Landkreis Cuxhaven erklärt Hintergründe der Restriktionen bei der Frühförderung
Im Landkreis Cuxhaven sorgt die Neuausrichtung der Frühförderung für hitzige Diskussionen. Eltern und Experten sind besorgt, doch die Verwaltung verspricht, die Förderung gezielter und effektiver zu gestalten.
Die Wellen schlagen hoch angesichts der Veränderungen (manche empfinden es schlicht als Zusammenstreichen) bei der Frühförderung im Landkreis Cuxhaven. Träger berichten über drastisch sinkende Fallzahlen. Dass die Zahl der Fälle gesunken ist, räumt die Kreisverwaltung ein - das sei sogar beabsichtigt gewesen.
Zweierlei könnten sich die Eltern jedoch sicher sein, so Dr. Hella Fröhlke: "Kinder, die zum Personenkreis des SGB IX (festgestellte oder drohende Behinderung) gehören, werden sie auch weiter erhalten." Die Frühförderung werde nicht ersatzlos gestrichen, vielmehr würden zusätzlich unterstützende Konzepte angeboten, die teilweise passgenauer auf die elterlichen Sorgen und leichte Entwicklungsverzögerungen eingingen.
In einem Gespräch mit unserer Redaktion legte die Fachbereichsleiterin des kinder- und jugendärztlichen Diensts kürzlich zusammen mit dem Sozialdezernenten Friedhelm Ottens und Kathleen Ziepke, Leiterin des Fachbereichs Eingliederungshilfe Kinder & Jugendliche, Hintergründe der vor einem Jahr getroffenen Entscheidungen dar.
Die Veränderungen bei der Frühförderung gehen - ebenso wie die bei der Schulbegleitung - auf einen im Februar 2025 gestarteten Prozess zurück, bei dem unter Beteiligung vieler Abteilungen vertraute Vorgänge auf den Prüfstand gestellt wurden. Einsparpotenziale zu suchen, sei sicher legitim bei einem 20-Millionen-Euro-Defizit im Haushalt, findet Sozialdezernent Friedhelm Ottens. Der Kreis dürfe beispielsweise angesichts der bevorstehenden ehrgeizigen Schulbauprojekte nicht riskieren, seine finanzielle Entscheidungsfreiheit zu verlieren.
"Wir kennen die Sorgen der Träger"
Die Lage der Träger sei der Verwaltung bekannt: "Wir wissen, dass es organisatorisch schwierig ist, wenn die Frühförderung nur noch zuhause stattfinden darf, wir wissen um die wirtschaftlichen Sorgen, aber wir können uns nicht nur an den Leistungserbringern orientieren." Ziel der Reform sei, die Frühförderung auf die Kinder zu konzentrieren, die sie wirklich brauchten; auch um den Preis, Vertrautes aufzugeben, so Ottens.
Kathleen Ziepke nennt Hintergründe: "Es wurde in den letzten Jahren Frühfördermaßnahmen eher großzügig bewilligt, sodass die Kosten explodierten." Immerhin sei die Eingliederungshilfe des Landkreises nachrangiger Kostenträger; vorrangig seien weiterhin die Krankenkassen oder andere Rehaträger zuständig. "Wir haben sozusagen den Fehler im System über Jahre ausgebadet und sind zum Ausfallbürgen geworden, um die Kindern und ihre Familien nicht im Regen stehen zu lassen. Dafür haben wir viel Geld bezahlt und werden nun dafür kritisiert, dass wir dieses nicht mehr tun können."
Dennoch hätten alle beteiligten Fachkräfte von der Wichtigkeit der Frühförderung überzeugt werden können, diese leiste einen wichtigen Beitrag zur Unterstützung entwicklungsverzögerter und behinderter Kinder, versichert Hella Fröhlke: "Wir haben einen hohen Respekt vor der Arbeit der Frühförderer", versichert sie mit Blick auf die Erfahrungen der vergangenen 30 Jahre.
Maßnahmen wurden verstärkt in die Kita verlagert
Jedoch hätten sich nach und nach einige Vorgehensweisen verselbständigt, etwa die Verlagerung der Frühfördermaßnahmen in die Kita. Nachhaltigkeit erfordere jedoch unbedingt die Einbeziehung der Eltern. Außerdem sei die Begleitung immer älterer Kinder hinzugekommen, und das auch bei Verhaltensauffälligkeiten. Hierfür (oder auch bei Sprachproblemen in der Familie) sei die Frühförderung jedoch nicht die passendste Maßnahme. Durch wiederholte Verlängerungen, die zum Teil vier Jahre umfasst hätten, hätten die Förderkräfte mitunter fast zur Familie gehört, was nicht zielführend sein könne. Ergotherapie und Logopädie seien auch begrenzte Maßnahmen mit einem festen Therapieziel, gibt sie zu bedenken.
Inzwischen wird Frühförderung wesentlich restriktiver genehmigt, die Zahl der wöchentlichen Einheiten wurde von zwei bis drei auf eine reduziert - bei einem standardmäßig zunächst auf sechs Monate reduzierten Genehmigungszeitraum.
Zur Erkennung und Auflösung von Verhaltensauffälligkeiten hat der Landkreis ein alternatives Angebot entwickelt - eines, das Eltern niedrigschwellig mit ins Boot holen, Erziehungskompetenz verbessern und Eigenverantwortung fördern soll. Im Sommer 2025 ging die Pädagogische Früherkennung und Entwicklungsbegleitung (PEB) an den Start; angesiedelt an den Erziehungsberatungsstellen des Kreises in Otterndorf und Bremerhaven. Dorthin können sich auch Eltern aus der Stadt Cuxhaven orientieren, in der sich die Erziehungsberatung in einer anderen Trägerschaft befindet.
Kinder in ihrer Gesamtentwicklung unterstützen
"Die PEB ist eine nachhaltigere Methode, Kinder in ihrer Gesamtentwicklung zu unterstützen. Über die Kita-Fachberatungen holt sie auch die Erzieherinnen und Erzieher mit ins Boot. Aber natürlich benötigt dieses neue Angebot etwas Zeit, sich zu etablieren", ist Hella Fröhlke überzeugt. Einen Schwerpunkt bildet die Anleitung der Eltern: Sie sollen befähigt werden, "als wichtigste Bindungspersonen einen entscheidenden Einfluss auf den Entwicklungsprozess ihres Kindes zu nehmen". Außerdem sollen die sozialen und emotionalen Fähigkeiten von Kindern im Alter von null bis sechs Jahren gestärkt werden. Eine Anmeldung erfolgt über das Team der Frühförderberatungstelle.
Probleme sollten so rechtzeitig vor dem Schulalter identifiziert und abgewendet werden, dass spätere Maßnahmen wie die Schulassistenz bestenfalls gar nicht mehr nötig würden: "Wir wollen wirkungsvoller werden, damit nicht immer mehr obendrauf kommt. Hilfe zur Selbsthilfe, schauen, was dem Kind am besten hilft, nachhaltigere und bedarfsgerechtere Steuerung: Wir sind sehr davon überzeugt, dass wir damit auf dem richtigen Weg sind", hieß es in der Runde.
Entscheidungen nicht in Stein gemeißelt
Die Frühförderung behalte ihre Berechtigung: "Kinder mit Behinderung oder drohender Behinderung und einer Beeinträchtigung der Teilhabe bekommen sie weiter." Dabei sei es bereits zu einer Anpassung gekommen: Nachdem sich abgezeichnet habe, dass für manche Kinder eine wöchentliche Einheit, beschränkt auf sechs Monate, nicht ausreiche, seien die Zeiträume bereits wieder ausgeweitet worden, denn: "Kostenreduktion allein ist nicht unser Ziel." Man wolle weiterhin entwicklungsverzögerte Kinder passgenau unterstützen.
Das Band zu den Trägern sei nicht zerschnitten, vielmehr stehe am Ende eines Jahres, in dem Erfahrungen gesammelt werden sollten, eine Annäherung im Raum: "Wir nehmen die Ängste wahr und ernst, auch wenn wir nicht glauben, dass die Konsequenzen so eintreten, wie sie vorhergesagt werden", sagt Friedhelm Ottens. Für Oktober ist der nächste Austausch mit den Trägern vereinbart.
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