Teilnehmerinnen des Cuxhavener Frauen-Protests: "Ich bekam Putzmittel, er Kleidung"
Zwischen Sorgearbeit und tief verwurzelten Rollenbildern: Zwei Frauen aus dem Kreis Cuxhaven erzählen von der Ungleichbehandlung in der Arbeitswelt und Kritik an Müttern, die verdeutlichen, warum der "Enough"-Streik für sie mehr ist als nur Symbolik.
Im dritten Teil der Serie zum "Enough"-Frauenstreik in Cuxhaven rücken persönliche Erfahrungen in den Fokus. Nach einem historischen Rückblick auf den Frauenstreik in Island kamen die Initiatorinnen zu Wort. Im dritten Teil erzählen nun zwei Teilnehmerinnen, warum der Protesttag (9. März 2026) für sie mehr ist als ein symbolisches Datum. Ihre Einblicke als Mutter, Erzieherin und Partnerin machen deutlich, wie Ungleichbehandlung und Rollenbilder noch immer den Alltag von Frauen prägen.
Lisa Richter ist 29 Jahre alt, Mutter einer einjährigen Tochter und Erzieherin in einer Wohngruppe. Sie nimmt am Frauen-Protest am 9. März 2026 in Cuxhaven teil. "Allein für die Zukunft meiner Tochter ist mir meine Teilnahme so wichtig", sagt sie.

Statt Anerkennung gab es Kritik
Die Ungleichbehandlung von Frauen zeige sich in vielen kleinen Situationen. Als sie in ihre erste gemeinsame Wohnung zogen, bekamen sie Geschenke. "Ich bekam Putzmittel, er Kleidung und Unterwäsche - als würde er es nicht selbst hinbekommen."
Besonders prägend war die Kritik an ihrem Schlafarrangement, als ihre Tochter gerade geboren war. "Wir haben uns abgewechselt, jeder zwei Nächte. Statt Anerkennung gab es Kritik. Mein Mann müsse doch arbeiten, und als Mutter sei es normal, wenig zu schlafen. Es war den Leuten egal, wenn es mir richtig schlecht ging." Auch beruflich bleibe viel Verantwortung bei den Frauen hängen, erzählt die Erzieherin. "Die Arbeit in Wohngruppen ist sehr analog zum Familienleben, der Mental Load bleibt oft an den Kolleginnen hängen."
Schon bei Kindern zeigt sich ein Unterschied
Lisa Richter beobachtet die Ungleichbehandlung auch in anderen Bereichen der Arbeitswelt: "Freundinnen werden kritisiert, wenn sie Grenzen setzen oder Gehaltsvorstellungen nennen - Dinge, die bei Männern gelobt werden." Schon bei Kindern zeige sich ein Unterschied. Bei ihrer Tochter würden Eigenschaften kritisiert werden, die bei Jungen gefördert werden. Umgekehrt erlebe ihre Freundin Kritik, wenn sie ihren Sohn tröstet.
Sie habe es auch erlebt, dass ihr Partner belächelt wird, wenn er nach Waffelrezepten fragt oder die gemeinsame Tochter beim Einkaufen auf dem Arm hat. "Man unterstellt uns sogar, ich hätte ihn zur Teilzeit gezwungen", fügt sie hinzu.
Diese Erlebnisse zeigen, wie tief verwurzelt Rollenbilder und Erwartungen sind. "Ich erwarte eine Zukunft, in der meine Tochter frei entscheiden darf, wer sie ist, in der sie unbequem, laut, dominant und wild sein darf. In der sie lieben darf, wen sie will, in der sie ihre Identität finden darf und in der sie nicht in den Krieg ziehen muss."

Beeinflussung durch Geschlechterrollen
Lea Reichert ist 28 Jahre alt und sie arbeitet als Sozialarbeiterin an der Oste-Schule in Hemmoor. Zusätzlich ist sie als koordinierende Fachkraft für Angebote zur Unterstützung im Alltag tätig. Sie hat einen zweieinhalbjährigen Sohn und engagiert sich als Jugendfeuerwehrwartin. Ihr Mann arbeitet im 24-Stunden-Schichtdienst. "Wenn er da ist, ist er also ganz da und wir teilen uns viel auf. Wenn er Schicht hat, ist er 24 Stunden weg und ich kümmere mich allein um unseren Sohn", erläutert Reichert.
"Mein Arbeitsplatz liegt zwischen meinem Zuhause und der Krippe - alles kann also ganz genau getimed werden." Sie schätzt es sehr, dass ihr Mann viel im Haushalt macht - aber die Planung und die Organisation des Alltags, das Besorgen von Geschenken gehöre zu den Dingen, die in der Care-Arbeit nicht gesehen werden.
Als Sozialarbeiterin fällt ihr auf, dass sich viele junge Mädchen immer noch für sogenannte typische Frauenberufe entscheiden. Geschlechterrollen beeinflussen sie dabei. "Sogenannte typische Frauenberufe, haben häufig geringere Aufstiegs- und Entwicklungsmöglichkeiten. Dies führt dazu, dass Frauen selten in Führungspositionen kommen und im Laufe ihres Lebens ein geringeres Einkommen erzielen." Um dem entgegenzuwirken, benötige es eine bewusste Unterstützung und Vorbilder.
"Junge Mädchen sollen im beruflichen Alltag gezielt gefördert werden. Ihnen soll vermittelt werden, dass sie sich grundsätzlich jeden Beruf zutrauen können", betont die Sozialarbeiterin.
Der 9. März ist für Lisa Richter und Lea Reichert mehr als ein symbolischer Tag - er ist ein Aufruf, Gleichberechtigung im Alltag sichtbar zu machen. Als Mutter, alleinerziehend oder mit Partner, als Frau ohne Kinder, die ihre Stimme hörbar machen will. Am Küchentisch, im Beruf oder auf der Straße: Veränderung beginnt dort, wo Erfahrungen geteilt und ernst genommen werden.