Julia Mohrmann ist seit April Schulleiterin der Freien Schule Lernart in Oberndorf.
Julia Mohrmann ist seit April Schulleiterin der Freien Schule Lernart in Oberndorf.
Lernen nach eigenem Tempo

Freie Schule Lernart: 97 Schüler erleben in Oberndorf selbstbestimmtes Lernen

von Wiebke Kramp | 03.09.2025

An der Freien Schule Lernart in Oberndorf entscheiden Schüler selbst, was und wie sie lernen. Schulleiterin Julia Mohrmann fördert Selbstbestimmung und Verantwortung - ein Konzept, das immer mehr Familien anzieht.

Schule ist hier ganz bewusst anders - und setzt auf Selbstbestimmung, Praxisbezug und Freiwilligkeit. Es stehen auch Pony- oder Ziegenpflege, Werken, Garten oder Malen auf dem Stundenplan - an der Freien Schule Lernart in Oberndorf bestimmen die Schülerinnen und Schüler selbst, was und in welchem Tempo sie mit eigener Motivation lernen - aber auch, welche Gemeinschaftsaufgaben sie übernehmen.

Es gibt keine Klassenstrukturen, sondern die verschiedenen Gruppen kommen im Morgenkreis und später im Abschlusskreis zusammen. Die Zwischenzeit füllen sie mit verschiedenen Arbeiten und Aktivitäten. Julia Mohrmann, die im April dort die Schulleitung übernommen hat, erläutert: "Natürlich gibt es bei uns auch Mathe, Deutsch und Englisch - aber eben auch Ponypflege, Atelier oder Werkstatt." Die Erwachsenen hätten ihren Blick darauf und würden die Schülerinnen und Schüler gut begleiten, ihre Lernfenster zu öffnen. Hinzu kommen Projekte, bei denen die Kinder ebenfalls durch die Lernbegleitungen, wie die Lehrkräfte hier heißen, unterstützt werden. Das Planspiel Börse oder ein Projekt für Lernstrategien seien dafür Beispiele. Das Schulleben sei soziokratisch gestaltet, das bedeute, jede Meinung sei wichtig und werde gehört, betont die Schulleiterin. Regelmäßig gebe es gemeinsamen Austausch bei Schulversammlungen.

"In unserer Schulgemeinschaft leben wir Beziehung, übernehmen Verantwortung und fördern Entfaltung", erklärt Julia Mohrmann. Beziehung heiße, aktiv zuzuhören und sich in Wohlwollen für ein gutes Miteinander einzusetzen. Verantwortung stehe dafür, achtsam mit sich und allen Lebewesen umzugehen, und Entfaltung für das freie Ausprobieren, Entdecken und den Respekt für die Grenzen anderer. "Sie erleben bei uns viel Vertrauen, das sie weiterbringen wird", ist sich die Schulleiterin sicher.

Julia Mohrmann kommt aus dem schulischen Regelbetrieb; sie arbeitete vorher an der Schule Am Dobrock in Cadenberge als Lehrerin bei den Schulleitern Spanuth, Mittelstädt und Fastert. Die Oberndorfer Lernart und die Schulträger Franziska Hartmann und Christian Beckmann hat sie aber von Anbeginn interessiert begleitet, nachdem sie selbst erfahren hatte, dass Schulleben ganz anders sein kann, als sich an strikte Unterrichtspläne und Zeitfenster zu halten und vielmehr auf die Bedürfnisse der Kinder und Familien zugeschnitten werde. Auf Reisen hat sie Familien kennengelernt, bei denen das Leben auch ohne konventionelle Schulbildung funktioniert, und gedacht, das wäre etwas für sie. Auch ihre beiden Söhne Silas (10) und Malik (6) gehen in Oberndorf zur Schule. Mit ihnen hat sie zuvor Europa bereist, bis die Jungs entschieden hatten, es sei genug. Noch wohnt die Familie in Otterndorf, aber der Umzug nach Oberndorf in direkter Nachbarschaft zur Schule ist absehbar.

"Für viele Kinder eine neue Chance"

Julia Mohrmann erhielt im April das Angebot, als Schulleiterin anzufangen. Vorher hat sie hier den Betrieb bei ihrem Bundesfreiwilligendienst kennengelernt. Sie stammt aus der Region Salzgitter, hat an der Universität Lüneburg studiert und in Hameln ihr Referendariat absolviert. In den Landkreis Cuxhaven kam sie, weil es damals in Braunschweig keine freien Stellen gab. Ausdrücklich versteht die Schulleiterin die Lernart als ein Zusatzangebot - keinesfalls als eine Konkurrenz zu den Regelschulen - und sie möchte ihre guten Kontakte zu den Nachbarschulen weiterhin pflegen. "Für viele Kinder bedeutet unsere Schule eine neue Chance - und sie blühen hier richtig auf", bemerkt die Schulleiterin, wohl wissend, dass freies, selbstbestimmtes Lernen nicht für jedes Kind das richtige Angebot ist. Drei- bis viermal in der Woche gibt es ein selbst gekochtes Mittagessen. Kooperationen gibt es mit der Kiwitte, die allen Kindern Nachmittagsangebote bietet.

Das Lernart-Konzept kommt an. Mittlerweile besuchen so viele Kinder wie nie zuvor die Freie Schule, die im Sommer 2018 an den Start ging. 97 Schülerinnen und Schüler sind es derzeit. Nach wie vor sorge die Schule für Zuzug im Ort, weiß Julia Mohrmann. Bevor Jungen oder Mädchen allerdings hier angenommen werden, hospitieren sie eine Woche, um zu schauen, ob dieses Schulleben für sie passt. Dazu gehöre auch der Blick auf die Familie. Schließlich sei ausdrücklich erwünscht, dass sich die Eltern aktiv ins Schulleben einbringen. Ihre Abschlussprüfungen absolvieren die Schülerinnen und Schüler übrigens an der Osteschule in Hemmoor mit Ergebnissen, die weit über dem Landesdurchschnitt liegen, wie sich Schulträger Christian Beckmann freut.

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Wiebke Kramp

Redakteurin
Cuxhavener Nachrichten/Niederelbe-Zeitung

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