DJs im Kreis Cuxhaven in der Corona-Krise: Veranstaltungen weggebrochen
KREIS CUXHAVEN. Die DJs hat die Corona-Krise hart getroffen. Ihnen sind die Veranstaltungen weggebrochen. Damit geht ihnen die Lebensgrundlage verloren. Auch Eventmanagement und Veranstaltungstechnik leiden unter den Beschränkungen.
"DJ Chrizzy Dee": Das Jahr ist gelaufen
"DJ Chrizzy Dee" alias Christian de Vries (31) wohnt in Bremerhaven und ist seit 2005 als DJ nebenberuflich im Einsatz. Er war neun Jahre Resident im Bereich Club (Discothek) ist seit mehreren Jahren als mobiler DJ in ganz Norddeutschland auf Hochzeiten, Großveranstaltungen und Abi-Bälle spezialisiert. Seit 2015 ist "DJ Chrizzy Dee" auch als offizieller Energy Bremen Resident Tour DJ im Einsatz und darüber hinaus der offizielle Stadion-DJ der "Fischtown Pinguins" bei den Heimspielen. Hinzu kommen jährlich rund 30 bis 40 Einsätze auf privaten Feiern.
Seine letzte Veranstaltung vor dem Lockdown war die Bremerhavener Ü 30-Party am 14. März in "Storms Söben", die bereits unter Einhaltung eines Hygienekonzepts durchgeführt wurde. Die staatlichen Hilfen beschränkten sich für Christian de Vries nur auf die Kosten wie Lager oder laufende Gewerbeversicherungen. Verdienstausfälle oder Kosten für die Technik waren bei den staatlichen Hilfen außen vor. Da Christian de Vries sein Gewerbe neben seinem Hauptberuf im Rettungsdienst ausübt, kann er sich glücklich schätzen, dass es ihn nicht so existenzgefährdend wie seine DJ-Kollegen trifft, die als Soloselbstständige unterwegs sind. Dennoch traf mich der Lockdown mit seiner vollen Härte, denn sämtliche Buchungen für dieses Jahr wurden storniert oder ins Jahr 2021 gelegt.
Das Problem bei der Verlegung ist, dass bereits gebuchte Termine nicht doppelt vergeben werden können, dementsprechend hat man im Umkehrschluss wieder Aufträge und somit Einnahmen verloren. Aufgrund dessen und mit Blick auf den aus Sicht der Branche unzureichenden Rückhalt seitens der Politik gab es Proteste aller in der Eventbranche Tätigen. Die "Night of Light" am 22. Juni ragte heraus. Bundesweit ließen 8000 Veranstaltungsunternehmen sämtliche Wahrzeichen eine Nacht lang rot beleuchten. Christian de Vries fuhr an diesem Abend verschiedene Orte an, um sich mit Kollegen auszutauschen. In Bremerhaven wurde die "Alte Bürger" durch rote Straßenlaternen illuminiert. Aktuell gibt es wöchentlich immer mittwochs um 11.55 Uhr - "fünf vor Zwölf" - unter dem Motto "EVENTuell nie wieder" Kundgebungen und Demonstrationen, unter anderem vor der Bürgerschaft in Bremen. Man erhofft sich davon, sich Gehör bei der Politik zu verschaffen. Vor der Bühne gibt es eine Tafel mit roten Tischen, an denen geladene Politiker Platz nehmen können. Doch die Plätze bleiben immer leer.
Einige DJ-Kollegen statten Gartenpartys mit Strahlern aus oder begleiten sie für einen Bruchteil der Gage auch musikalisch, um ein paar Einnahmen zu generieren. Christian de Vries tauscht sich mittlerweile wöchentlich mit DJ-Kollegen über Skype-Videokonferenzen aus, um die schwere Zeit gemeinsam zu überstehen.
Mittlerweile gibt es wieder Buchungen, sie sind alle für das nächste Jahr. 2021 wird es eine Unmenge privater Veranstaltungen geben, da viele ihre Feste auf 2021 oder 2022 verschieben. Gerade bei begehrten Terminen für Hochzeiten wird es eng. Die eine oder andere Buchung gab es für "DJ Chrizzy Dee" schon seit Juni. Sie beschränken sich auf Hintergrundmusik in Beachbars oder auf online-gestreamte Kneipenpartys. Bei jeder dieser Buchungen ist die Gage für die DJs meistens weit von ihren normalen Konditionen entfernt.
DJ Sascha Kunkel: Eigene Hochzeit auf 2021 verschoben
DJ Sascha Kunkel (37) aus Cuxhaven ist seit seiner Jugendzeit nebenberuflich als DJ unterwegs und gestaltet im Wesentlichen Hochzeiten, Jubiläen und Geburtstage. Im Schnitt kommt er auf 45 Auftritte pro Jahr. Der Lockdown traf ihn zum Ende der "Grünkohl-Saison". "Auf den letzten Grünkohlpartys konnten wir noch ausgelassen feiern, obwohl dort schon zum Ende Februar die ersten Corona-Fälle in Niedersachsen bekannt wurden." Damals rechnete er noch nicht mit solch drastischen Auswirkungen der Pandemie auf die Veranstaltungsbranche. Nur einen Tag vor der vorübergehenden Schließung aller Gaststätten und dem Kontaktverbot ab Mitte März hatte er einen Auftritt bei einer Hochzeit. Danach kam nichts mehr.
"Die Corona-Soforthilfen haben auch mir geholfen, die anfallenden Fixkosten meines Nebengewerbes zu decken. Auch wenn man als DJ keine Ladenmieten oder Personalkosten hat, fallen trotzdem laufende monatliche Kosten an." Kunkel geht hauptberuflich seinem Vollzeitjob nach. Das ist für ihn ein großer Vorteil. Gleichwohl vermisst er das Auflegen an den Wochenenden so sehr, dass seine Nachbarschaft im Sommer öfter von ihm beschallt wurde. Die meisten freuten sich, tranken dazu im Garten ein kühles Bier und tanzten zur Musik. Die Krise hat ihn kreativ werden lassen.
"Die Veranstalter sind sehr unsicher, was zukünftige Buchung angeht", sagt Kunkel, der dafür Verständnis hat. Unter Corona-Bedingungen lässt es sich eben nicht unbeschwert feiern. Die niedersächsische Verordnung gewährt zudem nur eine Gästeanzahl von maximal 50 Personen. aber die meisten Feiern finden mit weitaus mehr Gästen statt. Kunkel stellt sich für die nächste Zeit auf kurzfristige Anfragen ein. Langfristig planen könne derzeit niemand. Dennoch ist sein Buchungskalender für 2021 durch verschobene Feiern schon sehr voll. Aus Sicht Sascha Kunkels durchleben die DJs eine schwere Zeit, die für hauptberuflich Tätige existenzbedrohlich ist. Kunkel ist dennoch zuversichtlich, dass irgendwann wieder tolle Partys gefeiert werden. Kunkel ist selbst betroffen. Seine eigene Hochzeitsfeier musste er ebenfalls ins nächste Jahr verschieben.
DJ Jürgen Brüns: Zurück ins Angestelltenverhältnis
Noch schwerer als die nebenberuflichen trifft es die hauptberuflichen DJs, die damit ihren Lebensunterhalt bestreiten: DJ Jürgen Brüns aus Basdahl ist seit rund 25 Jahren im Einsatz, davon 21 Jahre als Selbstständiger. Vor Corona absolvierte er rund 100 Auftritte pro Jahr auf Hochzeiten, Firmenfeiern, Geburtstagen, Motto-Partys, Schützenfesten und in Diskotheken. Er hat staatliche Hilfen in Anspruch genommen, aber sie sind nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Brüns ist in ein Angestelltenverhältnis zurückgekehrt, um Familie und Firma über Wasser zu halten. Die Firma, für die Brüns derzeit tätig ist, schließt ihre Pforten jedoch am 31. Dezember. Danach wird es für ihn richtig ernst.
Nach Brüns‘ Einschätzung wird die Coronakrise noch lange anhalten und sich das Feierverhalten nach der Krise stark verändern. Brüns hofft, dass dann noch intensiver aber auch bewusster gefeiert wird. Von der Politik wünscht sich Brüns mehr Mut zu Lockerungen. Und er wünscht allen Kollegen der Musik und Veranstaltungsbranche, dass sie diese Zeit gesundheitlich und finanziell gut überstehen.
Michael Ketelhohn: Branche ist viel zu leise
Michael Ketelhohn (37) arbeitet seit zehn Jahren bei Novasound Veranstaltungstechnik als Projektleiter und Kundenberater. Das Unternehmen organisiert Privatfeiern, Stadtfeste und große Festivals. In den vergangenen Jahren kam noch Messebau hinzu. Mit der "Schweine-Disco" in Lamstedt am 7. März endete die Arbeit abrupt. Für Michael Ketelhohn war es, als hätte jemand einen Stock zwischen die Fahrradspeichen geworfen. In den folgenden zwei Wochen wurden alle Buchungen für dieses Jahr abgesagt. Ketelhohn: "An manchen Tagen lag der Kopf schon mal auf dem Schreibtisch." Bis Anfang April erledigte das Mitarbeiterteam noch ein paar Arbeiten im Lager, doch dann wurde es demotivierend, Material zu überprüfen, ohne zu wissen, ob es in diesem Jahr überhaupt noch weitergeht. Alle drei Mitarbeiter und ein Auszubildender befinden sich in Kurzarbeit. Der erste Auftrag während der Corona-Phase war die Auto-Disco bei Janssen‘s Tanzpalast in Lüdingworth. Sie konnte wegen Problemen mit den behördlichen Auflagen und aufgrund von Fehlverhalten einiger Besucher nicht fortgesetzt werden. Mit "Deichbrand at Home" kam dann der nächste Job. Seit Anfang August betreut Novasound den Lichtspielgarten in Stade mit Ton, Licht und Bühne. Die Veranstaltungsreihe endete mit dem Auftritt von Thees Uhlmann.
Staatliche Hilfen hat das Unternehmen in Anspruch genommen, die Einnahmen waren zunächst komplett weggebrochen. Auch die Hausbank hielt zu Novasound. Ketelhohn: "Nachdem es unseren befreundeten DJs nach einem Monat ohne Jobs in den Fingern kribbelte, hat Novasound einen Online-Stream organisiert." "Wir feiern Zuhause" startete zu Ostern. Danach wurde jeden Freitag und Sonnabend gestreamt. Bis zu 200 Zuschauer pro Abend zählt das Format. Mitte September geht es nach der Sommerpause am Freitag weiter.
An der "Night of Lights" war Novasound auch beteiligt. Es wurden dazu einige Kunden mit ins Boot geholt und der Kornspeicher in Freiburg, die Kulturdiele in Hemmoor, das Rathaus in Bremervörde und die Villa von Issendorf in Himmelpforten in Rottönen beleuchtet.
Das Unternehmen war vor der Krise gesund. Dadurch, dass es in den vergangenen Monaten keinen Totalausfall an Aufträgen gegeben hat, konnte der Ausnahmezustand vermieden werden. Zuletzt stellte Novasound die Veranstaltungstechnik auf dem "Kulturstrand in Otterndorf".
Wie es weitergehen wird, steht noch in den Sternen. Alle Großveranstaltungen sind noch bis zum 31. Dezember untersagt. Bei Novasound rechnet man nicht damit, dass Weihnachtsmärkte stattfinden werden. Michael Ketelhohn findet, dass die Veranstaltungsbranche künftig stärker für ihre Interessen eintreten müsse. Im Vergleich zu anderen Branchen seien die Veranstalter eher zu leise unterwegs gewesen.
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