Bohrinsel Mittelplate: Exklusive Einblicke & beeindruckende Zahlen der Erdölförderung
Ein Besuch auf der Bohr- und Förderinsel Mittelplate zeigt, wie komplex die Erdölförderung vor der Küste ist und welche Bedeutung die Anlage für Cuxhaven und die deutsche Energieversorgung hat. Einblicke in die Förderinsel - mit Fotos und Video.
Von Cuxhaven aus ist Mittelplate bei klarer Sicht zu sehen. Wer die Bohr- und Förderinsel im Wattenmeer erreichen will, braucht allerdings ein Schiff. Wenige Kilometer vor der Küste ragen Kräne, Leitungen und ein 52 Meter hoher Bohrturm aus dem Wasser. Hier wird seit fast 40 Jahren Erdöl gefördert - mitten im Nationalpark Wattenmeer.

Noch scheint die Sonne, als die "Coastal Liberty" am Montagabend (10. August 2026) den Cuxhavener Hafen verlässt. Um 19.30 Uhr geht es vom Helgoländer Kai an der "Landbasis Mittelplate" bei Entec Industrial Services hinaus Richtung Wattenmeer.

Gegen 21 Uhr läuft das Versorgungsschiff in das plattformeigene Hafenbecken ein. Ein Hubtor kann den Hafen vom Meer abtrennen. Die Besucher steigen aus. Sicherheitseinweisung, Schutzkleidung, Rundgang - jeder Schritt folgt festen Regeln.

Mittelplate ist kein schwimmendes Bohrschiff. Die Anlage steht fest auf der gleichnamigen Sandbank und wurde eigens für den Einsatz im Wattenmeer entwickelt. Ihr Unterbau besteht aus einer flüssigkeitsdichten Stahl- und Betonwanne, die äußeren Spundwände ragen elf Meter hoch aus dem Wasser.

Seit 1987 wird hier Erdöl gefördert. "Mehr als 50 Prozent der deutschen Erdölproduktion werden aus dem Feld Mittelplate gewonnen", sagt Derek Mösche von der Unternehmenskommunikation von Harbour Energy Deutschland.

Ein Blick über die Anlage vom Helikopterdeck
Der erste Eindruck ist gewaltig. Vom Helikopterdeck aus lässt sich die gesamte Anlage überblicken. Am Horizont zeichnen sich Schleswig-Holstein und - in der Dunkelheit - die Lichter von Cuxhaven ab.

Der Besuch hat einen politischen Anlass. Stefan Rouenhoff, seit 2025 Parlamentarischer Staatssekretär bei der Bundesministerin für Wirtschaft und Energie, will sich vor Ort ein Bild von der Förderung und den Arbeitsbedingungen machen.

"Der Besuch auf der Bohr- und Förderinsel Mittelplate war sehr eindrücklich", wird Rouenhoff später sagen. Hier werde unter Sicherheits- und Umweltstandards gearbeitet, "die weltweite Spitze sind". Gleichzeitig zeige die aktuelle Situation im Nahen Osten, wie wichtig mehr Unabhängigkeit und Diversifizierung bei der Erdölversorgung Deutschlands seien.

Das Ziel bleibe die Dekarbonisierung, betont der Staatssekretär. "Gleichzeitig gilt es, Realitäten anzuerkennen: Auf absehbare Zeit kann auf fossile Energieträger nicht verzichtet werden." Die Förderung auf Mittelplate bleibe deshalb für die Wirtschaft im Nordwesten Deutschlands von zentraler Bedeutung.
Täglich bis zu 15.000 Barrel Erdöl gefördert
Nach dem Rundgang geht es in Richtung Bohrturm. Vorbei am Wohnquartier, in dem bis zu 96 Menschen untergebracht werden können, führt der Weg ins Herz der Anlage.

Hier zeigt sich, was Mittelplate technisch besonders macht: Die Bohrungen gehen nicht einfach senkrecht nach unten. Sie führen von der Insel aus in unterschiedlichen Richtungen in den Untergrund - "spinnenbeinartig", heißt es.
Unter dem Wattenmeer liegen vier Lagerstätten in unterschiedlichen Tiefen. Die Bohrungen gehören zu den am weitesten abgelenkten der Welt und können bis zu 9,2 Kilometer lang sein. Die besonders lange Bohrung führt von der Landstation "Dieksand" in Friedrichskoog bis in die Lagerstätte. Insgesamt gibt es 22 Bohrungen von der Förderinsel und sieben von Land aus.

Täglich können auf Mittelplate bis zu 15.000 Barrel Erdöl (ein Barrel sind 159 Liter) gefördert werden, im Jahr rund eine Million Tonnen. Doch Erdöl landet längst nicht nur im Tank eines Autos.
"In erster Linie denkt man bei der Nutzung von Erdöl an Benzin, Diesel, Heizöl oder Flugzeugkraftstoff. Aber Öl ist viel mehr als ein Brennstoff", erklärt Derek Mösche. Erdöl stecke in zahlreichen Produkten des täglichen Lebens. Aus ihm würden unter anderem Petrochemikalien gewonnen, die wiederum wichtige Ausgangsstoffe für zahlreiche Industrieprodukte seien.

Ein einziger Bohrtag kostet bis zu 160.000 Euro
Die Bedeutung der Plattform endet nicht auf der Sandbank. Am Helgoländer Kai befindet sich die Landbasis für den Personen- und Güterverkehr zur Insel. Das Versorgungsschiff "Coastal Liberty", mit dem die Besucher zur Insel gekommen sind, wurde von dem Cuxhavener Unternehmer und Geschäftsführer der Offshore-Servicegesellschaft Jochen Kaufholt und seinen Partnern mit einem Wasserstoff-Hybrid-Antrieb ausgerüstet.
Auch hinter den Kulissen ist die Verbindung nach Cuxhaven eng. Bei Bohrungen wird sogenannte Bohrspülung verwendet. Die Flüssigkeit wird durch das Bohrloch gepumpt, kühlt das Bohrwerkzeug und erfüllt weitere technische Aufgaben. In Cuxhaven wird das Bohrspülmittel vom Bohrschlamm getrennt und kann anschließend erneut auf der Plattform eingesetzt werden. Das Gestein wird aufbereitet und unter anderem im Straßenbau verwendet.

Die Dimensionen zeigen sich auch bei den Kosten: Ein einziger Bohrtag kann bis zu 160.000 Euro kosten, für die jährlichen Instandhaltungsmaßnahmen der Bohrinsel fallen nach Unternehmensangaben rund 50 Millionen Euro an.
Rund 150 Menschen arbeiten auf der Bohrinsel und an der Landstation. Insgesamt hängen nach Angaben des Unternehmens etwa 2000 Arbeitsplätze an der Ölgewinnung.

Der Einfluss der Förderinsel auf das Wattenmeer
Die Erdölförderung im Nationalpark Wattenmeer ist nicht unumstritten. Harbour Energy verweist darauf, dass die Förderung seit Beginn im Einklang mit dem Umweltschutz und unter Einhaltung der geltenden Vorgaben erfolge. Sogar Regenwasser wird aufgefangen, gesammelt und an das Festland gebracht.
Bei der Erdölförderung auf Mittelplate entstehen laut Angaben des Bundesverbandes BVEG und des Betreibers etwa 0,26 bis 0,4 Kilogramm CO2 pro Barrel. Möglich ist das, weil die Stromversorgung der Bohr- und Förderinsel auf 100 Prozent zertifizierten Strom aus erneuerbaren Energien umgestellt wurde. Zum Vergleich: In Europa liegt der Durchschnitt bei rund 17 Kilogramm CO2-Äquivalent pro Barrel.

Um mögliche Auswirkungen auf die Natur zu untersuchen, wurden bereits Anfang der 2000er-Jahre umfangreiche Umweltuntersuchungen durchgeführt. Forschungsinstitute und Ingenieurbüros analysierten teilweise über viele Jahre hinweg, welchen Einfluss die Bohr- und Förderinsel auf das Wattenmeer hat. Nach Angaben des Unternehmens gab es bislang keine Zwischenfälle.
Gegen 22.45 Uhr endet der Besuch auf Mittelplate. Die Rückfahrt erfolgt mit der "Sara Maatje IV". Während die Insel langsam hinter dem Schiff verschwindet, bleibt vor allem eines hängen: Mittelplate ist weit mehr als ein Bohrturm mitten im Meer. Die Anlage verbindet Energieversorgung, hochkomplexe Technik und eine Wertschöpfungskette, die auch bis nach Cuxhaven reicht.
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