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Prof. Ulrich Huse, Autor des unter dem Pseudonym Ulli Flessel geschriebenen historischen Romans „Osterende“. Foto: Cordes
Prof. Ulrich Huse, Autor des unter dem Pseudonym Ulli Flessel geschriebenen historischen Romans „Osterende“. Foto: Cordes
Auftakt zur Ausstellung

Lesung aus historischem Roman in Otterndorf: Ein wichtiges Stück Zeitgeschichte

28.09.2026

Prof. Ulrich Huse, Autor des unter dem Pseudonym Ulli Flessel geschriebenen historischen Romans "Osterende", las in der Stadtscheune Otterndorf aus seinem Roman "Osterende". Der Abend eröffnete die Ausstellung "Flucht, Vertreibung und Ankommen".

Das Thema als solches ist von unverminderter Aktualität: Flucht, Vertreibung und Ankommen in der neuen, völlig fremden "Heimat". Dass der Blick auf genau dieses Geschehen nach dem Zweiten Weltkrieg uns heute vieles, sehr vieles lehren kann, zeigte jetzt ein Abend in der Stadtscheune Otterndorf. Auftakt zur derzeit im Kranichhaus gezeigten Ausstellung "Flucht, Vertreibung und Ankommen" war die Lesung von Prof. Ulrich Huse aus seinem unter dem Pseudonym Ulli Flessel geschriebenen historischem Roman "Osterende".

Der Roman, 2024 im Duckdalben Verlag (Cuxhaven) erschienen, zieht eine enge Verbindung zu unserem allernächsten Umfeld und sprach auch deshalb an diesem Abend seine Zuhörerinnen und Zuhörer unmittelbar an. Wie sehr, das ließ so mancher Wortbeitrag von Betroffenen im Anschluss an die Lesung erkennen. Wortbeiträge von jenen, die als Kinder Flucht, Vertreibung und schwieriges Ankommen selbst noch am eigenen Leib erlebt und erlitten haben, oder auch von jenen, denen Großeltern und Eltern davon erzählten. Dass sich vieles von alldem im "Osterende"-Buch wiederfindet, wird dem 303-Seiten starken Band mit Sicherheit neue Leser bescheren.

"Es sind die Schicksale meiner Familie"

Er habe, so betonte der Autor, mit dem Buch die Geschichte seiner Familie zu einem Roman verarbeitet, die Personen seien fiktional, "aber es sind die Schicksale meiner Familie". Und Mitglieder dieser aus Westpreußen stammenden Familie landen nach dem Krieg im Land Hadeln, in Osterbruch. Es sind des Autors Großeltern. Das mag der eine Grund für die Wahl des Pseudonyms gewesen sein, der andere dann die Tatsache, dass Ulrich Huse, was seine Publikationen angeht, bislang auf einem ganz anderen Feld agiert hat - auf dem der Verlagswirtschaft und der Medienwissenschaft. Bei Harenberg beispielsweise hat er an den großen "Chroniken" mitgearbeitet, war Lektor beim Fischer Verlag und schließlich Professor an der Hochschule der Medien in Stuttgart.

Den Abend in der Stadtscheune bezeichnet er selbst als "eine Mischung aus Lesung und Hintergrund-Information". Und er lässt keinen Zweifel daran, dass für ihn eins ganz obenan steht: "Die historischen Fakten müssen stimmen!" Wer sein "Osterende"-Buch liest, wird das schnell sehr zu schätzen wissen. Und feststellen, dass die Geschichte der beiden Familien, der einen in Westpreußen und der anderen im Land Hadeln, und die ihrer Zusammenführung nach dem Krieg, auch eine Lektion in Zeitgeschichte ist. Und mehr noch - eine Lektion in die Geschichte der erst schleichenden, dann immer radikaleren Angriffe auf die Demokratie.

Dafür hatte der Autor aus seinem Roman vier bezeichnende Passagen ausgewählt. Das in drei Teile gegliederte Buch arbeitet bei seinen "Kapitelüberschriften", wenn man sie denn so nennen will, mit genauen Tagesdaten, beginnend mit Sonnabend, 3. Juni 1939. Ein Sommertag, an dem vier Jungen in der Weichsel baden. Verbotenerweise, denn die Grenzsituation dort ist überaus heikel. Am 1. September überfällt Hitler Polen und löst damit den Zweiten Weltkrieg mit all seinen furchtbaren Folgen aus. Huses (beziehungsweise Flessels) Buch schildert sehr genau, was das mit den beiden Familien macht - der in Westpreußen (im 1. Teil des Buches) und der im Lande Hadeln (2. Teil). Der dritte Teil spielt dann wiederum in Hadeln und zwar im Jahr 1951, wo die beiden Familien durch die Heirat zu einer werden. Der in Westpreußen geborene, zweite Sohn der Familie Rebuscheit heiratet eine Hadler Bauerntochter. Ganz gegen den Willen einer Tante übrigens, die nicht verstehen kann, wie man seine Tochter ausgerechnet mit einem "hergelaufenen Flüchtling" verheiraten kann.

Konfrontiert mit dem Thema Einquartierung

Womit der Blick auf die keineswegs so einfache Integration damals gelenkt wird. Denn als die Flüchtlingsströme in den Westen kommen, werden die Einheimischen mit dem Thema Einquartierung konfrontiert. Denn die Menschen, die alles verloren hatten, brauchten schließlich eine Bleibe, brauchten etwas zu essen, und sie wollten arbeiten. Doch hier gab's in so manchem Haus bereits Einquartierung und zwar von den in den Städten Ausgebombten. Als sehr schnell klar wurde, dass die Flüchtlinge ja nicht zurückkonnten, dass sie auf Dauer bleiben würden, sorgte das für Konflikte, die nicht selten schwer zu lösen waren. Die erzählende Literatur ab der 1950er/60er Jahre ist voll von beeindruckenden Beispielen für dieses Thema.

Für die Menschen heute ist die Integration der Millionen Flüchtlingen aus den ehemaligen Ostgebieten nach dem Zweiten Weltkrieg eine Erfolgsgeschichte und genau das ist sie auch. Julia Kuhnt, die Leiterin des Archivs des Landkreises, verwies in ihren Begrüßungsworten zu Recht darauf. Wie aktuell das Thema Flucht und Vertreibung bis in unsere Tage ist, unterstrich Otterndorfs Bürgermeister Claus Johannßen. Und erinnerte in diesem Zusammenhang an 2015, wo im aus dem Stand geschaffenen "Sommercamp" gleichfalls schnelle und unkonventionelle Entscheidungen gefragt waren. So hat die bis einschließlich 31. Oktober 2026 im Kranichhaus-Museum gezeigte Ausstellung "Ankommen" einen gleich zweifachen Sinn - den des Rückblicks und den des Blicks auf die Situation heute.

Von Ilse Cordes

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