Zahlen machen drastische Einschnitte bei der Frühförderung im Kreis Cuxhaven sichtbar
Die Kürzungen in der Frühförderung im Kreis Cuxhaven werden von den Anbietern scharf kritisiert. Kinder blieben auf der Strecke. Die Verwaltung verteidigt den Ansatz. Förderung solle nicht gestrichen, sondern durch andere Angebote ergänzt werden.
Am 3. Juli 2025 wurden die vier Anbieter von Hausfrühförderung im Landkreis Cuxhaven per Videokonferenz durch die Kreisverwaltung darüber informiert, dass es Veränderungen im künftigen Bewilligungsverhalten geben werde. Schon ab dem 1. August des Jahres sollten die Maßnahmen umgesetzt werden. Seither sinkt die Zahl der Genehmigungen. Aber um welchen Preis?
Das könnte im Jugendhilfe-Ausschuss am 25. Juni (14.30 Uhr, Kreishaus) zum Thema werden. Strengere Zugangsvoraussetzungen schon für die Erstbegutachtung, Termine nur nach Empfehlung durch Kinderarzt oder Kita, Kürzung der Fördereinheiten, Begrenzung der Bewilligungszeiträume, Ende der Förderung in der Kita: Diese und einige Punkte mehr enthielt die Streichliste.
Ein Begriff, den die Mitglieder einer Lenkungsgruppe mit (nicht näher bezeichneten) Teilnehmenden aus den Bereichen Soziales, Familie und Finanzen wahrscheinlich von sich weisen würden: Vielmehr gehe es um wirkungsvolleres Vorgehen, versichert Erster Kreisrat Friedhelm Ottens, der die Gruppe geleitet hatte. Angesichts explodierender Kosten waren neue Rezepte für die Integration in Kindertagesstätten, Hausfrühförderung und Schulassistenzen (wir berichteten) gefragt.
Wirtschaftliche Schieflage ist nicht zu ignorieren
Die Folgen der Kürzungen bei der seit Jahrzehnten etablierten Frühförderung sind so drastisch, dass die Träger Alarm schlagen. Ein Rückgang der Fälle von bis zu 40 und 50 Prozent führe zu einer nicht mehr zu ignorierenden wirtschaftlichen Schieflage. "Aber das ist nicht das Schlimmste", heißt es: Vor allem gerieten die Kinder ins Hintertreffen, und das in einem Alter, in dem Prävention das A&O sei. "Wir werden uns noch umschauen, wenn die Folgen sichtbar werden", prophezeit eine Insiderin. In den Institutionen der Kinder- und Jugendhilfe wird dies übereinstimmenden Berichten zufolge schon registriert.
Schlechtere Chancen für Kinder sollte die Umstrukturierung laut Friedhelm Ottens gewiss nicht auslösen. Nach Auffassung der Lenkungsgruppe sei die Frühförderung nicht unbedingt die Lösung für jedes Problem. Förderung solle nicht abgeschafft werden; vielmehr solle ein neues Unterstützungssystem ("Pädagogische Früherkennung und Entwicklungsbegleitung" = PEB) neu hinzukommen.
Ein Konflikt entzündete sich an der Tatsache, dass die Fördereinheiten häufig in der Kita und nicht zu Hause stattfanden. Die Verantwortung der Eltern sei aber eine Schlüsselstelle, so Ottens. "Die Kita ist nun mal der Ort, an dem sich die Kinder aufhalten", halten die Frühförderinnen entgegen. In den Tagesrandzeiten könnten kleine Kinder keine Aufmerksamkeit mehr aufbringen, außerdem seien die Personalkapazitäten für diese wenigen Stunden beschränkt.
Sorge um den Verbleib der Fachkräfte
Ein kompliziertes Anmeldeverfahren, teilweise schnippische Zurückweisungen ("für Kinder, die es wirklich bräuchten"), deutlich längere Wartezeiten, Zeitdruck, Existenzangst: Die Beobachtungen decken sich bei den Anbietern - im Landkreis sind es die AWO Bremerhaven, das DRK Wesermünde, die Lebenshilfe Hemmoor sowie die Heilpädagogische Praxis Elster in Cuxhaven. Und sie senden noch eine Warnung aus: "Das Cuxland verliert die Fachkräfte, die wir jetzt entlassen müssen, für immer."
Der Rückgang der Fälle (allein von Juni bis Dezember 2025 von 300 auf 229) zahlt sich für den Landkreis aus: 327.500 Euro wurden in diesem Zeitraum bei der Frühförderung eingespart. Die Kosten entstünden dafür später, warnen Kritiker - in Form von Schulbegleitung (die auch reduziert werden soll), Hilfen zur Erziehung oder Gesundheitsausgaben.
Ist der Konflikt überhaupt zu lösen? Eine geradezu konträre Alternative, bei der eine Win-Win-Lösung winkt, befindet sich noch in der Hinterhand: Wissenschaftlich nämlich ist die Wirkung der Frühförderung unumstritten. Wichtige Zeitfenster sind beschränkt. Eine Förderung, die bis zu einem bestimmten Zeitpunkt (immer wieder genannt werden die ersten 1000 Lebenstage) nicht erfolgt ist, kann nie wieder nachgeholt werden.
Andere Wege zum selben Ziel: Es gibt sie
Kann das Ziel auf anderem Alternative Wege Die explodierenden Kosten der Kommunen waren Anlass, in Modellprojekten einen zunächst paradox erscheinenden Weg einzuschlagen und den Zugang zur Frühförderung großflächig zu öffnen: niedrigschwellig, offen und präventiv. Das Göttinger Modellprojekt "Inklusive Frühförderung" erhielt den deutschen Frühförderpreis; es zeigte sich, dass deutlich mehr Familien aus sozial benachteiligten Lebenslagen erreicht wurden und so chronischen Störungen vorgebeugt werden konnte.
Dem vorausgegangen waren Erfahrungen aus dem Kreis Nordfriesland, wo die Arbeit der Frühförderstellen erheblich ausgebaut und durch zusätzliche präventive Angebote ergänzt wurde. In der Folge wurde der Landkreis bei den Leistungen der Jugendhilfe vom teuersten zum billigsten in ganz Schleswig-Holstein. Die Einsparungen übertrafen die Mehrausgaben bei weitem. Da werden Erinnerungen an eine Zeit wach, in der ganz Deutschland nach Cuxhaven schaute, nämlich als dort 1988 die gemeinsame Erziehung behinderter und nicht behinderter Kinder in den Kitas etabliert wurde, woraufhin der Sonderkindergarten der Lebenshilfe geschlossen werden konnte - das war visionär und revolutionär.
Was im Ausschuss passieren soll
Friedhelm Ottens will sich diesen Erfahrungen nicht verschließen, plädiert aber dafür, zunächst an den aktuellen Vereinbarungen und somit auch einem mit den Frühförderstellen für den 2. Oktober vereinbarten Erfahrungsaustausch festzuhalten. Für die Jugendhilfeausschusssitzung ist ein Sachstandsbericht geplant, außerdem soll die "Pädagogische Früherkennung und Entwicklungsbegleitung" als Unterstützungssystem für Familien vorgestellt werden, die zwar Unterstützung benötigen, aber bei denen kein klassischer Frühförderbedarf besteht.
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