Planänderung mit gemischten Gefühlen: Jutta Speidel improvisiert in Otterndorf
Eigentlich war eine Hommage an Billie Holiday angekündigt - doch kurzfristig musste das Programm geändert werden. Statt Jazz gab es eine Lesung mit Musik: Jutta Speidel überzeugte mit "Amaryllis", auch wenn nicht alle Erwartungen erfüllt wurden.
Mit großen Erwartungen war das Publikum am Sonntagabend (22. März 2026) in die Seelandhallen Achtern Diek in Otterndorf gekommen: Angekündigt war "Billie's Blues", eine musikalische Hommage an die Jazz-Legende Billie Holiday. Doch gleich zu Beginn erreichte die Besucher eine unerwartete Nachricht: Die Sängerin Antonia Feuerstein war krankheitsbedingt ausgefallen und damit stand das gesamte Konzept des Abends infrage.
Die bekannte Schauspielerin Jutta Speidel trat vor das Publikum und erklärte die Situation offen. "Ohne Sängerin können wir diese musikalische Lesung leider nicht machen. Absagen war für uns jedoch keine Option", betonte die 71-Jährige. Gemeinsam mit Pianist Peter Rodekuhr habe man sich kurzfristig entschieden, auf ein anderes Programm auszuweichen.
Kurzfristiger Wechsel zum Ersatzprogramm
Statt der geplanten Hommage an Billie Holiday präsentierte Speidel eine Lesung aus ihrem jüngsten Buch "Amaryllis", das 2024 erschienen ist. Darin erzählt sie die fiktive Geschichte von Valerie, die in einem bohèmehaften Umfeld aufwächst und davon träumt, als Artistin und Clown in der männerdominierten Zirkuswelt Karriere zu machen. An der Seite ihrer großen Liebe Lorenzo, dem der Durchbruch gelingt, rückt sie selbst zunehmend in den Hintergrund.
Schauspielerische Vielseitigkeit
Die Geschichte, im Stil einer Biografie erzählt und mit autobiografischen Elementen versehen, bot reichlich Stoff für emotionale und nachdenkliche Momente. Speidel schlüpfte während der Lesung in verschiedene Rollen und verlieh den Figuren mit ihrer schauspielerischen Erfahrung Ausdruck und Tiefe. Mal heiter, mal schlüpfrig, mal nachdenklich - die Darbietung zeigte die ganze Bandbreite ihres Könnens.
Musikalisch begleitet wurde der Abend von Peter Rodekuhr. Der Pianist und Sänger verlieh den Texten mit bekannten Liedern zusätzlichen Ausdruck. Stücke wie "Be a Clown" von Cole Porter oder "Send in the Clowns" fügten sich stimmungsvoll in die Erzählung ein und unterstrichen die Zirkuswelt, in der die Geschichte angesiedelt ist.
Geteilte Reaktionen im Publikum
Trotz der gelungenen Darbietung blieb die Resonanz im Publikum geteilt. Einige Besucher zeigten sich beeindruckt von der spontanen Programmänderung und ließen sich auf die neue Inszenierung ein. Sie würdigten insbesondere Speidels Professionalität und die Intensität der Lesung. Andere hingegen konnten ihre Enttäuschung nicht ganz verbergen. Sie waren mit der Erwartung gekommen, einen Abend im Zeichen von Billie Holiday zu erleben - und mussten sich nun auf ein völlig anderes Thema einstellen.
Abend zwischen Anspruch und Erwartung
So blieb am Ende ein Abend, der künstlerisch überzeugte, zugleich aber zeigte, wie stark Erwartungen das Erleben prägen können. Eine Absage kam für die Künstlerin nicht infrage - und so wurde aus einer geplanten Jazz-Hommage eine literarisch-musikalische Ersatzvorstellung, die zumindest einen Teil des Publikums begeisterte.
Von Myriam Domke-Feiner