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Ein umstrittener Auftritt: Rapper Macklemore sorgt beim Deichbrand-Festival für Diskussionen. Foto: Marcus Brandt / dpa
Ein umstrittener Auftritt: Rapper Macklemore sorgt beim Deichbrand-Festival für Diskussionen. Foto: Marcus Brandt / dpa
Debatte um Macklemore

Bildungsstätte Anne Frank berät das Deichbrand-Festival - Kritik bleibt dennoch laut

von Bengta Brettschneider | 15.07.2025 Zuletzt aktualisiert: 16.07.2025 00:44 Uhr

Das Deichbrand-Team holt sich nach öffentlicher Kritik an Rapper Macklemore Unterstützung von der Bildungsstätte Anne Frank. Doch viele Fragen zum Awareness-Konzept und zur praktischen Umsetzung bleiben offen. 

"Das Deichbrand-Festival hält an Auftritt von Macklemore fest", titelte "Der Spiegel" vor wenigen Tagen online. "Der US-Rapper Macklemore sorgt mit Holocaust-Verharmlosung für Aufsehen", schrieb Tachles, das jüdische Wochenmagazin, über den für den 16. Juli geplanten Auftritt des US-Rappers in der Schweiz.

"Kunstfreiheit respektieren"

Auch das Deichbrand-Festival verweist auf Anfrage unseres Medienhauses auf das bereits am 21. April veröffentlichte Unternehmensstatement. Darin heißt es, man verurteile "Antisemitismus genauso wie jede andere Form von Diskriminierung, Hass und Gewalt" und kündige an, "klar und entschieden zu handeln, sollte die Grenze zum Strafbaren überschritten werden." Die Erklärung sei nach wie vor gültig. Weiter betont das Festival, dass es das Grundrecht auf Kunst- und Meinungsfreiheit respektiere und keinen Einfluss auf die Performances auftretender Künstlerinnen und Künstler nehme.

Schulung gegen Antisemitismus

Nach Angaben der Pressestelle habe es mehrere Schulungen zur Sensibilisierung des Teams zum Thema Antisemitismus gegeben - unter anderem in Zusammenarbeit mit der Bildungsstätte Anne Frank. "Auch das Awareness-Konzept wird Antisemitismus explizit thematisieren. Während des Festivals wird es - wie in der Vergangenheit - eine enge Abstimmung der Festivalleitung und Security mit den Sicherheits- und Aufsichtsbehörden geben, um für alle Besucherinnen und Besucher einen sicheren und diskriminierungsfreien Festivalbesuch zu gewährleisten. Darüber hinaus gehende Aktivitäten befinden sich in der Abstimmung", so die Pressestelle weiter.

Keine Infos zu Flaggen und Rufen

Auf Nachfrage, ob es eine Ansprechpartnerin im Awareness-Team gebe, mit der ein Termin vor Ort vereinbart werden könne, um die praktische Umsetzung der Schulung zu begleiten, wurde auf den geschützten Charakter des Awareness-Bereichs verwiesen. Zudem seien Themen und Fragen rund um das Awareness-Team schriftlich an die Pressestelle des Festivals zu richten. Informationen zu Inhalten der Schulung, zur Zahl der Teilnehmenden oder dazu, bei welchen Vorkommnissen das Team "eingreifen" müsse, erhielt unser Medienhaus nicht. Auch die Frage, wie das Deichbrand-Festival mit propalästinensischen Flaggen oder "Free Palestine"-Rufen umgehen wird, blieb unbeantwortet.

Das Motto des Festivals ist "One Festival, One Family, One Love", was sich auch in ihrem Awareness-Konzept widerspiegeln soll. Foto: Kramp

Bildungsstätte warnt vor Stereotypen

Marie-Sophie Adeoso von der Bildungsstätte Anne Frank erklärte, dass die Zusammenarbeit mit dem Festival keine langfristig geplante gewesen sei, sondern sich kurzfristig aus einem akuten Bedarf der Festivalverantwortlichen ergeben habe - "mit all den daraus resultierenden Einschränkungen, was Zeit und Ressourcen betrifft". Auslöser sei ein Interview ihres Kollegen Samuel Stern gewesen, Bildungsreferent und Antisemitismus-Experte im pädagogischen Team. Er hatte dem Hessischen Rundfunk erklärt, dass Macklemores Songs zwar legitime und valide Kritikpunkte sowie eine Auseinandersetzung mit sozialer Ungerechtigkeit, staatlicher Polizeigewalt und White Supremacy (Vorherrschaft der Weißen, Anm. der Red.) enthielten, jedoch auch problematische antisemitische Sprachbilder aufwiesen.

"Macklemores Positionen zum Israel-Palästina-Konflikt sind keine neuen", führt die Bildungsstätte Anne Frank weiter aus. "Macklemore bedient - besonders in neueren Songs - Stereotype und Narrative, deren Ursprünge sich klar auf antijudaistische und antisemitische Vorstellungen beziehen."

Antisemitische Chiffren im Songtext

Die Schulung mit dem Awareness-Team des Deichbrand-Festivals umfasste laut der Bildungsstätte Anne Frank eine grundlegende Thematisierung von Antisemitismus, in der sowohl traditionelle antisemitische Narrative als auch ihre gesellschaftliche und individuelle Funktion behandelt wurden. Im Anschluss setzten sich die Teilnehmenden mit gegenwärtigen - häufig chiffrierten - Ausdrucksformen wie der Rede von "Zionisten" auseinander. Auf Wunsch des Festival-Teams lag ein besonderer Fokus auf israelbezogenen Formen des Antisemitismus. Dabei wurden unter anderem auch Bezüge zu Macklemores Songtexten hergestellt.

Auch BBC gerät in Erklärungsnot

Auf anderen Festivals - wie dem Glastonbury in Großbritannien oder dem Coachella in Colorado (USA) - hatten Auftritte des Rap-Duos Bob Vylan und des Hip-Hop-Trios Kneecap bereits zu Antisemitismus-Skandalen geführt. "F***k Israel, Free Palestine"-Rufe und skandierte Forderungen nach dem Tod von Angehörigen der israelischen Streitkräfte mit wehenden Palästinaflaggen hatten bei einer Liveübertragung der BBC für einen Eklat gesorgt. Die BBC sprach im Nachgang von "zutiefst beleidigenden" Äußerungen. Selbst der britische Premierminister Keir Starmer äußerte gegenüber der Zeitung "The Sunday Telegraph", dass Künstler, "die Drohungen aussprechen oder zu Gewalt aufrufen", keine Plattform erhalten dürften. Es gebe "keine Entschuldigung für diese Art entsetzlicher Hassrede". Der britische Gesundheitsminister Wes Streeting forderte zudem, die BBC und das Festival müssten erklären, wie solche Szenen "auf unseren Bildschirmen" zu sehen sein konnten.

Es bleibt abzuwarten, wie die Verantwortlichen des Deichbrand-Festivals das Spannungsfeld zwischen Meinungs- und Kunstfreiheit und möglichen Grenzüberschreitungen handhaben werden. Laut des Festival-Statements vom 21. April werde man "klar und entschieden handeln". Dies gelte auf der Bühne, wie davor und dahinter, so die Verantwortlichen. 

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