In der Nähe von Behrste, an der Gemeindeverbindungsstraße Eikhof, wurde außerhalb des Dorfes der Leichnam entdeckt. Foto: Klempow
In der Nähe von Behrste, an der Gemeindeverbindungsstraße Eikhof, wurde außerhalb des Dorfes der Leichnam entdeckt. Foto: Klempow
"Alles Menschenmögliche gemacht"

Behrste im Ausnahmezustand: Dorf steht nach Fund der Kinderleiche unter Schock

26.06.2024

Ein Landwirt in Behrste (Kreis Stade) entdeckte bei Mäharbeiten die Leiche eines Kindes. Rechtsmedizinische Untersuchungen sollen nun Klarheit bringen: Ist es der vermisste Arian (6) aus Bremervörde? In dem Dorf herrschte deshalb viel Betrieb.

Im kleinen Behrste herrscht am Dienstagmorgen viel Betrieb. Nicht, weil die Silo-Ernte auf Hochtouren läuft und die Landwirte das gute Wetter ausnutzen. Sondern weil Journalisten durch den Ort streifen. Sie stiefeln über Grünland und entlang einer Tannenschonung, um den Fundort zu fotografieren.

Behrster halten sich zurück

Die Kriminaltechniker sind längst wieder weg. Die Reporter fahren suchend durch das Dorf, um O-Töne für die Kameras einzufangen. Aber die Behrster lassen sich kaum blicken und halten sich zurück. Nur die freilaufenden Hühner genießen den Sonnenschein.

Viele sind geschockt, erzählen Anwohner. Die verzweifelte Suche nach dem sechsjährigen Arian aus dem Nachbardorf Elm hatte die Region in Atem gehalten. Er hatte am 22. April abends sein Elternhaus verlassen und sich auf den Weg Richtung Wald gemacht.

Polizei ging von Unglücksfall aus

Weil später Spuren an der Oste gefunden worden waren, lag lange der Verdacht nahe, der Sechsjährige sei im Fluss verunglückt. Immer wieder hatten Taucher und speziell ausgebildete Hunde im und am Fluss gesucht. Die Polizei ging schließlich von einem Unglücksfall aus. Auch über ein Verschwinden des Jungen im Naturschutzgebiet Hohes Moor wurde spekuliert. Seit Montagabend zählen diese Theorien nicht mehr.

Auf einer Grünlandfläche nahe Behrste wurde am Montagabend von einem Landwirt die Leiche eines Kindes gefunden. Mit hoher Wahrscheinlichkeit handelt es sich um den vermissten Arian aus Elm. Foto: Birgit Pape

Gefunden wurde der Leichnam auf einer Gründlandfläche am Rande einer mit Binsen bewachsenen und feuchten Stelle, die beim Mähen am Sonntag ausgespart worden war. Beim Wenden des Grasschnitts soll ein Mitarbeiter des Landwirts den Leichnam gesehen haben. Der Landwirt informierte sofort die Polizei. Er habe das Oberteil des gesuchten Jungen erkannt, sagte er der Deutschen Presseagentur.

Ergebnisse aus der Rechtsmedizin stehen noch aus

Ist es Arian? Das Ergebnis der rechtsmedizinischen Untersuchung in Hamburg soll Ende der Woche feststehen. "Mit hoher Wahrscheinlichkeit handelt es sich um Arian", sagt Polizeisprecherin Sara Mehnen am Dienstagmittag.

Nach ersten Erkenntnissen könne Fremdverschulden ausgeschlossen werden. "Erst wenn wir die Ergebnisse der Rechtsmedizin haben, wissen wir, woran das Kind gestorben ist", erklärt Mehnen während einer Pressekonferenz in Rotenburg.

Ein Reporter wartet am Dienstagmittag in Behrste. Foto: Klempow

Die Nachricht vom Fund des toten Kindes löst in der Region zwiespältige Gefühle aus. Auf der einen Seite ist da also schon Gewissheit, vielleicht sogar eine gewisse Erleichterung, dass Arian nicht spurlos verschwunden ist. Der erste Gedanke und tiefes Mitgefühl gelten der Familie.

Leichenfund bei Behrste ist ein Schock

Dennoch ist es für viele auch ein Schock, dass Arian so nah, nur wenige hundert Meter vom Dorf Behrste und keine zwei Kilometer von seinem Elternhaus entfernt gefunden wurde. 1200 Menschen waren bei einer Menschenkette zum Schluss der einwöchigen Suche im Einsatz gewesen. In den ersten Nächten hatten Feuerwehren zu Fuß und mit Drohnenteams und Hundestaffeln nach Arian gesucht - und ihn nicht gefunden.

Die Polizei hatte viele Strategien ausprobiert, um den autistischen Jungen anzulocken. Der Lkw mit den Lautsprecher-Durchsagen seiner Mutter soll in unmittelbarer Nähe des jetzigen Fundorts gestanden haben, Drohnen mit Wärmebildkameras hatten den Bereich abgesucht.

Suche auch mit Wärmebildkamera

Doch die Kamera, die sogar Fasanenküken im hohen Gras finden kann, meldete zu diesem früheren Zeitpunkt der Suche keinen Fund. Malte Gooßen, Gemeindebrandmeister der Samtgemeinde Oldendorf-Himmelpforten, war in den ersten Tagen der intensiven Suche vor Ort. Er sucht am Dienstag nach Worten, auch im Namen seiner Feuerwehren, die die Polizei beim Einsatz unterstützt hatten.

Noch immer hängen die Kleeblätter der Elmer Kinder mit den guten Wünschen für Arian in Elm. Foto: Klempow

Seit Wochen gab es nur noch die Hoffnung, Arian überhaupt zu finden.

Nun die Nachricht aus Behrste. "Man sitzt so zwischen den Stühlen. Wenn es Arian ist, wäre es auch ein Abschluss, den die Eltern und alle Kameradinnen und Kameraden finden können", so Gooßen.

"Alles Menschenmögliche gemacht"

Zusammen mit der Polizei werde aufgearbeitet, inwiefern alle Möglichkeiten ausgeschöpft worden sind. "Aber in diesem Suchgebiet hier haben wir für mein Dafürhalten alles Menschenmögliche gemacht", ist Gooßen überzeugt. In der Region wurde jeder Stein umgedreht, alle Grundstücke akribisch unter die Lupe genommen. Nicht nur in Behrste, auch in Gräpel, Estorf und bis nach Kranenburg.

Auch die Grünfläche mit dem Fundort ist durchsucht worden. Bei der ersten Grasernte sei die betreffende Fläche noch nicht gemäht worden, weil sie nach den Regenfällen im Frühjahr zu nass war, schilderten Anwohner am Dienstag.

Auch Polizeikräfte sind geschockt

Geschockt seien auch alle Kollegen, sagt Polizeisprecherin Sara Mehnen. Der Fundort des toten Kindes liegt weniger als zwei Kilometer Luftlinie von Arians Zuhause entfernt. Die Frage, warum der Leichnam nicht vorher gefunden wurde, kann die Polizei aktuell nicht beantworten. Jetzt werden Bewegungsprofile und Spuren ausgewertet, die bei den Suchaktionen gesammelt und erstellt wurden.

"Der betroffene Bereich wurde schon ganz am Anfang der Suchaktionen abgegangen. Ob das Kind bereits dann dort gelegen hat, ist noch nicht klar", erklärt die Polizeisprecherin. "Dass dort eine Leiche gefunden wurde, ist für alle Kräfte, die gesucht haben, überraschend", betonte Mehnen.

Auch nach Einstellung der offiziellen Suche hatten noch einmal Mantrailer-Suchhunde Geruchsspuren des Jungen in unmittelbarer Nähe verfolgt. Auch diese zog es Richtung Oste.

Vielleicht gibt es mit dem Fund des Leichnams Gewissheit, es bleiben aber auch Fragen und Ungewissheit, die die Einsatzkräfte weiter beschäftigen werden. Arians Eltern werden seit Montag durch geschultes Polizeipersonal betreut. In der Nähe der Wiese in Behrste postieren sich bis in den Abend Kamerateams.

Von Grit Klempow, Birgit Pape und Michael Krüger

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