"Spannender Typ": Lesung des Otterndorfer Stadtschreibers vor ungewöhnlicher Kulisse
Der Otterndorfer Stadtschreiber Hank Zerbolesch hat im Kulturatelier seinen noch unveröffentlichten Roman vorgestellt. Das Publikum erlebte eine intensive Lesung über Klassengrenzen und soziale Herkunft.
"Hank Zerbolesch ist ein Typ. Ein spannender Typ." Mit diesen Worten begrüßte Bürgermeister Claus Johannßen den Autor im Kulturatelier an der Bahnhofstraße. Wenig später wurde deutlich, was er damit meinte: Zerbolesch saß mit Hoodie und Cappy vor dem Publikum, neben ihm eine Flasche Bier. Herausgeputzt hatte er sich für diese Lesung nicht. Gerade das passte zu seinem neuen Roman.
"Der dritte Raum" bewegt sich abseits literarischer Behaglichkeit. Nun stellte der amtierende Otterndorfer Stadtschreiber das noch unveröffentlichte Buch erstmals öffentlich vor. Das Kulturatelier, ein ehemaliger Laden im Umbau, bot dafür eine ungewöhnliche Kulisse. Der Raum war gut gefüllt.
Ende Oktober wird Zerbolesch Otterndorf wieder verlassen. Der 45-Jährige ist in diesem Jahr von Juni bis Oktober Stadtschreiber der Stadt. Die Lesung war damit nicht nur eine besondere Buchpremiere, sondern auch eine Begegnung mit einem Autor, der in den vergangenen Monaten Teil des Otterndorfer Kulturlebens geworden ist.
Zerbolesch liest nicht einfach vor. Er spielt seine Figuren, verändert Stimme und Tempo, arbeitet mit Gestik und Körperhaltung. Vor allem in Szenen über Gewalt, Chaos und unterschiedliche Lebenswelten wird die Lesung fast zur Bühnenaufführung.
Im Mittelpunkt von "Der dritte Raum" steht Benno, ein junger Mann aus einem sozialen Brennpunkt. Ein Einbruch in eine Villa läuft aus dem Ruder. Statt die Polizei zu rufen, macht der Hausherr Benno ein ungewöhnliches Angebot: Polizei oder Probearbeit. Benno entscheidet sich für die Arbeit und landet auf dem "Hof Amberg", einem sozialen Projekt der gehobenen Mittelschicht.
Damit prallen zwei Welten aufeinander: hier Benno, geprägt von seinem bisherigen Leben, dort Menschen, für die Bio-Kaffee, Ehrenamt, Projektarbeit und gewaltfreie Kommunikation selbstverständlich sind. Zerbolesch erzählt diese Begegnung nicht als einfache Geschichte von Gut und Böse. Ihn interessiert, was geschieht, wenn Menschen aufeinandertreffen, deren Lebensrealitäten kaum unterschiedlicher sein könnten. Es geht um Klassengrenzen und soziale Herkunft, um Gewalt und Zugehörigkeit, aber auch um die Möglichkeit, eigene Vorstellungen und Grenzen zu hinterfragen.
Viele Figuren des Romans haben offenbar reale Begegnungen als Ausgangspunkt. Zerbolesch hat nach eigener Darstellung viel gesehen und Menschen genau beobachtet. Charaktere, Eigenheiten und Erlebnisse seien auf diese Weise in seine literarische Arbeit eingeflossen.
Einen großen Teil des Romans schrieb er während seiner Zeit als Stipendiat in Griechenland. Seine Unterkunft war schlicht: kein Internet, wenig Komfort und vor allem kaum Ablenkung. Gerade diese Bedingungen wurden für ihn zum Schreibantrieb.
In Otterndorf konnte Zerbolesch nun erstmals öffentlich aus dem Roman lesen. Auf das gedruckte Buch muss das Publikum allerdings noch warten. "Der dritte Raum" ist bislang nicht erschienen, der Druck hat sich verzögert. Zerbolesch wartet selbst darauf, sein neues Buch endlich in den Händen halten zu können.
Seine Lesung machte den Text dennoch unmittelbar erlebbar. Die Stimme wurde laut und hart, wenn Situationen eskalierten, dann wieder leise und zurückhaltend. Besonders die Szenen über Gewalt und das Aufeinandertreffen unterschiedlicher Lebenswelten erhielten dadurch eine besondere Intensität.
Zerbolesch wurde 1981 in Düsseldorf geboren und lebt seit 2004 in Wuppertal. Er arbeitete unter anderem als Altenpfleger und Veranstaltungstechniker, bevor er sich zunehmend dem Schreiben widmete. Seit 2014 veröffentlicht er Romane, Hörspiele und Kurzgeschichten. 2024 erschien bei Steidl sein Roman "Gorbach".
Nun also "Der dritte Raum": ein Roman über soziale Grenzen und die Frage, was geschieht, wenn Menschen bereit sind, diese Grenzen zu überschreiten. Die Premierenlesung im noch unfertigen Kulturatelier erwies sich dabei als stimmiges Zusammenspiel von Ort und Text. Noch ist dort nicht alles fertig. Auch Zerboleschs Roman wartet noch auf seinen endgültigen Auftritt zwischen zwei Buchdeckeln.
Der Autor selbst aber ist schon da. Und spätestens nach diesem Abend dürfte klar sein, warum Bürgermeister Johannßen ihn einen "spannenden Typen" nennt. Ende Oktober verabschiedet sich Hank Zerbolesch aus Otterndorf. Sein Roman "Der dritte Raum" wird dann hoffentlich ebenfalls seinen Weg in die Öffentlichkeit finden.
Von Myriam Domke-Feiner
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