Wie geht es Menschen mit Behinderungen in Cuxhaven? Thema Wohnen bleibt brisant
Der Beirat für Menschen mit Behinderungen der Stadt Cuxhaven ist am 11. Juli 18 Jahre alt geworden. Volljährig - aber auch ernstgenommen? Vorsitzende Christine Wagner und 2. Vorsitzender Werner Ludwigs-Dalkner haben sich dazu Gedanken gemacht.
Und sind sich bei der ersten Frage - dem schönsten Erfolg - direkt einig: "Das neue Hallenbad." Von Anfang an sei dort der Beirat auf Augenhöhe einbezogen worden. Christine Wagner: "Vorschläge wurden nicht abgeschmettert, sondern es wurden Lösungen gefunden." Das Ergebnis werde heute niedersachsenweit gelobt.

Während auch der Bürgerbahnhof auf viel Zustimmung stoße, seit das beim Neubau des Wattenmeer-Besucherzentrums lange nicht so gewesen und die Lage im Schloss Ritzebüttel sei auch nach dem Bau des Aufzugs katastrophal, so Werner Ludwigs-Dalkner: "Was nutzt der Fahrstuhl, wenn der Rolli-Fahrer auf dem abschüssigen Kopfsteinpflaster gar nicht erst dorthin kommt?"

Das WC sei nach wie vor nicht barrierefrei und wer sich auf den Weg zur nächsten öffentlichen Anlage am Marktplatz mache, stehe vor einer unüberwindbaren Brandschutztür. Auch die eingebauten Stolperkanten bei der Neugestaltung der Nordersteinstraße stellten für Menschen mit verschiedensten Behinderungen Hindernisse dar.
Kaemmererplatz und Spielplätze auf dem Prüfstand
Und so gibt es in der ganzen Stadt Beispiele, die der Beirat seit Jahren beackert, um Empfehlungen an Verwaltung und Politik zu richten. Demnächst wird der Kaemmererplatz im Rahmen des Deichband-Projekts auf den Prüfstand gestellt. In der nächsten Sitzung (immer öffentlich) geht es aber zunächst um die Verbesserung der Spielplätze: "Der Wille, etwas zu verändern, scheint wirklich groß zu sein", freut sich Christine Wagner.
Werner Ludwigs-Dalkner, Geschäftsführer der Werkhof und Wohnstätten Lebenshilfe Cuxhaven gGmbH, erinnert sich an die Anfangszeiten: "Vorläufer war eine Initiative von Menschen mit Behinderungen. Als der Beirat dann offiziell gegründet wurde, waren die von der Stadtverwaltung eingebrachten Punkte immer schon abgeschlossen, wenn der Beirat informiert wurde. Das hat sich in den vergangenen Jahren verbessert."
Den meisten ist das Thema Inklusion völlig fern
In der Breite jedoch sei das Thema Inklusion den meisten völlig fern, obwohl Deutschland vor 15 Jahren der UN-Behindertenrechtskonvention beigetreten sei: "Das bedeutet, dass deren Vorgaben bei öffentlichen Bauvorhaben umgesetzt werden müssen." Auch im Straßenbau. Der Beirat begrüße die Entfernung des Kopfsteinpflasters in einigen Straßen der Innenstadt: "Denn bei Umgestaltung sind Gesetze anzuwenden, das entscheiden nicht die Anwohner." Vorbildlich sei die Umgestaltung in jüngerer Zeit im Lehfeld und in Süderwisch umgesetzt worden.
Formal sind die Aktivitäten des Beirats auf Themen beschränkt, die in städtischer Regie liegen. Dauerbrenner sind dabei die Themen ÖPNV und Wohnraum. Busse fahren oft zu selten und haben nur wenig Platz für Rollstühle; barrierefreier Wohnraum ist knapp und nicht selten unerschwinglich.

Das Wohnen stelle eindeutig die größte Herausforderung für die Zukunft dar. Die öffentlichen Zuschüsse entfernten sich immer weiter von der gesellschaftlichen Wirklichkeit, so Werner Ludwigs-Dalkner. Das Baugebiet am Bäderring (Süderwisch) öffne die große Chance auf ein wirklich inklusives Wohnviertel, aber auch für Altbauten müssten Lösungen gefunden werden, denn der Bedarf sei riesig.
Die Vielfalt, die eine Gesellschaft reicher machen sollte, spiegele sich nicht in den Strukturen wider. Das gelte auch für den Umgang mit Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen: "Viele Sachbearbeiter sind nicht in der Lage, in einfacher Sprache zu kommunizieren - als Folge gehen viele Menschen dort mit der geringsten Ahnung heraus, was sie nun tun sollen, und werden so in ihrer Selbstständigkeit eingeschränkt."
"Wir müssen vom Rollstuhlfahrer weg, denn Barrierefreiheit umfasst viel mehr"
Auch hier den Finger in die Wunde zu legen und Aufmerksamkeit zu erzeugen, versteht der Beirat als seine Aufgabe. "Wir müssen vom Rollstuhlfahrer weg, denn Barrierefreiheit umfasst viel mehr." Ohne Vorverurteilung, mit Einfühlungsvermögen, Toleranz und gegenseitiger Hilfe würde es vielen Menschen viel besser gehen.
Hass und Übergriffe erschrecken und machen Angst
Tatsächlich aber sei zu beobachten, dass sich das Umfeld verändere: "Wir merken, dass Menschen mit Behinderung mehr diskriminiert und beschimpft, ja sogar körperlich angegriffen werden." Und es werde scheinbar wieder salonfähig, über den Wert menschlichen Lebens zu sprechen. Das sei erschreckend und mache Angst. Lobenswert sei in diesem Zusammenhang das hohe Engagement der Stadt für Projekte der Demokratieförderung. Das Selbstverständnis der UN-Behindertenrechtskonvention in das Selbstverständnis der Behörden zu übernehmen, sei auf dem Weg zu mehr Toleranz in der ganzen Gesellschaft unerlässlich.
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