Gedenkstätte:

Namen der Opferin Stein gemeißelt

20.04.2015

SAHLENBURG. Die Wunden sind nicht zu sehen. Aber sie sind zu spüren. Jeder Schritt, jede Handbewegung, jedes Wort zerrt schmerzend an der Seele. Petronella Rösch (87) aus Cuxhaven und Karl-Heinz Pester (80) aus dem thüringischen Altendorf besitzen an diesem Tag die Kraft, trotz persönlicher emotionaler Erinnerungen an ihre ermordeten Väter Fassung zu bewahren.

Als Hinterbliebene enthüllten sie am 18. April in Sahlenburg auf dem Gelände des früheren Schießstandes die Gedenkstätte, die an ihre auf Helgoland verhafteten Väter Georg Braun und Kurt Pester sowie Karl Fnouka, Erich Friedrichs und Karl Wachtel namentlich erinnert – in unmittelbarer Nachbarschaft zu der Stelle, wo das Leben dieser fünf mutigen Männer vor 70 Jahren durch Hinrichtung ausgelöscht wurde. Sie wollten endlich den Frieden und Helgoland wenige Tage vor Kriegsende kampflos den Engländern übergeben – stattdessen wurden sie verraten, deportiert und am 21. April in Sahlenburg erschossen. Sie bleiben jetzt auch in Cuxhaven unvergessen.

Mahnmal für den Frieden:

Ihre Namen sind in Stein gemeißelt, ihre Fotos waren anlässlich der Gedenkstunde aufgestellt – für alle ein deutliches Zeichen für Frieden und Freiheit sowie Mahnung vor den unfassbaren Gräueltaten des nationalsozialistischen Terrorregimes. Eine würdevolle Zeremonie: Gemeinsam mit Manfred Mittelstedt, Vorsitzender des Vereins für Gedenkkultur „Narben bleiben, die Erinnerung lebt weiter“, Oberbürgermeister Dr. Ulrich Getsch und Ortsbürgermeister Herbert Kihm nahmen die Hinterbliebenen die Enthüllung des Gedenksteins vor. Als Vertreter der Insel war Rufolf Mensendiek, Vorsitzender des Museumsverein Helgoland zugegen.

Manfred Mittelstedt, treibende Kraft der Gedenkstätte, die er als Mahnung für den Frieden und als Aufruf zu Toleranz, Humanität und Menschlichkeit versteht, erinnerte an die Schicksale der fünf dort Ermordeten und weiteren Opfern des Nationalsozialismus. Er unterstrich: „Ein solches schreckliches Geschehen darf sich nie mehr wiederholen.“

Oberbürgermeister Dr. Ulrich Getsch verdeutlichte, mit diesem Gedenkstein werde 70 Jahre danach den fünf Ermordeten Namen und Gesicht gegeben. Durch das Wissen um Einzelschicksale könne eine Näherung an das Unfassbare geschehen, das hervorgebracht worden sei durch dieses System voller Hass, selbst noch in den letzten Tagen des Krieges. Das Erinnern an den Krieg und die Opfer wende sich nicht nur an den Vergangenheit, sondern die Gegenwart und Zukunft. Ein Wort aus dem Johannes-Evangelium wählte Ortsbürgermeister Herbert Kihm, um an die Männer zu erinnern: „Die größte Liebe haben die, die ihr Leben hingeben für Andere.“ Es sei eine Mahnung und Verpflichtung zu den höchsten Gütern „Frieden in Freiheit mit allen Kräften zu verfolgen.“

Für Petronella Rösch, geborene Braun war es ein beklemmender Anlass. „Mir zittern schon den ganzen Tag die Knie“, verriet sie leise in einem kurzen Gespräch.

Sie ist Zeitzeugin des ganzen Schreckens, der mit dem Datum verbunden ist. 17 Jahre war sie damals jung und kaufmännischer Lehrling im Dachdeckerbetrieb ihres Vater. Am 18. April 1945 auf Helgoland frühmorgens um 5 Uhr stand die SS vor der Haustür. Sie wurde mit ihren Eltern Julia und Georg Braun verhaftet. Ihre 16-jährige Schwester Marianne durfte bei dem neun Jahre alten Bruder Erich bleiben. Anders als ihre Eltern kam die junge Frau frei. Sie erlebte die Bombardements im Bunker Helgolands und landete mit ihren Geschwistern nach der Evakuierung bei Bekannten in Cuxhaven. Ihr Vater wurde am 21. April zusammen mit den anderen verhafteten Widerständlern in Sahlenburg erschossen. Die Mutter – wegen Mitwisserschaft zu drei Jahren Haft verurteilt – saß sieben Wochen im Cuxhavenwe Zuchthaus, bevor sie endlich ihre drei Kinder in die Arme schließen durfte.

Bis Spätsommer 1945 waren der damals zehnjährige Heinz Pester und seine Mutter ahnungslos über das Schicksal. Zuletzt Weihnachten 1944 hatte Kurt Pester Heimatbesuch. Noch am 18. April 1945 – Altenburg war kurz zuvor von den Engländern bereits befreit worden – erreichte die Familie in Thüringen aber ein Brief aus Helgoland. So war man war voll Zuversicht, dass Papa demnächst heimkommen werde. Doch blieb es das letzte Lebenszeichen. Eine Ironie des Schicksals, der Brief traf genau an dem Tag ein, als durch Verrat die Gruppe von Zivilisten und Soldaten verhaftet wurde. Heute fühlt sich der frühere DDR-Bürger Heinz Pester mit Helgoland und Cuxhaven durch das Schicksal seines Vaters verbunden. Erst nach 1990 war es ihm möglich, das Grab des Vaters auf der Gedenkstätte in Brockeswalde zu besuchen, seine Mutter durfte diesen stillen Ort des Abschied nicht mehr erleben. Wie bereits bei der Stolpersteinverlegung 2010 auf Helgoland war Heinz Pester in Sahlenburg voller Dankbarkeit über die Erinnerungskultur und mahnte, dass nie wieder solche Verbrechen von Faschisten geschehen dürfen „und sich alle einsetzen, damit Neonazis und andere Kräfte niemals ihre gegen Demokratie und Humanität gerichteten Taten vollziehen können“.

In einem ruhigen Moment wurde Heinz Pester an diesem Tag doch von den schmerzhaften Erinnerungen emotional überwältigt. Als ihn Manfred Mittelstedt direkt an die Hinrichtungsstätte der Schießbahn führte, flossen die Tränen der Trauer um den dort vor 70 Jahren verlorenen Vater. Seelenpein verjährt nicht.

Prominenter Zeitzeuge:

Prominenter Zeitzeuge der düsteren Ereignisse auf Helgoland war General a.D. Wolfgang Altenburg (Jahrgang 1928), früherer Generalinspekteur der Bundeswehr sowie Vorsitzender des Nato-Militärausschusses. Er war zu diesem Zeitpunkt als Marinehelfer auf der Nordseeinsel stationiert und hat sehr persönliche Erinnerungen. An der Gedenkfeier in Cuxhaven konnte er nicht teilnehmen, sandte aber aus Lübeck-Travemünde einen handgeschriebenen Brief, der deutlich Haltung zeigt und ein Dokument der Zeitgeschichte ist. Manfred Mittelstedt verlas ihn ebenso wie eine Grußadresse vom österreichischen Schwarzen Kreuz. Eines der Opfer aus Helgoland, Karl Fnouka, war gebürtiger Wiener. General a.D. Altenburg schreibt zu den Ereignissen: „Der 18. April 1945 gehört zu den grausamsten Erinnerungen meiner Jugend. Das persönliche Erleben beeindruckt mehr, als das Wissen um viele grausame Ereignisse in dieser Zeit. Ich sehe den Fähnrich Martin O. Wachtel vor mir: Ein fürsorglicher Vorgesetzter, der bei uns Marinehelfern der Falm-Batterie als Unterrichtender aushalf. Mit einigen von uns übte er Lieder ein: ,Kameraden, wann sehen wir uns wieder?‘, war sein Lieblingslied. Ein Mann mit Herz und Verstand. Dass er und seine Freunde versucht haben, kurz vor Kriegsende die Zerstörung zu verhindern, war eine ehrenvolle Absicht. Es hätte vielen Kameraden von mir und anderen Menschern auf der Insel das Leben retten können. Ich sehe auch heute in dem Verhalten seiner Gruppe keinen Landesverrat, der in den letzten wirren Tagen mit dem Tode geahndet werden müsste. Die Kenntnis der Gesamtlage zu diesem Zeitpunkt im Deutschen Reich und das Gerichtsurteil in Cuxhaven in der Lage, hätten verlangt, dass man diesen Fall später mit Sorgfalt überprüft! Ich möchte deutlich machen, dass Fähnrich Wachtel und seine Freunde verdient haben, dass man an sie heute mit Achtung und Dankbarkeit denkt. Ich habe mich als oberster Soldat der Bundeswehr intensiv mit den Männern des 20. Juli 1944 befasst. Die Namen von Stauffenberg, von Treskow und Witzleben sind Teil der Tradition unserer neuen Armee. In gleicher Weise bezeuge ich meinen Respekt vor den Helgoländern, die ihre Liebe zu ihrer Heimat mit dem Tod bezahlt haben.“

Unterstützer des Projektes:

Die Gedenkstätte wurde möglich durch Vereine, Institutionen und Einzelunterstützer: General a.D. Wolfgang Altenburg, Oliver Bode (VGH), Dr. Herwig Brandstetter (Österreichisches Schwarzes Kreuz), Förderverein Marinegrab, Förderverein Marinesucherehrenmal, Förderverein Museum Helgoland, Astrid Friederichs , Freimaurerloge Anschar zum Friedenshafen, Bernd Fritsche, Blumenhaus Huhn, Husfeldt und Husfeldt GmbH, Lenz Grabmale, Campingplatz Sahlenburg, Ehepaar Mittelstedt, Ehepaar Pester, Hermann Osterloh, Ortsrat Sahlenburg, Stadt Cuxhaven, Ehepaar Wöbber.

Von Wiebke Kramp

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