Fortschritt oder unnötige Hürde? Pro & Contra zum neuen Bezahlsystem beim Deichbrand
Das Deichbrand führt erstmals ein vollständig bargeldloses Bezahlsystem ein. Für die einen ist das ein Gewinn an Komfort und Sicherheit, für die anderen eine unnötige Hürde. Zwei Kommentare beleuchten die Vor- und Nachteile des neuen Systems.
Das Deichbrand Festival setzt in diesem Jahr erstmals vollständig auf bargeldloses Bezahlen. Für die einen ist das ein überfälliger Schritt in die Zukunft: schneller, sicherer und komfortabler. Andere vermissen die Einfachheit des bisherigen Systems und fürchten zusätzliche Hürden im Festivalalltag. Zwei Redaktionsmitglieder beziehen klar Stellung - und zeigen, warum das neue Verfahren gleichermaßen Zustimmung wie Skepsis hervorruft.

Mehr Komfort statt Kleingeldsuche: Neues Bezahlsystem beim Deichbrand macht den Festivalalltag einfacher
Ein Kommentar von Bengta Brettschneider
Als langjährige Besucherin von Konzerten und Festivals im In- und Ausland habe ich erlebt, wie unterschiedlich Veranstalter den Zahlungsverkehr organisieren. Gerade bei großen Events mit zehntausenden Gästen zeigt sich schnell, welche Systeme funktionieren und welche an ihre Grenzen stoßen. Vor diesem Hintergrund erscheint der Schritt des Deichbrand Festivals, in diesem Jahr erstmals auf Cashless Payment zu setzen, konsequent und zeitgemäß.
Der größte Vorteil liegt in der Geschwindigkeit. Bezahlvorgänge laufen deutlich zügiger ab, weil kein Bargeld mehr gezählt, gewechselt oder geprüft werden muss. Gerade an stark frequentierten Essens- und Getränkeständen reduziert das die Wartezeiten spürbar und entlastet die Abläufe im gesamten Festivalbetrieb.
Hinzu kommt ein Plus an Sicherheit: Bargeld geht nicht verloren, kann nicht gestohlen werden und muss nicht in großen Mengen über das Gelände transportiert werden. Auch für Besucherinnen und Besucher entsteht mehr Transparenz, da Ausgaben digital nachvollziehbar bleiben.
Auch das Aufladen des Guthabens ist denkbar einfach und sorgt für eine gute Kostenkontrolle. Eine App ist dafür nicht zwingend erforderlich: Über das Cashless-Portal kann das Konto bequem per PayPal, Google Pay oder anderen gängigen Zahlungsmethoden aufgeladen werden. Dank des Fast Top-Up genügt es, den QR-Code auf dem Chip mit dem Smartphone zu scannen und dem Link zu folgen. Innerhalb weniger Sekunden - auch direkt auf dem Festivalgelände - kann so neues Guthaben nachgeladen werden. Ebenso funktionieren Rückerstattungen von Restguthaben bei modernen Cashless-Systemen unkompliziert und zuverlässig: Nicht verbrauchte Beträge lassen sich nach dem Festival mit wenigen Klicks zurückbuchen.
Ein weiterer Vorteil liegt in der besseren Planbarkeit. Durch die digitale Erfassung der Zahlungen erhalten die Veranstalter einen genaueren Überblick über die Nachfrage an einzelnen Ständen. Nachschub kann gezielter organisiert werden, sodass beliebte Speisen und Getränke seltener ausverkauft sind. Davon profitieren letztlich auch die Gäste. Zugleich wird das Festivalerlebnis entspannter: Wer weder Portemonnaie noch Bargeld im Blick behalten muss, kann sich ganz auf Konzerte, Begegnungen und die besondere Atmosphäre konzentrieren.
Cashless Payment ist längst kein Experiment mehr. Große Festivals in Europa wie das Glastonbury Festival und das Roskilde Festival setzen seit Jahren erfolgreich auf bargeldlose Lösungen. Auch hygienisch ist das System ein Vorteil, weil weniger physischer Geldkontakt nötig ist.
Insgesamt schafft Cashless Payment mehr Zeit für das eigentliche Festivalerlebnis: Musik, Begegnungen und Atmosphäre statt Warten am Geldbeutel.

Mehr Aufwand statt mehr Freiheit: Neues Bezahlsystem beim Deichbrand ist Besucher-unfreundlich
Ein Kommentar von Joscha Kuczorra
Früher war das Bezahlen auf dem Deichbrand herrlich unkompliziert. Bargeld auf den Tresen legen oder EC-, Kredit- beziehungsweise Debitkarte ans Lesegerät halten, Getränk nehmen, weiter zur Bühne. Fertig.
Jetzt wird alles "cashless". Bezahlt wird nur noch über den Chip am Festivalbändchen, der vorher per App oder an einer Aufladestation mit Guthaben gefüllt werden muss. Das System ist längst keine Neuheit mehr. Stadien, Arenen und viele Festivals setzen darauf. Die Vorteile liegen auf der Hand: Der Bezahlvorgang geht schnell, Schlangen sollen kürzer werden, Bargeld kann nicht verloren gehen, das Restguthaben lässt sich laut Veranstalter kostenlos zurücküberweisen.
Trotzdem bleibt ein ungutes Gefühl. Denn aus Sicht der Besucher wird ein bislang einfaches System unnötig kompliziert.
Wer sein Handy ohnehin mit allem verbindet, mag die zusätzliche App verschmerzen. Wer das nicht möchte, muss sein Guthaben an einer Station aufladen - und dort möglicherweise erst einmal in der Schlange stehen. Aus einer simplen Zahlung wird ein Zwischenschritt. Warum eigentlich?
Bisher konnte jeder selbst entscheiden, wie viel Geld er mitnehmen wollte. Wer sein Festivalbudget begrenzen wollte, steckte eben 100 Euro ein. Waren sie ausgegeben, war Schluss. Das war transparent, unkompliziert und funktionierte seit Jahren.
Jetzt muss man darauf vertrauen, dass am Ende auch wirklich an die Rückerstattung des Restguthabens gedacht wird. Natürlich ist die Auszahlung laut Deichbrand kostenlos und vorgesehen. Aber Hand aufs Herz: Wie viele werden die paar Euro nach dem Festival tatsächlich zurückfordern? Wie viele vergessen es oder schieben es auf, bis die Frist verstreicht? Jeder Euro, der auf einem Konto liegen bleibt, ist zunächst einmal Geld, das nicht mehr beim Besucher ist.
Natürlich bringt das System auch dem Veranstalter Vorteile. Die Abrechnung wird einfacher, Bargeld muss nicht transportiert werden und Manipulationen an der Kasse werden erschwert. Gelegenheit macht schließlich Diebe. Das sind nachvollziehbare Argumente.
Doch es gibt auch einen möglichen Bumerang-Effekt. Wer erst Guthaben nachladen muss, überlegt sich vielleicht zweimal, ob es wirklich noch das nächste Getränk oder der Mitternachtssnack sein muss. Die Hürde ist zwar klein. Aber sie ist größer als ein kurzer Kartentipp oder ein Griff ins Portemonnaie.
Vielleicht wird das neue System am Ende reibungslos funktionieren. Vielleicht werden die meisten Besucher nach zwei Tagen gar nicht mehr darüber nachdenken. Es bleibt trotzdem der Eindruck, dass eine funktionierende, einfache Lösung durch eine kompliziertere ersetzt wurde.
Die Leber und das Konto werden es dem einen oder anderen Festivalgast womöglich danken. Ob das auch für das Festival selbst gilt, wird sich zeigen.
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