Der Fall in Osten löste eine Welle an Reaktionen und Diskussionen aus. Foto: Patrick Pleul/dpa
Der Fall in Osten löste eine Welle an Reaktionen und Diskussionen aus. Foto: Patrick Pleul/dpa
Roma-Kultur unter Generalverdacht

Igel-Skandal in Osten: Warum Schuld bei Tätern liegt - nicht bei Gruppen (Kommentar)

von Tamina Francke | 20.11.2025

Eine mutmaßliche Igel-Jagd im Kreis Cuxhaven sorgt für Empörung - doch eine zweite Dynamik ist ebenso alarmierend, findet unsere Redakteurin: In Kommentarspalten im Netz werden aus vagen Informationen schnell Zuweisungen an ganze Bevölkerungsgruppen.

Was mich in den vergangenen Tagen besonders bewegt hat, ist weniger der Fall selbst - so schockierend der Gedanke an gezielte Igeljagd auch ist -, sondern die Wucht der Reaktionen darauf. Die emotionale Empörung über den Umgang mit einem streng geschützten Tier ist nachvollziehbar und verständlich. Doch parallel dazu konnte man in den Kommentarbereichen großer Medienhäuser beobachten, wie sich etwas anderes entwickelte: die schnelle Suche nach kulturellen Erklärungen - und schließlich nach Schuldigen.

Es geht nicht darum, irgendetwas zu verharmlosen. Aber es macht einen Unterschied, ob wir historische oder regionale Praktiken beschreiben - oder ob wir aktuelles Handeln konkreter Personen einer ganzen Gruppe zuschreiben. Genau an dieser Stelle verschwimmen im Eifer vieler Online-Debatten die Linien. Aus einzelnen Erwähnungen oder internetbasierten Behauptungen werden in der Hitze der Debatte plötzlich Gewissheiten. Nicht, weil sie belegt sind, sondern weil sie in bekannte Schubladen passen.

Wenn Roma-Gemeinschaften in historischen Quellen erwähnt werden, bedeutet das nicht, dass sie im Jahr 2025 verantwortlich für ein konkretes Vergehen in einem Deichgebiet im Cuxland sind. 

Natürlich müssen wir weiter hartnäckig berichten, wenn Tiere gequält werden oder Naturschutzgesetze verletzt werden. Natürlich müssen wir genau hinschauen, wer wann was getan hat. Aber wir müssen es genauso klar sagen: Verantwortung liegt bei Individuen - nicht bei Bevölkerungsgruppen.

Wie hat Ihnen der Artikel gefallen?

(1 Stern: Nicht gut | 5 Sterne: Sehr gut)

Feedback senden

CNV-Newsletter

Wissen, was im Cuxland los ist: Alle wichtigen Nachrichten aus der Stadt und dem Landkreis Cuxhaven direkt in Ihr Postfach. Hier für den CNV-Newsletter anmelden.


Top Nachrichten



Bild von Tamina Francke
Tamina Francke

Redakteurin
Cuxhavener Nachrichten/Niederelbe-Zeitung

tfrancke@no-spamcuxonline.de

Lesen Sie auch...
Hintergrund

Café Brüning: Wenn manchem die Presse in Otterndorf zu kritisch wird, folgen Lügen

von Frank Lütt

Wegen möglicher Steuerverschwendung von 300.000 Euro in Otterndorf schaltete sich der Bund der Steuerzahler ein. Und nun werden Lügen über ein Mitglied der CNV-Medien-Redaktion verbreitet. Dieser Beitrag widerlegt die Anschuldigungen.

Kommentar nach der Gewalttat

Nach den tödlichen Schüssen in Stade: Der Preis der Sicherheit (Kommentar)

von Bengta Brettschneider

Sechs Fachkräfte wurden in Stade getötet. Nun wird über Schutz und Sicherheit diskutiert. Doch Soziale Arbeit braucht Nähe, Vertrauen und offene Türen. Ein Kommentar darüber, was mehr Sicherheit leisten kann - und welchen Preis sie haben könnte.

"Heimatliebe" und "Patriot"

Sie lieben ihre Heimat nicht: Kommentar zu Straßen-Schmierereien in Ihlienworth

von Egbert Schröder

In einem Schriftzug prangt auf einer Straße in Ihlienworth "Deutschland - Heimatliebe ist kein Verbrechen". NEZ/CN-Redakteur Egbert Schröder hat dazu eine sehr deutliche Meinung in unserer Kommentar-Rubrik.

Pro und Contra

Fortschritt oder unnötige Hürde? Pro & Contra zum neuen Bezahlsystem beim Deichbrand

Das Deichbrand führt erstmals ein vollständig bargeldloses Bezahlsystem ein. Für die einen ist das ein Gewinn an Komfort und Sicherheit, für die anderen eine unnötige Hürde. Zwei Kommentare beleuchten die Vor- und Nachteile des neuen Systems.