Stade trauert um Opfer: Emotionale Andacht nach Schüssen in Jugendhilfeeinrichtung
Mit Gebeten, Kerzen und stiller Anteilnahme hat Stade der sechs Todesopfer der Gewalttat gedacht. In der voll besetzten St.-Wilhadi-Kirche fanden Angehörige, Bürger und Einsatzkräfte Raum für Trauer und Zusammenhalt.
Als die Totenglocke in der St.-Wilhadi-Kirche schlägt, beginnt es zu regnen über Stade. Im Inneren sitzen und stehen Menschen dicht an dicht, mit gesenkten Köpfen und gefalteten Händen. Am Altar brennen sechs Kerzen, im Gedenken an die sechs Menschen, die am Montagmittag aus dem Leben gerissen wurden.
Der Schock über die Gewalttat vom Montagmittag sitzt tief. Ein 45-Jähriger aus Hannover hatte in einer Jugendhilfeeinrichtung in der Stader Dankersstraße Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter niedergeschossen.
Menschen halten sich an den Händen
Eine ganze Stadt trauert. In der St.-Wilhadi-Kirche haben Trauer und Fassungslosigkeit einen Raum. Die Gedanken sind in der Andacht bei den Familien und Angehörigen der Opfer, die Unvorstellbares durchmachen. Menschen halten sich in den Kirchenbänken an den Händen, suchen Halt aneinander, beten im Stillen. "Ein Haus, das Schutz und Hilfe bieten sollte, wurde zum Ort von Gewalt und Tod gemacht", sagt Regionalbischöfin Sabine Preuschoff.
"Viele von Ihnen werden genau wissen, wo Sie gestern waren, als Sie davon erfuhren. Solche Augenblicke teilen das Leben in ein Davor und ein Danach", sagt Landesbischof Ralf Meister. "Es ist gut, dass wir heute Abend hier sind. Kirchen sind heilige Orte auch deshalb, weil wir hier gemeinsam klagen dürfen." Die Gewalt habe eine ganze Stadt getroffen.
Zum Gedenken entzündet die Regionalbischöfin gemeinsam mit Wilhadi-Pastorin Ann-Kathrin Hamsch sieben große, weiße Kerzen. Sechs für die Opfer, eine für die Einsatzkräfte von Polizei, Feuerwehr, Rettungsdienst und Notfallseelsorge. "Sie mussten Bilder sehen und Entscheidungen treffen, die niemand erleben möchte", sagt Sabine Preuschoff. Eine achte, grüne Kerze brennt für "das kleine Mädchen und ihre Mutter als ein Zeichen der Hoffnung".
Ministerpräsident Lies reist nach Stade
Niedersachsens Ministerpräsident Olaf Lies kam zur Andacht nach Stade, um den Opfern seine Anteilnahme auszusprechen. "Sie haben einfach nur ihre Arbeit gemacht: als Mitarbeiter des kommunalen Jugendamts, als Mitarbeiterinnen einer privaten Jugendhilfeeinrichtung. Und dann werden sie unvermutet getötet." Das ganze Land sei vereint in der Trauer "und auch in der Wut darüber, dass so etwas passieren kann". Es werde viel Zeit brauchen, bis diese Wunde langsam heilen kann.

"Dieses Verbrechen trifft uns als gesamte Stadtgemeinschaft", sagt Stades stellvertretende Bürgermeisterin Melanie Reinecke mit tränenschwerer Stimme. Ihre Worte bewegen die Menschen sichtlich. Kein Satz, kein Wort könne den Schmerz lindern, den die Angehörigen in diesen Stunden und Tagen empfänden.
"Wenn Worte fehlen, bleibt die Gemeinschaft. Wenn wir keine Antworten finden, bleibt das Mitgefühl." Reinecke dankt den Einsatzkräften. "Sie haben in einer Situation größter Belastung Professionalität, Besonnenheit und Menschlichkeit gezeigt."
Der Stader Landrat Kai Seefried spricht den Menschen in der Kirche Mut zu: "Es gibt zwei Kräfte: Die eine ist die Gewalt, die andere ist das Helfen. Das ist stärker, als wir manchmal glauben."
"Jede Kerze ist ein stilles Gebet"
Die Andacht ist zu Ende, die Glocken läuten. Aber die Stader bleiben noch, zünden Kerzen an. "Jede Kerze ist ein stilles Gebet", sagt Preuschoff.
Die Stadt Stade hat im Rathaus ein Kondolenzbuch ausgelegt. Wer möchte, kann eigene Gedanken und Beileidsbekundungen hineinschreiben. Das Buch liegt zu den Öffnungszeiten bei der Information im neuen Rathaus aus.
Von Steffen Buchmann und Grit Klempow
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