Mehrere tote Robben vor Cuxhaven: Ungewöhnlich oder natürlich?
CUXHAVEN. Mehrere verendete Tiere wurden in den vergangenen Tagen vor Cuxhaven und Altenbruch angespült. Was hat es damit auf sich?
Ohne Kopf, mit heraushängender Wirbelsäule oder heruntergezogenem Fell: Nach dem großen Fischsterben an der Nordseeküste, sind in den vergangenen Tagen auch immer wieder Bilder toter Robben im Watt aufgetaucht - teilweise stark verstümmelt. Unserer Redaktion liegen Fotos von fünf verendeten Tieren aus den vergangenen Tagen vor. Die Funde häufen sich im Watt vor Döse oder Altenbruch. Vor allem in den sozialen Medien wird diskutiert, was es mit den toten Tieren auf sich hat. Sind dieses Jahr wirklich mehr Todesfälle von Robben zu verzeichnen als in der Vergangenheit?
Kadaver schon verwest
Bereits am Wochenende berichtete unsere Zeitung über das Foto der Cuxhavenerin Gabriele Grubel, die eine kopflose Robbe im Watt gefunden hatte. Größtenteils wurden die Kadaver verwest aufgefunden, vielen fehlte zudem der Kopf. "Das ist zunächst nichts Ungewöhnliches", erklärt Dr. Peter Lienau von der Seehundstation Norddeich, "viele der Robben sind schon mehrere Wochen tot und dementsprechend verwest. Oft fehlen dann auch Körperteile wie der Kopf, da sie von anderen Meerestieren oder durch die Verwesung zersetzt werden."
Laut Tanja Schlampp von der Initiative Wattenmeer-Schutz Cuxhaven sei es durchaus möglich, dass einige der Robben auch durch vermehrte Baggerarbeiten der Elbvertiefung verletzt wurden. "Die Ursache ist sicherlich beim Eingriff des Menschen zu suchen", sagt sie, auch wenn dieser Umstand nicht nachgewiesen werden könne.
WSA um Naturerhaltung bemüht
Was sagt das Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt (WSA) in Cuxhaven zum Vorwurf, die toten Robben könnten in Verbindung mit der Elbvertiefung stehen? Sachbereichsleiter Thomas Richter versichert: "Im Falle derartiger Erkenntnisse sind wir durchaus um eine Verbesserung im Sinne der Naturerhaltung bemüht." Sollte die Elbvertiefung für die toten Robben verantwortlich sein, sei gerade das WSA an einer Aufklärung interessiert. Gegenwärtig gebe es beim WSA allerdings keine Nachweise für eine Verbindung beider Vorgänge.
Auch das Niedersächsische Landesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (LAVES) und Peter Lienau von der Seehundstation sind einer Meinung, dass sich kein Zusammenhang feststellen lässt und wollen sich nicht zu Spekulationen äußern. Hiltrud Schrandt vom LAVES Oldenburg erklärt, dass es äußerst unwahrscheinlich sei, dass die gefundenen Robben eines unnatürlichen Todes gestorben seien. "Die Überreste zweier Robben werden derzeit noch im Labor untersucht. Selbst wenn die Todesursache mit der Elbvertiefung zusammenhängt, wird man dies durch die extreme Verwesung kaum noch feststellen können."
Test auf mögliche Erkrankungen
Ein genaueres Ergebnis werde Ende dieser Woche erwartet. Getestet werde in der Untersuchung eigentlich nicht nach einem Indiz für einen Unfalltod, sondern eher nach möglichen Erkrankungen des Tieres. Das sei eine ganz normale Maßnahme.
Generell seien die Seehundfunde ganz natürlich, erklärt Peter Lienau. "Während der Geburtenphase der Seehunde (Mai und Juni, Anm. d. Red.) ist prinzipiell mit erhöhten Totfundraten zu rechnen", so der Diplom-Forstwirt, die aktuellen Zahlen der Totfunde seien sogar eher unterdurchschnittlich. "Diese Zahlen sind relativ variabel, da sie von Windrichtung und -stärke, Gezeiten und Hydrodynamik des Wattenmeeres abhängig sind." Bis jetzt sei nichts Auffälliges zu beobachten.
Keine vermehrten Meldungen beim Veterinäramt
Auch Dr. Cornelia Cassel vom Veterinäramt im Landkreis Cuxhaven kann nicht von vermehrten Meldungen toter Robben berichten. Dies falle ohnehin nicht primär in den Zuständigkeitsbereich des Veterinäramtes. Lediglich bei der Überführung der beiden Robbenkadaver an LAVES seien sie und ihre Kollegen im Rahmen der Amtshilfe beteiligt gewesen.
Weshalb derzeit verhältnismäßig viele Fotos von toten Robben vor Cuxhaven im Internet kursieren, bleibt weiterhin offen. Möglich ist auch, dass die mediale Berichterstattung die Leser zum Veröffentlichen ihrer gesammelten Bilder animiert. Zumindest statistisch gesehen gibt es laut den befragten Experten keine Unterschiede zu den Vorjahren.
Von Arabella Scheube