Leben im Wolfsgebiet

Familie im Cuxland schützt sich vor dem Wolf

30.11.2016

BÖRDE LAMSTEDT.  Fünfköpfige Familie richtet sich auf ihrem abgelegenen Hof in der Börde Lamstedt auf ein Leben mit dem Wolfsrudel ein. Von Carmen Monsees

Die fünfköpfige Familie Hollmann aus Bayern wohnt jetzt im Herzen der Natur, in der Börde Lamstedt in völliger Abgeschiedenheit. Nachts bekamen die Hobby-Biobauern Besuch vom Wolfsrudel. Bei dem Versuch, ihre Tiere draußen zu schützen, erlebten die Hollmanns in jener Nacht hautnah, wie ein Wolfsrudel arbeitet. Einen Angriff starteten die Raubtiere nicht. Die Familie zäunt ihr Grundstück jetzt wolfsabweisend ein.

Aufregende Anblicke von Wildtieren erleben, davon träumt jeder echte Naturfreund – aber mit dem Wolf zu leben, kann Probleme aufwerfen. Die Niederelbe Zeitung wird sich bei der Familie Hollmann über einen längeren Zeitraum stunden- und tageweise einquartieren. Wir möchten erfahren, wie es sich anfühlt, im Wolfsgebiet zu leben.

„Der Wolf ist immer noch ein Raubtier“, sagen die Hofbesitzer Tuna und Caroline Hollmann. Die Hobby-Biobauern mit ihren drei Kindern sorgen sich um ihre Wollschweine und exotischen Zebu-Rinder. Demnächst möchte sich die natur- und tierliebende Familie Karakul-Schafe zulegen.

„Als wir im vergangenen Sommer aus Bayern in die Börde Lamstedt gezogen sind, wussten wir nicht, dass wir quasi direkt in das Wohnzimmer des Wolfes ziehen“, erzählt Caroline Hollmann. Richtig bewusst sei es ihnen geworden, als sie eines nachts um zwei Uhr durch lautes Geheul geweckt wurden und das Rudel an ihrem Hof stand. Caroline und Tuna vermuteten im Nachhinein, das Rudel habe die Wölfin, die tot aufgefunden wurde, gerufen (unsere Zeitung berichtete).

Furchtlose Esel

Als sie in jener Nacht hinausgegangen seien – mit der Mistforke in der Hand – hätten sie versucht, die Tiere zu verjagen. „Wir sahen nur Schatten, hinter uns, vor uns. Sie liefen nicht weg.“ Das Rudel habe nicht angegriffen. Doch es ließe sich auch nicht so leicht vertreiben, beschreiben beide. „Der Sachverhalt, warum sich das Rudel in diesem, bisher einmaligen Fall so verhalten hat, wird derzeit untersucht.“ Das Wolfsbüro sei informiert, erklärt Peter Posch von der Initiative WikiWolves.

„In die Hände klatschen, wenn sie einem Wolf begegnen, das raten die Wolfsberater“, sagt Tuna. Das es so funktionieren könne, wenn das Rudel auftauche, daran wollen die Hollmanns nicht mehr so recht glauben. Ihre nächtliche Erfahrung habe sie eines Besseren belehrt. Caroline Hollmann ist sich ganz sicher, dass es letztendlich die beiden Esel gewesen seien, die es schafften, das Rudel zu vertreiben. Die Esel „Maxi“ und „Sissi“ hätten ganz Furcht einflößend geschrien und mit den Hufen gestampft. Die Hollmanns lieben ihr Leben in der Natur, mit allem was dazu gehört. „Ich habe auch schon eine Zeit lang in Kanada in der Einöde gelebt“, erzählt Caroline.

„Natürlich wäre das Leben hier in der Abgeschiedenheit des Moores ohne den Wolf einfacher. Aber es gibt ihn nun einmal hier“, sagen die Hobby-Biobauern und wissen, dass jetzt zügiges Handeln zum Eigenschutz gefragt ist. Aus Sorge um ihre exotischen Nutztierrassen zäunen sie das vier Hektar große Grundstück wolfsabweisend ein. Und weil das alleine nicht schnell genug zu schaffen sei, habe sich Tuna an die Cuxland-Gruppe der Initiative WikiWolves gewandt.

Freiwillige im Herdenschutz

In freiwilligen Einsätzen unterstützen jetzt vier bis sechs Männer der Initiative WikiWolves die Familie beim Zaunbau. „Wir leisten die praktische Hilfe im Herdenschutz“, sagt Silas Neuman von WikiWolves. „Ziel ist zudem, langfristig zu einem konfliktarmen Nebeneinander mit Wölfen beizutragen“, fügt Peter Posch (WikiWolves) hinzu.

„Zaunbau ist die eine Sache“, sagt Tuna. Zusätzlich habe sich die Familie zwei Esel angeschafft. Geplant sei ebenfalls, sich ein Rudel Kangals heranzuzüchten. Das seien furchtlose Hirtenhunde, die bis zu 80 Kilogramm wögen. „Gegen die Kangals hat der Wolf keine Chance“, ist Tuna überzeugt. Doch mit alledem kämen zusätzliche Kosten auf die Familie zu. „Wir haben sofort die Förderung beantragt“, erklärt Tuna. Die Familie will nicht klagen, sondern setzt alles daran, sich zu schützen. „Wir werden auf keinen Fall abwarten und die Sache aussitzen“, meinen beide. Aber was ihrer Ansicht nach noch viel wichtiger sei, „das Wolfsmanagement muss sich intensiver mit den Betroffenen beschäftigen.“ Noch geschehe zu viel in der Theorie und zu wenig in der Praxis.

Grauer Jäger nebenan

Vom Wolfsbüro könne ihnen niemand sagen, wie viele Wölfe es hier genau gäbe. Tuna und Caroline wüssten auch gerne, wie viele graue Jäger, dieser geschützten Wildtierart sich nach Ansicht desWolfsmanagements hier ansiedeln sollten. „Was wir hier mehrfach zu sehen bekommen sind schon etwas andere Kaliber, als Gehege-Wölfe“, sagt Tuna.

Caroline erzählt, sie habe die vier Wolfswelpen wiederholt im Umfeld des Grundstückes gesehen. „Natürlich ist das faszinierend, diese schönen Tiere zu betrachten“, merkt sie an. „Die Wolfskinder waren schon sehr präsent. Man konnte sie fast aufwachsen sehen.“ Diese hoch intelligenten Wildtiere brauchten keine dünn besiedelte Wildnis, um zu existieren. Sie fügt an, der Wolf sei als Kulturfolger in der Lage, in unmittelbarer Nähe der Menschen zu leben. Aber gerade das führe ihrer Meinung nach zu unüberwindbaren Problemen, wenn das Wolfsmanagement nicht aktiv Strukturen und Rahmenbedingungen schaffe. Der Wolf bekommt ein neues Image, dadurch, dass er jetzt in seinem Lebensraum erforscht werden kann.

Isegrims neues Gesicht

Den Männern der Initiative WikiWolves ist Aufklärung und Information der Bevölkerung wichtig. Wie viele Menschen erst einmal erfreut über die Rückkehr der Wölfe, sehen die Leute von WikiWolves auch die Nöte vieler Nutztierhalter. „Deshalb packen wir mit an und unterstützen Tierhalter mit unseren Hilfsaktionen.“ In ihrer Freizeit zeichneten sie Bewegungsmuster der Wölfe auf Kartenmaterial, liefen Gebiete tageweise ab und dokumentierten.

„Bei den Hollmanns auf dem Hof haben wir mehrere Kameras installiert und betreiben dort intensives Monitoring“, so Posch. „Wir hoffen auf wertvolle Erkenntnisse im Herdenschutz.“ Selbst einen gestandenen Mann wie Tuna lässt der Einfluss des Wolfes nicht kalt, wie er sagt. „Der sachliche Austausch aller – ob Freund des Wolfes, Wolfsbetroffene, Interessierte oder Gegner – muss gefördert werden.“

So geht es weiter

In einer der nächsten Ausgaben stellen wir die exotischen Nutztierrassen auf dem Hof der Familie Hollmann vor.

Was sagen die Kinder über ihr Leben im Wolfsrevier?

Wie sehen die Freiwilligeneinsätze der Initiative WikiWolves aus? Wir begleiten die Gruppe beim Zaunbau und Spuren lesen, dem so genannten Monitoring.

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