Männer sangen das "Ave Maria der Meere", "Fiddler's Green" und "Sailing Home" und ernteten dafür in der vollen Kirche reichlich Applaus. Beim anschließenden Totengedenken schlug Stefan Wehden, Leiter der Wasserschutzpolizei und Vorsitzender des Sozialbeirats des Hafens, die goldene Schiffsglocke. Der Klang füllte das Kirchenschiff und ließ es einen Augenblick lang still werden, für alle, die auf See blieben.