Bach-Glanz in Bauerndomen: Otterndorf und Lüdingworth erleben beeindruckende Konzerte
Das 4. Internationale Bachfest Hamburg verleiht den Hadler Bauerndomen eine neue Aufmerksamkeit. Mit Orgel- und Violinmusik sowie beeindruckenden Kantaten erlebten die Besucher ein einzigartiges musikalisches Ereignis.
Als "Dreiklang" sind die drei Hadler Bauerndome St. Nicolai Altenbruch, St. Jacobi Lüdingworth und St. Severi Otterndorf bekanntlich mit im Spiel beim diesjährigen 4. Internationalen Bachfest Hamburg. Nach dem Festgottesdienst in Altenbruch waren am Wochenende nun Lüdingworth und Otterndorf die Konzertorte: Orgel und Violine in St. Jacobi, vier Bach-Kantaten und Orgel in St. Severi.
Dass ein so umfangreiches Projekt wie das Internationale Bachfest Hamburg der Carl-Philipp-Emanuel-Bach-Akademie Hamburg die drei Bauerndome des Landes Hadeln mit ihren bedeutenden historischen Orgeln ganz anders ins Blickfeld rücken kann als die Orgelstiftung Altenbruch/Lüdingworth und der Gloger-Orgel-Förderverein, dürfte allen klar sein. Nicht von ungefähr unterstrichen genau das auch die Vorsitzende der Orgelstiftung, Regina Kriebel, und der Vorsitzende des Fördervereins, Jan Hardekopf, in ihren Begrüßungen. Denn das Ziel, das Bewusstsein für dieses so kostbare Kulturerbe zu schärfen, ist schließlich allen gemeinsam.
Orgelmusik auf der Wilde-Schnitger-Orgel
Hansjörg Albrecht, Initiator des Bachfestes, und sein Künstlerischer Leiter, als Dirigent und Konzertorganist international vielfältig unterwegs, stellten in Lüdingworth mit Johann Sebastian Bachs Präludium und Fuge C-Dur BWV 547 für Orgel und dem für Orgel bearbeiteten Concerto C-Dur von Carl Philipp Emanuel Bach die Musik von Vater und Sohn gewissermaßen gegenüber. Eingebettet in die so komplexe Präludien- und Fugen-Kunst des Vaters macht das Concerto des Sohnes deutlich, dass der auf Affekt, Expressivität und Stimmungen setzt. Hansjörg Albrechts durchsichtiges, klangfarbenreiches Orgelspiel macht all das deutlich. Dennoch: Orgelmusik von Bach-Vater, gespielt auf der mitteltönig gestimmten Wilde-Schnitger-Orgel, ist gewagt, nicht zuletzt gewisser "schräger" Klänge wegen. Davon konnte beim Spiel von Soyoung Park auf ihrer Barockvioline natürlich überhaupt keine Rede sein. Wie schon beim Festgottesdienst zum Bachfest in St. Nicolai Altenbruch entfaltete sie auch in Johann Sebastian Bachs großartiger Partita Nr. 2 d-Moll BWV 1004 für Violine solo ihre ganze Geigenkunst.
Am Abend dann großes Bach-Kantaten-Konzert in St. Severi Otterndorf mit dem Solistenquartett des NDR-Vokalensembles und NDR Barock auf historischen Instrumenten, dem Ensemble der NDR Elbphilharmonie, und mit Hansjörg Albrecht, der alles im Altarraum von der Truhenorgel aus leitete. Sein temporeicher Einstieg in die erste Kantate "Allein zu dir, Herr Jesu Christ" BWV 33 macht auf Anhieb klar, wie in diesem Konzert musiziert wird: vital, authentisch, akzentuiert, reich an Kontur, expressiv und intensiv bis ins Letzte. Mit einem ausgesprochen qualitativen Solistenquartett - bestehend aus Catherina Witting (Sopran), Anna Maria Torkel (Alt), Nils Giebelshausen (Tenor) und Andreas Heinsmeyer (Bass) - und einem ebensolchen Barockensembles des NDR kann man das. Für das die St. Severi-Kirche bestens füllende Konzertpublikum wird die Aufführung der vier Bach-Kantaten zu einem zutiefst beeindruckenden Erlebnis.
Einfallsreichtum kannte keine Grenzen
Die Kantaten aus Bachs Leipziger Zeit, entstanden 1724 beziehungsweise 1726, sind faszinierende Beispiele der so intensiven Beschäftigung des barocken Meisters mit den Fragen des Glaubens und deren Umsetzung in Musik. Vielfalt der inhaltlichen Aspekte und Vielfalt der Stile korrespondieren geradezu ideal miteinander - in beidem kannte Bachs Einfallsreichtum keine Grenzen. Immer setzt der Komponist besondere Akzente und jedes Mal andere. Das gilt für alle vier Kantaten dieses Abends: Neben "Allein zu dir …" sind die Kantate "Alles nur nach Gottes Willen" BWV 72, "Wer sich selbst erhöhet" BWV 47 und "Sie werden euch in den Bann tun" BWV 44. Ob von tiefem Glauben bestimmt oder dramatische Ereignisse reflektierend - Bach findet für jedes seinen ganz eigenen Ausdruck, was sich sowohl in den Solo-Partien wie auch im instrumentalen Part widerspiegelt.
Albrecht lässt die jeweiligen Chor- und Choral-Partien vom Soloquartett singen, das Instrumentalensemble spielt im Stehen. Beides folgt Erkenntnisses der jüngeren Bachforschung, dient ganz bewusst der Authentizität und schafft mehr Transparenz. Mit der Sopranistin Catherina Witting und der Altistin Anna Maria Torkel, dem Tenor Nils Giebelshausen und dem Bassisten Andreas Heinemeyer hat Hansjörg Albrecht für sein Bach-Kantaten-Konzert ein stimmlich wie sprachlich exzellentes Solistenquartett, das seine Partien beeindruckend intensiv und klangschön gestaltet. Das Ensemble NDR Barock in der Besetzung zwei Oboen, Fagott, zwei Violinen, Viola, Violoncello und Violone musiziert unter Albrechts Leitung schlichtweg mitreißend - affektgeladen und präzise bis ins allerletzte Detail. Über was für solistische Qualitäten Musikerinnen und Musiker verfügen, dürfen sie dann mit der "Begleitung" so mancher Solo-Gesangspartie unter Beweis stellen.
Kantaten-Konzert mit Orgelklängen
Natürlich gab's in diesem Kantaten-Konzert auch Orgelklänge: Christian Müller, der neue Kreiskantor des Kirchenkreises Hadeln-Cuxhaven, spielte auf der Gloger-Orgel Bachs Toccata und Fuge d-Moll BWV 538 für Orgel, die sogenannte "Dorische". Sie gilt als "Wunderwerk satztechnischer Kunst" und stellt hohe Anforderungen an den Spieler.
Dass das Internationale Bachfest Hamburg auch in Zukunft in den drei Bauerndomen des Landes Hadeln präsent sein wird, kann man nur begrüßen. Empfindlichkeiten vor Ort, so jedenfalls war zu hören, sollten da keine Rolle spielen. Denn mal ehrlich: Kantaten-Aufführungen wie die am Sonnabend in St. Severi kann man eben doch nicht "selbst" so ohne weiteres auf die Beine stellen.
Von Ilse Cordes